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Getötete Journalistin Kim Wall : Was geschah an Bord der „Nautilus“?

Dieses Foto von Peter Thompson ging um die Welt. Bild: REUTERS/Peter Thompson

Der Tod der Journalistin Kim Wall an Bord eines privaten U-Boots stellt die dänischen Ermittler vor Rätsel. Nur Teile ihrer Leiche wurden bisher gefunden.

          3 Min.

          Auf einem der letzten Bilder kurz vor ihrem Tod lächelt Kim Wall. Sie schaut heraus aus dem Turm der „Nautilus“. Roter Pullover, die Haare hochgesteckt. Hinter ihr der Abendhimmel und neben ihr Peter Madsen, den Blick in die Ferne gerichtet. Schlaff hängt die dänische Fahne. Wall ist Schwedin und eine bekannte Journalistin, weit über das Königreich hinaus. Auf das U-Boot war sie gegangen, weil sie eine Geschichte über Madsen schreiben wollte, den dänischen Erfinder, den Erbauer des U-Boots. Das größte privat gebaute überhaupt, gut 18 Meter war es lang und 40 Tonnen schwer. Es war der Abend des 10. August. Wenige Stunden später war Kim Wall tot.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Seit Mittwoch ist sich die Polizei in Kopenhagen auch sicher, die sterblichen Überreste von ihr gefunden zu haben. Am Sonntag hatte ein Passant Hinweise auf einen Torso in der Ostsee gegeben. Die Polizei zog ihn aus dem Wasser, er trieb vor der Insel Amager in der Køge-Bucht nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Die Polizei sucht weiter nach den Gliedmaßen, doch ist bislang nicht fündig geworden. Kopf, Arme und Beine fehlen. Mit Hilfe einer Haar- und einer Zahnbürste gelang aber der DNA-Abgleich.

          Am Mittwochmorgen teilte die Polizei mit, dass es eindeutig der Leichnam von Kim Wall sei. Auf einer Pressekonferenz berichtete Polizeisprecher Jens Møller Jensen, der Leichnam sei offensichtlich so präpariert worden, dass er versinkt und nicht wieder auftauche. So entdeckten die Rechtsmediziner Hinweise darauf, dass etwas Metallisches am Torso befestigt worden sei, um ihn zu beschweren. Zudem weise er mehrere Verletzungen auf, mutmaßlich, um Luft und Gase entweichen zu lassen, damit er nicht wieder auftreibt. Zur Todesursache konnte die Polizei zunächst keine Angabe machen. Wegen der fehlenden Gliedmaßen sei eine Obduktion schwierig.

          Madsen ist in Dänemark eine kleine Berühmtheit

          Damit ist zwar das tragische Ende dieser Kriminalgeschichte bestätigt. Es ist aber noch lange nicht klar, wie es dazu kam. Sicher ist nur, dass Peter Madsen die Antwort kennt. Er sitzt in Untersuchungshaft. Die Polizei wirft ihm schwere fahrlässige Tötung vor. Ob die Anklage noch geändert wird, ist offen.

          Mit Hilfe einer Haar- und einer Zahnbürste wurde der gefundene Leichnam als Kim Wall identifiziert.
          Mit Hilfe einer Haar- und einer Zahnbürste wurde der gefundene Leichnam als Kim Wall identifiziert. : Bild: Reuters

          Der 46 Jahre alte Madsen ist ein Autodidakt und in Dänemark eine kleine Berühmtheit. Drei U-Boote hat der Ingenieur mit Hilfe von Unterstützern schon gebaut. Nachdem er also in die Tiefe vorgedrungen ist, sollte es auch in die Höhe gehen. Mit einer selbstgebauten Rakete wollte Madsen 100 Kilometer hoch fliegen. Eine erste Rakete schaffte es ohne Besatzung immerhin schon gut acht Kilometer in die Höhe. Madsen gilt als exzentrisch. In manchen Berichten zeichnen Wegbegleiter das Bild eines Manns, der besessen ist von seiner Tüftel-Welt. Die „Nautilus“ ließ Madsen 2008 vom Stapel. Gut 200000 Euro soll sie gekostet haben, bezahlt von Sponsoren.

          Gleich zum Anfang der Geschichte hatte Peter Madsen sich in Widersprüche verstrickt. Schnell wurde die Polizei misstrauisch. Der Freund von Kim Wall hatte sie in der Nacht zu Freitag als vermisst gemeldet. Madsen behauptete zunächst, er habe sie schon am Donnerstagabend wieder auf einer Insel im Hafengebiet abgesetzt. Er sei dann mit der „Nautilus“ noch einmal hinaus in die Ostsee gefahren für ein paar Tests.

          Einsatzkräfte fahren am Dienstag zum Fundort des Torsos der getöteten Journalistin.
          Einsatzkräfte fahren am Dienstag zum Fundort des Torsos der getöteten Journalistin. : Bild: EPA

          „Die Katastrophe können wir noch nicht ermessen“

          Wenige Stunden nachdem die Fotos von Wall und Madsen gemacht worden waren, sank das U-Boot plötzlich. Madsen wurde gerettet und behauptete, es habe technische Probleme mit den Ballasttanks gegeben. Das U-Boot wurde gehoben und untersucht. Kurz darauf teilte die Polizei mit, dass der Untergang mit großer Wahrscheinlichkeit absichtlich herbeigeführt worden sei. Zudem habe Madsen seine Aussage geändert. Später erst wurde klar, dass er offensichtlich da schon gesagt hatte, dass Kim Wall an Bord seines U-Boots gestorben sei, bei einem Unfall. Und auch, dass er sie in der Ostsee „bestattet“ habe. Allerdings war die Polizei zunächst von einem vollständigen Leichnam ausgegangen. Am Mittwoch äußerte der Sprecher der Polizei, man habe nicht erwartet, nur einen Torso zu finden.

          Warum aber versenkte Madsen das Opfer eines angeblichen Unfalls? Und warum war nur der Torso zu finden? Madsens Anwältin sagte dazu nur, der Fund ändere nichts an der Aussage ihres Mandanten. Kim Wall sei durch einen Unfall an Bord des U-Boots ums Leben gekommen. „Mit grenzenloser Traurigkeit und Bestürzung bekamen wir die Nachricht, dass Überreste unserer Tochter und Schwester Kim Wall gefunden wurden“, schrieb ihre Mutter Ingrid Wall auf Facebook. „Das Ausmaß der Katastrophe können wir noch nicht ermessen, und viele Fragen müssen noch beantwortet werden.“

          Dänische Polizei bestätigt : Tote aus dem Meer ist Journalistin Kim Wall

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