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Urteil im Fall Mirco : Lebenslange Haft für den Mörder

Olaf H.: Bis zuletzt hat er keine schlüssige Erklärung für seine Tat Bild: dapd

Wegen Mordes an dem zehnjährigen Mirco aus Grefrath wurde der Angeklagte Olaf H. zu lebenslanger Haft verurteilt. Zugleich stellten die Richter die besondere Schwere der Schuld fest.

          Wie ist es möglich, dass ein bisher völlig unbescholtener Mann, der von Zeugen glaubwürdig als liebevoller Vater beschrieben wird, ein Kind von der Straße abfängt, es quält, es missbraucht und dann tötet? Auch Richter Herbert Luczak weiß am Donnerstag in seiner Urteilsbegründung darauf keine abschließende Antwort. Was Olaf H. zu seiner Tat getrieben hat, konnte die große Strafkammer am Landgericht Krefeld in den insgesamt zwölf Verhandlungstagen seit Mitte Juli nicht verlässlich klären. Aber dass der 45 Jahre alte ehemalige leitende Telekom-Angestellte am Abend des 3. September 2011 den zehn Jahre alten Mirco von seinem Rad zerrte und in sein Auto bugsierte, dann 24 Minuten lang mit dem zu Tode vereängstigten Kind auf dem Beifahrersitz umherfuhr, bis ihm ein Waldweg geeignet erschien, um sich dort über Mirco herzumachen, ist für das Gericht zweifelsfrei geklärt. Als bewiesen sieht es nach der Würdigung der umfangreichen Ermittlungen der Sonderkommission „Mirco“, nach der Gewichtung der diversen Geständnisversionen und nach eingehender Zeugenvernehmung auch an, dass Olaf H. dem Kind schließlich einen qualvollen Tod bereitete. Deshalb erkennt das Gericht nicht nur auf eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes, Freiheitsberaubung, sexueller Nötigung und sexuellen Missbrauchs, sondern stellt zugleich auch eine besondere Schwere der Schuld fest. Mircos Mörder kann also nicht darauf hoffen, nach 15 Jahren wieder auf freien Fuß zu kommen. Strafverteidiger Gerd Meister hält zwar die lebenslange Haft für angemessen, kündigt aber dennoch Revision an. Denn über die besondere Schwere der Schuld könne man streiten.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mit ihrem Urteil folgt die große Strafkammer dem Antrag von Staatsanwältin Silke Naumann, die in ihrem Plädoyer am Montag darauf hingewiesen hatte, dass Olaf H. in seinem Firmenwagen die beiden Tatwerkzeuge mitführte: eine Baumarktschnur, mit der er sein Opfer erdrosselte, und ein Messer. Auch Richter Luczak ist in seiner Urteilsbegründung überzeugt, dass Olaf H. Mirco damit in den Hals stach, „um sicher zu sein“, dass das Kind auch wirklich tot sei. „Der Mord war keine Spontantat“, sagt Luczak. Der Richter verweist darauf, dass H. am Tattag rund vier Stunden lang am Niederrhein unterwegs gewesen sei, um ein leichtes Opfer für seine Phantasien zu finden. Auch der Wertung der Staatsanwaltschaft, H. sei es darum gegangen, den sexuellen Missbrauch mit dem Mord zu verdecken, schließt sich das Gericht am Donnerstag an.

          Er wollte sich allmächtig fühlen

          Dem psychiatrischen Sachverständigen wiederum folgt die Strafkammer in der Bewertung, dass H. kein Pädophiler ist. Vielmehr habe der Familienvater bei seiner Tat „Gefühle der Allmacht“ erleben wollen, sagt Luczak. Auf die Vermutung, H. könnte ein sadistisch-perverser Täter sein, lässt sich der Richter lieber nicht ein. Schließlich hatte der psychiatrische Gutachter in der Hauptverhandlung selbst darauf hingewiesen, dass er diese These nicht beweisen könne - nicht nur, weil sich H. einer ausführlichen Begutachtung beharrlich entzog und damit auch gänzlich ungeklärt bleibt, welche seelische Vorgeschichte der Familienvater eigentlich hat, was ihn zur tickenden Zeitbombe machte. Hinzu kam auch, dass der Psychiater kaum rechtsmedizinische Vorerkenntnisse nutzen konnte. Denn Mircos Leichnam konnte erst viele Monate nach der Tat - nach der ersten Vernehmung von Olaf H. - gefunden werden.

          Mircos Eltern, Sandra und Reinhard Schlitter, an einem der letzten Prozesstage

          Der Fall Olaf H. ist in vielerlei Hinsicht ein spektakulärer Fall. Nicht nur wegen der großangelegten Suchaktion nach Mirco, an der mehrere Polizei-Hundertschaften und sogar zwei Bundeswehr-Tornados beteiligt waren. Die Ermittler hatten mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. So gingen etwa am Fahrrad des Kindes wichtige Spuren verloren, weil es ein unbedarfter Finder feinsäuberlich reinigte. Immerhin stießen Zeugen auf einige der Kleidungsstücke Mircos, die Olaf H. nach der Tat aus seinem Auto schleuderte. Mit Hilfe aufwendiger feingeweblicher Untersuchungen gelang es den Ermittlern schließlich, an den Kleidern Fasern aus dem Innenraum einer ganz bestimmten VW-Passat-Baureihe festzustellen.

          Beinahe allerdings wäre der Soko „Mirco“ der Passat von Olaf H. durch die Lappen gegangen. Denn der Mörder Mircos hatte seinen Geschäftswagen nach Ablauf des Leasing-Vertrags schon zurückgegeben. Wochenlang mühten sich die Ermittler, den Verbleib des Wagen zu erkunden. Allerdings war die Soko „Mirco“ Olaf H. wohl auch mit Hilfe von Telefondaten auf die Schliche gekommen. Und schließlich gab Olaf H. trotz oder gerade wegen seiner insgesamt zehn Geständnisvarianten im Prozess bis zuletzt Rätsel auf. Selbst sein Strafverteidiger attestierte ihm, er habe im Verfahren „geleugnet, manipuliert und versucht, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen“. Jedenfalls hat der Familienvater nichts zur Motivforschung beigetragen. Bedrückend bleibt der Fall, weil auch nach einem vorbildlich geführten Hauptverfahren die eine große Frage nicht geklärt ist: Warum?

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