https://www.faz.net/-gum-7wuuu

Prügel-Opfer Tugce A. : Ein Schlag mit der Handkante

Blumen, Lichter, Gedichte: Hier erlitt Tugce A. die tödlichen Verletzungen. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Studentin Tugce A., die nach einer Prügelattacke für hirntot erklärt wurde, wird wohl an diesem Freitag endgültig aus dem Leben scheiden. Die Polizei sucht weiter nach zwei Zeugen, die in der verhängnisvollen Nacht die Tat verfolgten.

          4 Min.

          Tugce A. hätte an diesem Freitag Geburtstag gehabt. Sie hätte, wie sie es immer tat, ihre Familie um sich versammelt und einige Freunde. Es hätte Kuchen gegeben und am Abend ein gemeinsames Essen. Sie hätte vermutlich von ihrer Verlobung erzählt. Nächstes Jahr wollte sie heiraten, ein Treffen mit den Eltern war für den kommenden Mittwoch geplant. Und sie hätte vielleicht auch noch einmal die Geschichte aus dem McDonald–s erzählt, diese schreckliche Geschichte, in die sie neulich hineingeraten war. Die Erzählung hätte in dieser Version vielleicht damit geendet, dass sie mit ihren Freundinnen davongekommen wäre, aufgebracht zwar, aber am Leben.

          Katharina Iskandar
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun aber ist die Lehramtsstudentin für hirntot erklärt. Der Kuchen, den es an ihrem Geburtstag geben sollte, wird trotzdem angeschnitten. Bei einer Gedenkminute vor dem Krankenhaus. Vor der Klinik, in der sie an diesem Freitag voraussichtlich sterben wird, weil die Maschinen abgeschaltet werden, die ihre Organe noch am Funktionieren halten. Ihre Familie hat es so entschieden, damit ihr Geburtstag auch ihr Todestag ist. Sie alle werden bei ihr sein.

          Über den Fall der jungen Studentin aus dem Kreis Offenbach wird nun in ganz Deutschland berichtet, vermutlich auch deshalb, weil die junge Frau anderen helfen wollte und gerade damit die Gewalt des Täters auf sich zog. In der Nacht des 15. November war sie mit Freunden unterwegs. Sie hatten den Geburtstag ihrer besten Freundin gefeiert. Die Mädchen waren erst in einem Club, auf dem Rückweg hielten sie an einer Schnellstraße, die Offenbach mit Frankfurt verbindet, an einem McDonald’s an. Schon als sie das Fast-Food-Restaurant betraten, so erinnern sich Zeugen, wurden sie von einer Gruppe junger Männer angemacht, die auch zuvor schon unangenehm aufgefallen war.

          Vermutlich Schlug Sanel M. nur einmal zu

          Als die jungen Frauen am Tisch saßen, so erzählt es Tugces Cousin, haben sie Schreie aus der Toilette gehört. Tugce sagte, sie schaue nach. Sie stand auf und ging zu den Waschräumen. Dort muss sie auf die Täter getroffen sein. Es waren wohl dieselben Männer, die sie am Eingang schon „begrüßt“ hatten. Darunter soll auch Sanel M. gewesen sein, ein 18 Jahre alter Serbe, der später Tugce ins Koma geschlagen hat. Die Männer waren gerade dabei, zwei minderjährige Mädchen in der Toilette zu bedrängen. Tugce mischte sich ein, sagte ihnen, sie sollten die Mädchen in Ruhe lassen. Dass sich das so zugetragen hat, ist inzwischen auch von anderen Zeugen bestätigt. Die Situation wäre vermutlich schon in den Toilettenräumen eskaliert, hätten nicht zwei andere Gäste, die gerade aus der Herrentoilette kamen, eingegriffen. Sie beförderten Sanel M. und seine Freunde vor die Tür. Sanel M. soll Tugce noch zugerufen haben: „Wir sehen uns draußen.“

          Tugce und ihre Freundinnen, so sagt ihr Cousin, hätten sich nicht viel dabei gedacht. Sie hatten ihre Burger gegessen, die Pommes, ihre Getränke ausgetrunken. Aber als sie später auf den Parkplatz kamen, wartete der Täter mit seinen Bekannten schon auf sie. Die Freundinnen waren zuerst draußen, Tugce holte sich noch schnell einen Burger auf die Hand. Als sie ins Freie trat, soll es schon einen Wortwechsel zwischen den Männern und ihren Freundinnen gegeben haben. Ein Freund von M. hat offenbar noch versucht, ihn aufzuhalten. Doch bevor Tugce überhaupt reagieren konnte, wurde ihr ein Schlag gegen die Schläfe versetzt, vermutlich mit der Handkante. Sie stürzte und fiel mit der anderen Seite des Kopfes auf den Asphalt, verlor sofort das Bewusstsein und blutete aus dem Ohr. Vermutlich hatte das Gehirn zu diesem Zeitpunkt schon großen Schaden erlitten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Laschet tut derzeit, was er angekündigt hat: nicht polarisieren, nicht übertreiben, nicht entzweien.

          Die drei Kanzlerkandidaten : Laschet in der Defensive

          Wahlkämpfe in der Bundesrepublik sind keine Charisma-Märkte. Es gewinnen Koalitionen. Trotzdem muss Laschet für sich werben. Und raus aus dem „Schlafwagen“.
          Ein völlig zerstörtes Haus am Ortseingang von Altenahr am 27. Juli 2021

          Offener Brief : Altenahr beschwert sich bitter bei Merkel

          In einem Brief an Kanzlerin Merkel und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer fordern Betroffene eine Perspektive für das Ahrtal. Die bisherigen Hilfen würden nicht ansatzweise ausreichen.
          Trotzen der Pandemie: die Aktienkurse der Tabakkonzerne entwickeln sich gut

          Sündige Aktien : Geld anlegen, mal ganz ohne Moral

          Investieren in harten Alkohol, Zigaretten oder schmutziges Öl? Mit politisch unkorrekten Aktien lässt sich gerade erstaunlich viel Geld verdienen. Eine kleine Anleitung zum Einstieg bei „Sünderaktien“.
          Wer seine Arbeit liebt, kann sich freuen – und muss dennoch aufpassen, nicht mit ihr zu verschmelzen.

          Liebe zum Beruf : Leid der Leidenschaft

          Wer seine Arbeit liebt und seinen Arbeitgeber mag, kann sich glücklich schätzen. Aber wer es übertreibt und mit seinem Job verschmilzt, begibt sich in Gefahr. Denn ein zu starkes Brennen für die Arbeit kann zum Burn-Out führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.