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Urteil gegen Amanda Knox : „Nein, das ist falsch und das werde ich beweisen“

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Beharrt auf ihrer Unschuld: Amanda Knox im Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender ABC Bild: REUTERS

Amanda Knox beteuert nach dem abermaligen Schuldspruch im Mordfall Kercher im amerikanischen Fernsehen ihre Unschuld. Die Verurteilung zu 28 Jahren Haft habe sie „getroffen wie ein Zug“.

          Einen Tag nach dem neuen Schuldspruch hat Amanda Knox in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender ABC abermals ihre Unschuld erklärt: „Meine erste Reaktion nach dem Urteil war: Nein, das ist falsch und das werde ich beweisen“, sagte sie. Die Verurteilung zu 28 Jahren Haft durch ein Gericht in Italien habe sie „getroffen wie ein Zug“. Auf die Frage der Moderatorin, ob sie auf eine Ausweisung nach Italien und somit auf den Antritt der Haft vorbereitet sei, rang Knox um Fassung. „Nein, das bin ich nicht“, sagte sie, „Ich werde bis zum Ende dagegen kämpfen.“

          Die juristische Aufarbeitung eines spektakulären Mordfalls gerät zu einer schier unendlichen Geschichte. Zwölf Stunden brauchen die acht Richter und Geschworenen, um Amanda Knox und ihren früheren italienischen Freund von neuem schuldig zu sprechen - für die Ermordung der jungen Britin Meredith Kercher. „Die Schlacht geht aber weiter, ich bin unschuldig“, sagte Raffaele Sollecito nach dem nunmehr vierten Urteil. Knox verkündet aus dem fernen Seattle an der amerikanischen Westküste: „Das ist aus dem Ruder gelaufen. Ich bin erschrocken und traurig über dieses ungerechte Urteil.“ Nie kehre sie freiwillig nach Italien zurück.

          Knox soll für 28 Jahre und sechs Monate, Sollecito für 25 Jahre ins Gefängnis. Und während die Amerikanerin in den Vereinigten Staaten vor der italienischen Justiz zunächst sicher scheint, muss der Italiener seinen Pass abgeben und darf das Land nicht verlassen: Fluchtgefahr. Er hielt sich unweit der Grenzen zu Österreich und Slowenien auf, als die Polizei am Freitag in seinem Hotel bei Udine erschien und ihn mit aufs Präsidium nahm. Hinter Gitter muss er nicht - das Urteil ist noch nicht endgültig.

          Auf der einen Seite stehen die Widersprüche der Angeklagten und etliche Ungereimtheiten nach dem Mord an Kercher, auf der anderen Seite Ermittlungspannen und kaum belastbare Indizien. Auch deshalb ist das vierte Urteil wohl noch nicht das letzte Wort in dem jahrelangen Justizkrimi. Der steht schon lange im internationalen Rampenlicht vor allem der angelsächsischen Medien.

          Ermittlungspannen und kaum belastbare Indizien

          Die Geschichte um den Mord an der 21 Jahre alten Kercher nahm überraschende Wendungen. Was war damals passiert? War ein Sexspiel ausgeufert oder war es das tödliche Ende eines Streits um eine verschmutzte Toilette? Fest steht: Am Mittag des 2. November 2007 wurde Kerchers nackte Leiche in Perugia gefunden, mit durchschnittener Kehle und etlichen Messerstichen. Das brutale Verbrechen schockierte Italien, die Öffentlichkeit wollte einen Schuldigen. Schienen die schnell verhafteten Knox und Sollecito zunächst wie die klaren Täter, kamen später immer mehr Zweifel auf. Es gab Ermittlungspannen. Doch auch Knox selbst brachte sich mit einer Falschaussage in Bedrängnis.

          Gut sechs Jahre und drei Prozesse später wurde nun das vierte Urteil für Knox (26) und Sollecito (29) gesprochen. Dagegen wollen die Anwälte von Knox Berufung einlegen. Der Justizkrimi wird damit um ein Kapitel ergänzt; bis zu einem endgültigen Schuld- oder Freispruch müssen Knox, Sollecito und die Familie des Opfers weiter warten.

          Wirklich sicher ist kaum etwas in dem jahrelangen Krimi um Lüge und Wahrheit. Warum etwa das Gericht in Florenz die Strafe für Knox verglichen mit der ersten Verurteilung nun noch um zweieinhalb Jahre erhöhte, das kann erst mit der Begründung des Urteils klarer werden. Damit ist in einigen Wochen zu rechnen. Auch in dem Berufungsprozess jetzt blieben die Zweifel bestehen und die Beweislage ziemlich mau.

          Jahrelanger Krimi um Lüge und Wahrheit

          „Was in der Via della Pergola (in Perugia) geschah, davon gab es von Anfang an mehr Eindrücke als wirkliche Beweise“, so meinte am Freitag die römische Tageszeitung „La Repubblica“. In Wirklichkeit sei es wohl mehr um das Prestige eines Teils der Justiz und der Polizei in Umbrien gegangen denn um die Ermittlung der Täter.

          Meredith Kercher wurde brutal ermordet, der bislang einzige rechtskräftig verurteilte Täter ist der Ivorer Rudy Guede - jedoch nur wegen Beihilfe. Der junge Mann wurde im Jahr 2010 in einem abgetrennten Prozess zu 16 Jahren Haft verurteilt. Zahlreiche DNA-Spuren Guedes wurden am Tatort gesichert, doch die Richter zeigten sich überzeugt, dass er nicht alleine gehandelt haben könne.

          Die Justiz interpretierte die Indizien und Beweise in dem Fall auf verschiedene Art und Weise. Während die Staatsanwaltschaft im ersten Prozess 2009 davon ausging, Kercher sei bei einem stark ausgeuferten Sexspiel getötet worden, präsentierte Staatsanwalt Alessandro Crini nun eine andere Theorie. Seiner Ansicht nach wurde sie getötet, weil sie sich über die verschmutzte Toilette beschwerte. Daraus sei ein gewalttätiger Streit zwischen Knox, Sollecito und Guede entbrannt.

          2009 wurden Knox und Sollecito auf der Basis von DNA-Tests verurteilt, die später als unzuverlässig eingestuft wurden. Zwei Jahre späer wurden die beiden Hauptverdächtigen deshalb in zweiter Instanz freigesprochen. Doch wegen „etlicher Mängel, Widersprüche und offensichtlicher Unlogik“ wurde dieses Urteil vom höchstem Gericht Italiens im März 2013 wieder gekippt. Neue DNA-Tests mit Spuren der mutmaßlichem Mordwaffe - einem Messer aus Sollecitos Wohnung - zeigten im neuen Prozess Spuren von Knox, aber keine des Opfers.

          Stephanie Kercher, die Schwester der Ermordeten, hat die Suche nach dem Täter fast schon aufgegeben. „Das Urteil wird keine Rache oder die Wahrheit bringen“, sagte sie. „Ich werde immer Zweifel in meinem Herzen haben, das ist offensichtlich, aber wir können nur das akzeptieren, was die Richter sagen, und die Justiz respektieren.“

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