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Prozess in Darmstadt : Die Ehre der Familie sollte gewahrt werden

  • -Aktualisiert am

Frau Khan kurz vor der Urteilsverkündung Bild: dpa

Das Urteil im Darmstädter Ehrenmord-Prozess ist gefallen. Die Richter mussten eine Frage von gesellschaftspolitischer Sprengkraft beantworten: Kann das Leben in einer Parallelgesellschaft eine Entschuldigung sein?

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          Dass es Mord war, über den die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt im Fall der Ende Januar getöteten Lareeb Khan zu urteilen hatte, war schon vor der Urteilsverkündung am Dienstag ziemlich klar: Erdrückend war die Beweislage, außerdem gab es ein Geständnis des aus Pakistan stammenden Vaters. Er hatte zugegeben, seine 19 Jahre alte Tochter erwürgt zu haben, weil sie eine von ihm und seiner ebenfalls aus Pakistan stammenden Frau nicht geduldete Beziehung zu einem mehrere Jahre älteren Studenten führte. Dass dieser wie die Familie Khan Mitglied in der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde war und ebenfalls pakistanische Wurzeln hatte, änderte daran nichts. Die Situation spitzte sich im Gegenteil zu, als die Eltern erfuhren, dass ihre Tochter Kondome gestohlen hatte – aus Scham, sie zu kaufen. Kurz darauf war sie tot.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Die eine Frage, die das Gericht zu klären hatte, war, ob sich die Mutter von Lareeb Khan ebenfalls des Mordes schuldig gemacht hat oder nur wegen Beihilfe zu belangen ist. Die andere Frage, von gesellschaftspolitischer Dimension und Sprengkraft: Kann die Abschottung der Familie Khan in ihrer muslimischen Gemeinde, für die vielfach das Wort „Parallelgesellschaft“ Verwendung fand, womöglich entlastend berücksichtigt werden? In diese Richtung hatte vor allem der Verteidiger von Herrn Khan argumentiert.

          Bei der Beantwortung der ersten Frage ließ der Vorsitzende Richter keinerlei Zweifel: Die Tat war Ergebnis dezidierter Planung beider Ehepartner und auch in beider Interesse. Letzteres folgerte der Richter etwa aus Vernehmungen nach der Tat, in der die Frau – aus Sicht des Richters glaubwürdig – das Motiv benannt hatte: Sie habe schlicht Angst gehabt, dass die Ahmadiyya-Gemeinde Kenntnis vom vorehelichen Sex ihrer Tochter erlange und dass der Familie daher der Ausschluss aus ihrem – einzigen – privaten Umfeld drohe. Dass diese Gefahr tatsächlich real war, daran ließen Aussagen von Gemeindevertretern vor Gericht kaum Zweifel.

          Tat konnte nur mit Hilfe der Frau ausgeführt werden

          Der Anwalt von Frau Khan hatte in seinem Plädoyer ausgeführt, sie sei gemäß den Rollenvorstellungen in ihrer Gemeinde vom Mann bei der Planung der Tat nicht gefragt und bei deren Ausführung gewissermaßen als Instrument missbraucht worden. Gegen dieses Bild verwahrte sich der Richter. Er hob hervor, dass die Tat ohne ein aktives Mitwirken der Frau, etwa beim Transport des Leichnams zu einem Parkplatz, kaum auszuführen gewesen wäre. Außerdem sei die Frau auf einer Überwachungskamera des Wohnblocks in Darmstadt zu sehen, als ihr Mann am Nachmittag vor der Tat Camouflagetechniken erprobte. Schließlich wies der Richter darauf hin, dass das Verhalten von Frau Khan im Gerichtssaal – einmal hatte sie etwa ihren weinenden Mann angeherrscht – dem Bild einer unterwürfigen Person durchaus widersprach.

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