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Urteil im Mord an Münchner Parkhaus-Millionärin : Zweifel um den Angeklagten

Der Angeklagte Benedikt T. Bild: dpa

Das Münchner Schwurgericht hat den Neffen einer Parkhaus-Millionärin wegen Mordes an seiner reichen Tante zu lebenslanger Haft verurteilt. Bei der Urteilsverkündung kam es zu tumultartigen Szenen. „Das ist falsch, jeder Satz ist falsch“, rief der Angeklagte dem Vorsitzenden Richter zu.

          Möglicherweise, so hatte es geheißen, werde das Landgericht München an diesem Dienstag ein Urteil im Mordprozess gegen Benedikt T. fällen. Gewiss war das auch nach 92 Verhandlungstagen, rund 200 Beweisanträgen der Verteidiger und etlichen Unschuldsbeteuerungen des Angeklagten nicht, die T. immer verbitterter vorbrachte, als habe er längst den Glauben verloren, dass das Gericht ihm glauben werde. Glauben, dass nicht er es war, der seine Tante, die damals 59 Jahre alte Charlotte Böhringer, am frühen Abend des 15. Mai 2006 in der über ihrem Parkhaus gelegenen Wohnung nahe dem Isartor erschlug. Heimtückisch und aus Habgier, weil er um sein Erbe gebangt habe, wie ihm die Staatsanwaltschaft vorhielt.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Zweimal schon war plädiert worden, beim ersten Mal über 16 Stunden; zweimal waren dann neue Zeugen oder alte Zeugen aufs Neue geladen, neue Sachverständige gehört worden; und auch am vergangenen Freitag, bei den dritten Abschlussplädoyers, hatten die beiden Verteidiger von zahllosen offenen Fragen gesprochen. Und immer wieder den Satz gesagt: „Im Zweifel für den Angeklagten“. War nicht mit einer neuerlichen, einer vierten Eröffnung der Beweisaufnahme zu rechnen?

          Schauder, Schickeria und Schicksal

          Deshalb war vor diesem Dienstag eigentlich nur gewiss, dass sich wieder Scharen von Münchnern auf die orangefarbenen Klappsitze des Gerichtssaals drängen würden. Denn seit seiner Eröffnung im Mai 2007 wartet der „Parkhausmord-Prozess“ mit allem auf, was Kriminalisten an der Isar fasziniert. Mit Schauder: Charlotte Böhringer, soviel ist gewiss, lag bäuchlings im Eingangsbereich ihrer Wohnung, die Füße zur Tür gerichtet; mindestens 24 Hiebe zertrümmerten ihren Schädel, ein stumpfer Gegenstand soll es, ein Stemmeisen mag es gewesen sein. Mit Schickeria: Die damals 59 Jahre alte Frau Böhringer, durch ihre Heirat mit einem beträchtlich älteren Bauunternehmer zu Immobilienbesitz und Millionenvermögen gelangt, war eine feste Größe in der Münchner Gesellschaft, deren prozessrelevante Teile denn auch im Schwurgerichtssaal ihren Auftritt hatten. Und mit Schicksal: dem der Toten, vor allem aber dem des mittlerweile 33 Jahre alten Angeklagten. Bei einem Freispruch würde er Millionen von seiner kinderlos gebliebenen Tante erben, ein rechtskräftiger Schuldspruch würde ihn womöglich lebenslang ins Gefängnis bringen und seinen Erbanteil an den Staat fallen lassen. Denn wer mordet, soll nicht erben.

          T. arbeitete im Parkhaus der Tante, galt als ihr Hoffnungsträger und Lieblingsneffe - ein angesichts ihres Testaments erbaulicher Status, der allerdings aus Sicht der Anklage gefährdet war. Denn die Tante habe großen Wert darauf gelegt, dass T. sein Jurastudium erfolgreich abschließe. Ein Zeuge berichtete im Prozess davon, wie T. ein angeblich bestandenes erstes Examen im Kollegenkreis mit Weißwürsten und Bier gefeiert habe; in Wirklichkeit jedoch war er gar nicht zur Prüfung angetreten. Auch habe er aus der Kasse der Tante gestohlen. Als Charlotte Böhringer misstrauisch wurde, habe T. sie erschlagen, lautet das Fazit der Anklage.

          „Ich habe diese Wahnsinnstat nicht begangen“

          Zu Prozessbeginn trug der große und feingliedrige T. sein dunkles Haar noch offen und schulterlang, nach Art eines Schwabinger Bohemiens. „Ich habe diese Wahnsinnstat nicht begangen“ - das klang gefasst, kontrolliert. Bei den Schlussvorträgen nun wirkte T. ausgezehrt, nach 26 Monaten Untersuchungshaft und 15 Monaten Prozess am Ende seiner Kräfte. Nun trug der Staatsanwalt sein graumeliertes Haar offen und schulterlang, T. hatte sich eine Glatze scheren lassen und war nach einem 40 Tage währenden Hungerstreik abgemagert. Wie getrieben schrieb er mit, während seine Anwälte sich mühten, jedes einzelne der Indizien zu zerpflücken, auf deren Grundlage die Staatsanwaltschaft eine Verurteilung erreichen wollte. „Schwindsüchtig“ nannte einer der Verteidiger diese Indizien, „mehrdeutig“, „hanebüchen“.

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