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Interview mit Konfliktforscher : „Sich im Alltag nicht einschränken lassen“

  • -Aktualisiert am

Nach dem Amoklauf von München steigt die Angst vor weiteren Attentaten. Konfliktforscher Ulrich Wagner mahnt zur Ruhe. Bild: dpa

Nach Würzburg, München und Ansbach steigt die Angst vor Terror in Deutschland. Im Interview verrät Konfliktforscher Ulrich Wagner, wie mit der Furcht umzugehen ist.

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          Würzburg, München, Ansbach, Reutlingen: Wie wirken sich so viele schlimme Attentate innerhalb kürzester Zeit auf die Menschen aus?

          Selbstverständlich erhöht die kurze Abfolge der Ereignisse die Verängstigung der Menschen. Und Angst ist zuerst einmal eine vernünftige Reaktion. Sie führt dazu, uns vor gefährlichen Situationen zu bewahren. Sie hat aber auch die Eigenschaft, sich zu verselbständigen. Das kann dazu führen, dass man sich nicht mehr so verhält, wie es der objektiven Gefährdungslage entspricht. So kommt es dazu, dass große Menschenversammlungen oder Plätze wie Flughäfen, Bahnhöfe oder Einkaufszentren gemieden werden. In diesem Fall appelliere ich, sich die objektive Gefährdungslage vor Augen zu halten. Und die ist, gemessen an anderen alltäglichen Gefahren, äußerst gering. Zum Beispiel geht, an der Zahl von Opfern gemessen, in Deutschland mehr Gefahr vom Straßenverkehr aus als von Amok und Terror.

          Was wäre Ihr Rat: Wie sollen Menschen mit der Angst umgehen?

          Ich plädiere dringend dafür, sich in seinem Alltag nicht einschränken zu lassen. Genau darauf zielt der Terrorismus eben ab – und dem sollten wir nicht nachgeben. Wenn wir uns klar machen, dass da gerade ein Mechanismus in uns selbst vorgeht, können wir schon auf diesem Wege der Angst entgegenarbeiten. In der klinischen Psychologie schafft man bei Angstpatienten, die beispielsweise Angst vor bestimmten Tieren haben, Situationen, in denen sie sich diesen Tieren annähern müssen. Wenn die Patienten merken, dass nichts passiert, verringert sich ihre Angst automatisch. Ähnlich sollten wir bei der Angst vor Terroranschlägen oder weiteren Amokläufen vorgehen: weiter mit der Bahn fahren und öffentliche Plätze besuchen. Die objektive Gefahrenlage ist einfach sehr gering. Nach einer gewissen Zeit werden wir merken, dass die Angst zurückgeht.

          Ulrich Wagner, geboren 1951 in Essen, ist Professor für Sozialpsychologie im Fachbereich Psychologie an der Phillips-Universität in Marburg. Außerdem ist er im Zentrum für Konfliktforschung tätig.
          Ulrich Wagner, geboren 1951 in Essen, ist Professor für Sozialpsychologie im Fachbereich Psychologie an der Phillips-Universität in Marburg. Außerdem ist er im Zentrum für Konfliktforschung tätig. : Bild: dpa

          Sorgen die vielen Vorfälle in so kurzer Zeitfolge möglicherweise auch für eine Abstumpfung von Empfindungen wie Empathie und Angst?

          Tatsächlich werden Angstniveaus irgendwann nicht mehr überschritten. Denken wir an Kriegsgebiete, in denen es täglich zu Anschlägen und Toten kommt, dann tritt tatsächliche eine Abstumpfung in Bezug auf Gefahr und Angst ein. In Deutschland sehe ich das aktuell aber noch nicht. Auch eine Abstumpfung der Empathie mit Opfern von Terroranschlägen oder Amokläufen kann ich in Deutschland derzeit nicht erkennen.

          Steigern Attentate wie in Würzburg, München oder Ansbach die Sorge vor weiterer Zuwanderung? Nimmt die Ablehnung gegenüber Flüchtlingen zu?

          In der Tat ist zu befürchten, dass die Dinge schnell verallgemeinert werden. Menschen hören, dass die Täter, wie in Würzburg oder Ansbach, Menschen mit Migrationshintergrund sind. Hier setzt schnell der Mechanismus der Vereinfachung ein. Einwanderer sind eine sehr heterogene Gruppe. Mehr als eine Millionen Menschen kamen 2015 nach Deutschland. Darunter finden sich nun einige wenige Gewalttäter. Die Unsinnigkeit einer solchen Vereinfachung aufgrund der Täterherkunft kann auch damit veranschaulicht werden, dass einem solchen Denken nach Menschen im Süden Deutschlands derzeit besonders gefährlich wären, weil ja die neuesten Gewalttaten in Süddeutschland stattgefunden haben.

          Was können Politiker gegen Ängste der Bevölkerung tun?

          Sie sollten Ruhe bewahren. Die objektive Gefährdungssituation ist in Deutschland derzeit gering – trotz der tragischen Attentate in Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach. Richtig ist, darüber nachzudenken, aktuelle Gefährdungen durch Polizeieinsatz zu verringern. Ich befürchte aber, dass allein repressive Maßnahmen, wie ein verstärkter Polizeieinsatz, nicht reichen werden. Erinnern wir uns an den Täter von Würzburg, der in einem Regionalzug, einem Ort mit dem keiner rechnete, mit Haushaltsgeräten ein Attentat verübte. Das lässt sich durch Polizisten nicht verhindern.

          Wofür plädieren Sie stattdessen?

          Wir brauchen präventive Maßnahmen. Es ist einiges über die Hintergründe bekannt, warum Menschen zu terroristischen Attentätern oder Amokläufern werden. In der Regel handelt es sich um junge Menschen, die sich benachteiligt und ungerecht behandelt fühlen. Benachteiligungen und gesellschaftlichem Ausschluss entgegenzuwirken, ist also nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch extrem wichtig, um den inneren Frieden zu bewahren. Außerdem muss den Lockungen islamistischer Heilsversprecher etwas entgegengesetzt werden. An dieser Stelle sind besonders muslimische Glaubensgemeinschaften gefragt.

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