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Prozess in Darmstadt : Die Ehre der Familie sollte gewahrt werden

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Sowohl Frau Khan als auch ihr Mann hatten ihre Versionen von der Tatnacht vor Gericht in veränderter Form präsentiert. Vater Khan revidierte die Darstellung, wonach er seine Tochter im Schlaf überrascht habe; vielmehr habe Lareeb die Hand gegen ihn erhoben, nachdem sie, so die Mutter in ihrer modifizierten Aussage, wegen der Kondome „zur Rede gestellt“ werden sollte. Der Richter erkannte darin bloße Schutzbehauptungen, mit denen das Mordmerkmal der Heimtücke aus der Welt geschafft werden sollte. Es sei nicht glaubhaft, dass Lareeb ihren Vater tätlich angriff, dagegen spreche auch die gutachterliche Stellungnahme.

Auch für die erschütternde Schilderung des Vaters, wie er mit seinen Knien die Arme der Tochter einzwängte und sie so verteidigungsunfähig machte, könne es keine andere Erklärung geben, als dass sie der Wahrheit entspreche. Schließlich lasse der Verlauf der Nacht – Lareeb schrieb um 1.20 Uhr ihrem Freund eine Nachricht, ohne einen Streit mit den Eltern zu erwähnen – ein geplantes Vorgehen als zwingend erscheinen. Zu schweigen von den Vorkehrungen am Nachmittag und Abend – die kleinere Tochter wurde zum Beispiel zu Verwandten geschickt, ein Rollstuhl zum Transport der Todgeweihten wurde bereitgestellt.

Niedere Beweggründe

Auch das Mordmerkmal der niederen Beweggründe sah der Richter als gegeben an. Er folgte damit der jüngeren Rechtssprechung des Bundesgerichtshofs zu Fällen von sogenanntem Ehrenmord. Der Richter sagte mit Bezug auf den Anwalt von Vater Khan, der auch nach schuldhaftem Verhalten von Lareeb und ihrem Freund, etwa in der Angelegenheit vorehelicher Sex, gefragt hatte: Es wäre „ein Rückschritt“, wenn in unserer „kultivierten Gesellschaft“ der Kondom-Kauf einer 19 Jahre alten Frau als Tötungsgrund anerkannt würde. Er erkenne im Vorgehen der Eltern, die Angst hatten, ihr bisheriges Leben zu verlieren, durchaus niedrige Beweggründe.

Der Vorsitzende Richter machte immer mal wieder Anmerkungen, die weniger für die Prozessparteien als vielmehr für die Öffentlichkeit gedacht waren. Das galt besonders, als er zum Schluss zur Beurteilung einer möglichen besonderen Schwere der Schuld kam. Bei Vater Khan wertete der Richter das Geständnis als positiv. Bei beiden Angeklagten wies er darauf hin, dass Schuld immer unter dem Aspekt persönlicher Vorwerfbarkeit bewertet werden müsse. In „unserer kapitalistischen Gesellschaft“ hätten wir uns daran gewöhnt, „dass die Oma aus Habgier niedergemetzelt wird“. Kein Vergleich sei das zur allgemeinen Fassungslosigkeit, mit der nun der Fall Lareeb begleitet worden sei. Der Grund dafür sei, „dass wir in unserer Arroganz nicht einschätzen können“, was die Exkommunikation, also der Ausschluss aus der Glaubensgemeinde, für das Ehepaar Khan bedeutete. Dabei sei „nicht viel Unterschied“ zwischen diesem Motiv und etwa dem der Habgier. Dabei gehe es „nicht um Verständnis, sondern um Verstehen“.

Der Vorsitzende Richter hob hervor, es sei manchmal schon schwierig, in nur einem Wertesystem zu leben. Umso schwieriger sei es, wenn es zwei Systeme sind. „Die Eheleute Khan haben das nicht hinbekommen.“ Sie wurden jeweils wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Eine besondere Schwere der Schuld liege nicht vor.

Die Ahmadiyya, Reformer oder Häretiker?

Die Religionsgemeinschaft der Ahmadiyya versteht sich als Reformbewegung innerhalb des Islams. Das pakistanische Parlament hatte 1974 die Ahmadiyya aber aus der Gemeinschaft der Muslime ausgeschlossen. Seither ist sie in den meisten muslimischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens verboten. Gegründet wurde sie Ende des 19.Jahrhunderts in Britisch-Indien von Mirza Ghulam Ahmad (1835 bis 1908). Er behauptete, die Wiederkunft Jesu zu sein und der islamische Messias („Mahdi“). Ahmad forderte eine zeitgemäße Auslegung des Korans und lehnte den Dschihad gegen die britische Kolonialmacht ab. Er predigte, dass der Islam mit friedlichen Mitteln verbreitet werden dürfe. Das brachte die Ahmadiyya in einen Gegensatz zu der Deobandi-Bewegung. Diese ist eng am wahhabitischen Islam Saudi-Arabiens ausgerichtet, ihre Partei Dschamaat-i Islami wurde die treibende Kraft für die Islamisierung des 1947 gegründeten Staats Pakistans. Von 1953 an nahmen dort die Ausschreitungen gegen die Sekte zu. Die Mitglieder der Ahmadiyya sehen sich als die Elite der Muslime. Ihren Ausschluss aus der Gemeinschaft des Islams werten sie Beleg dafür, dass die anderen Muslime nicht länger gläubig seien. 1974 wanderten sie meist in die Länder aus, in denen sie Missionen aufgebaut hatten, vor allem Westafrika, auch Kanada. Nach der Teilung der Bewegung befindet sich das Zentrum des größeren Teils in London. Die Anhänger verehren ihr Oberhaupt als Kalifen. (Her.)

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