https://www.faz.net/-gum-tmou

Urteil : Freispruch im Hagener „Ehrenmord“-Prozeß

  • Aktualisiert am

Der angeklagte Mehmet S. mit seinem Verteidiger Siegmund Benecken Bild: dpa

Der Angeklagte Mehmet S. ist aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte ihn, die ehemalige Lebensgefährtin seines Bruders und deren neuen Freund durch Kopfschüsse getötet zu haben.

          2 Min.

          Im Zweifel für den Angeklagten: Dieser alte Rechtsgrundsatz hat am Freitag im Hagener „Ehrenmord“-Prozeß einen 38 Jahre alten Mehmet S. vor einer langjährigen Gefängnisstrafe bewahrt. Der Türke war angeklagt gewesen, am vergangenen Silvesterabend in Iserlohn die 32 Jahre alte ehemalige Lebensgefährtin seines Bruders und deren 23 Jahre alten neuen Freund auf der Straße aus nächster Nähe mit Kopfschüssen getötet zu haben. Tatmotiv soll laut Staatsanwaltschaft die Wiederherstellung der „Familienehre“ gewesen sein. Aus Mangel an Beweisen wurde der Iserlohner nun freigesprochen.

          Das Opfer hatte über fünf Jahre mit dem Bruder des Angeklagten zusammengelebt. Sie hatten einen zur Tatzeit zwei Jahre alten Sohn. Im August 2005 trennten die beiden sich. Nach der Trennung schikanierte ihr ehemaliger Partner die Frau. Dies eskalierte, als sie eine neue Beziehung einging. Der Vorsitzende Richter Horst Werner Herkenberg sprach in der Urteilsbegründung von einem „unerträglichen Kesseltreiben“ mit Einschüchterungsversuchen, Beschimpfungen, Auflauern und sogar Todesdrohungen. Dem Mann sei zeitweise gerichtlich verboten worden, sich der Frau zu nähern. Drei Wochen vor der Tat kam es zu einer Schlägerei zwischen den Familien des neuen Partners und des Angeklagten, bei der auch Eisenstangen zum Einsatz kamen.

          „Das Verfahren endet in einer Grauzone“

          Dramatisch waren dann die Ereignisse in der Silvesternacht: Als sich gegen 23.20 Uhr die 32 Jahre alte Frau, ihr Freund und ein 19 Jahre alter Cousin am Rande einer Silvesterfeier auf der Straße aufhalten, kommt aus dem Halbdunkel der Täter, ruft der Frau „Du Schlampe“ zu und schießt aus einer Entfernung von höchstens 50 Zentimetern je zweimal in die Köpfe der Opfer. Ein weiterer Schuß durchschlägt den Kopf des Cousins, der jedoch trotzdem fliehen kann und sogar noch selbst die Polizei verständigt. Er überlebt schwer verletzt. Einen Täter kann er später nicht identifizieren.

          Auch wegen der polizeibekannten Vorgeschichte geraten schnell der ehemalige Partner und seine beiden älteren Brüder unter Verdacht. Alle haben jedoch ein Alibi. Erst Anfang April wird dann der 38 Jahre alte Mann verhaftet. Schmauchspuren an dessen Kleidung und an den Händen sollen ihn nach Ansicht der Staatsanwaltschaft vor Gericht überführen. Im Prozeß kann ein Sachverständigengutachten letztlich jedoch keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Spuren und einer Täterschaft des Mannes nachweisen. Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft lautet daher wie das der Verteidigung: Freispruch.

          Das Unwohlsein wegen des Urteils war dem Vorsitzenden Richter Horst Werner Herkenberg anzumerken. „Das Verfahren endet in einer Grauzone“, sagte er. Es gebe keine ausreichende Gewißheit für eine Verurteilung des Angeklagten. Daher gelte der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Andererseits könne die Kammer den Angeklagten als Täter nicht sicher ausschließen. „Wir gehen davon aus, daß der Täter aus dem Kreis der Familie kommt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rübenzucker : Der den Rüben Zucker gab

          Die süßen Kristalle waren Jahrhunderte exotische Importware – bis der vor 200 Jahren verstorbene Franz Carl Achard erkannte, dass sie sich auch aus einer heimischen Pflanze gewinnen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.