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Urteil im Fall Alessio : Eine Tragödie, ein Verbrechen

Der Angeklagte auf dem Weg in den Gerichtssaal (Archivbild) Bild: dpa

Weil er seinen dreijährigen Stiefsohn totschlug, muss Norbert T. in Haft. Der Prozess zeichnete ein Leben nach, das ihn überforderte. Ob das Jugendamt falsch gehandelt hat, muss an anderer Stelle entschieden werden.

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          Das Auftreten des Angeklagten erinnert weder an das eines grobschlächtigen Schwarzwaldbauern noch an das eines gewalttätigen Stiefvaters. Als der 33 Jahre alte Norbert T., der Stiefvater von Alessio und frühere Lebensgefährte von Antea N., den Saal IV des Freiburger Landgerichts betritt, verdeckt er sein Gesicht mit einem schwarzen Pullover. Dann nimmt der schmächtige Mann auf der Anklagebank Platz. Am 16. Januar 2014 soll er seinen drei Jahre alten Stiefsohn auf dem Zipfelhof in Lenzkirch mit mehreren Faustschlägen in den Bauch lebensgefährlich verletzt haben.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der Tod des Kindes rief großes Aufsehen hervor, weil dem Fall eine bedrückende Familiengeschichte zugrunde lag. Norbert T. ist in seiner Kindheit geschlagen worden, Antea N., Alessios Mutter, wurde von ihrem Vater missbraucht und leidet bis heute am Borderline-Syndrom. Außerdem war Alessio – trotz mannigfacher Warnungen – vom Jugendamt des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald nicht rechtzeitig in Obhut genommen worden. „Wir verurteilen Norbert T. wegen Körperverletzung mit Todesfolge, der Misshandlung von Schutzbefohlenen und wegen Körperverletzung in vier Fällen zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und zwei Monaten“, sagte die Vorsitzende Richterin. „Buh, sechs Jahr für ein Menschenleben, und auch noch a Kind“, ruft eine Zuhörerin empört dazwischen.

          Die Verteidigerin hatte in ihrem Plädoyer vier Jahre verlangt; die Staatsanwaltschaft acht Jahre. Vom ursprünglichen, schwerer wiegenden Tatvorwurf des Totschlags war die Staatsanwaltschaft abgerückt, weil sich eine bedingte Tötungsabsicht nicht nachweisen ließ. „Die Dinge, die geschehen sind, haben schicksalhafte Züge, es handelt sich um eine Tragödie, es handelt sich aber auch um ein Verbrechen mit klarer Verantwortlichkeit des Angeklagten“, sagt die Vorsitzende Richterin in ihrer Urteilsbegründung.

          Richter haben es schwerer als Mediziner

          Ist es eine Tragödie, ist es schicksalhaft, wenn ein Stiefvater seinen ihm anvertrauten Sohn über Jahre misshandelt und ihm schließlich durch mehrere Faustschläge in den Bauch lebensgefährliche Verletzungen zufügt? Hatten nicht Alessios Kinderärzte und sogar Mediziner des Universitätsklinikums Freiburg öffentlich darauf hingewiesen, dass Alessio in den Jahren 2013 und 2014 mehrfach wegen Verletzungen behandelt werden musste, weil er vom Stiefvater zu Hause geschlagen worden war? So einfach wie die Mediziner haben es die Richter nicht. Sie müssen, um zu einer Verurteilung zu kommen, für jede einzelne Verletzung nachweisen, dass sie Folge einer Handlung des Angeklagten ist. „Eine Verurteilung kann nur erfolgen, wenn festgestellt werden kann, dass die Verletzungen nicht durch ein Unfallgeschehen entstanden sind“, sagte die Richterin.

          Alessio hatte zwar viele Hämatome, Schürfwunden, Beulen und Einblutungen. Aber nur vier Körperverletzungen kann das Gericht dem Angeklagten konkret anlasten: drei Ohrfeigen sowie ein Schlag auf den Mund in der Nacht. Und bezüglich der Todesumstände könne dem Angeklagten kein „bedingter Tötungsvorsatz“ nachgewiesen werden, Schläge in den Bauch seien – anders als zum Beispiel bei einer Messerattacke – nicht „a priori tödlich“.

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