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Ehrenmorde : Brüder der ermordeten Hatun Sürücü stehen vor Gericht

  • Aktualisiert am

Am 7. Februar 2005 wurde Hatun Sürücü von ihrem kleinen Bruder an einer Berliner Bushaltestelle erschossen. (Archiv-Foto) Bild: rbb

Der Mord an Hatun Sürücü vor elf Jahren hatte in Deutschland eine Debatte über „Parallelgesellschaften“ entfacht. Jetzt stehen zwei Mitglieder der Familie in der Türkei vor Gericht – der Prozess nährt die Hoffnung auf späte Gerechtigkeit.

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          Hatun Sürücü war gerade erst 15 Jahre alt, als ihre Familie sie in der Türkei zur Heirat mit ihrem Cousin zwang. Nur wenig später wurde die junge Deutsch-Türkin schwanger. Als sie es nicht mehr aushielt, ging Sürücü nach Deutschland zurück und änderte ihr Leben: Ihren kleinen Sohn zog sie allein groß, ging gern auf Partys, hatte deutsche Freunde und machte in Berlin eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin. Irgendwann legte sie auch das Kopftuch ab.

          Doch der Wandel zum westlichen Lebensstil war der aus Ostanatolien stammenden Familie ein Dorn im Auge. Im Februar 2005 wurde die damals 23 Jahre alte Hatun Sürücü an einer Bushaltestelle in Berlin erschossen – von ihrem jüngsten Bruder. Der Mordfall erschütterte Deutschland und ist noch immer nicht zu den Akten gelegt.

          Abschiebung nach Istanbul

          Nach verbüßter Haft wurde ihr Mörder im Sommer 2014 nach Istanbul abgeschoben. Nun soll am 26. Januar am Strafgericht in der türkischen Metropole der Prozess gegen zwei weitere Brüder beginnen. Den 35 und 36 Jahre alten Männern wird nach Angaben der türkischen Justiz das vorsätzliche Töten eines nahen Verwandten vorgeworfen. Die beiden Angeklagten sollen demnach den jüngsten Bruder mit dem Mord beauftragt haben, um die Familienehre wieder herzustellen. Auch der Kauf und Besitz nicht zugelassener Schusswaffen sind Anklagepunkte.

          In dem Berliner Mordprozess waren die mitangeklagten Brüder Mutlu und Alpaslan 2006 zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden, der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche 2007 auf. Doch zu einem neuen Prozess kam es nicht mehr – beide hatten sich in die Türkei abgesetzt. Das Land liefert seine Staatsbürger nicht aus. Und so wurde jahrelang gemutmaßt, ob sich die Verdächtigen jemals verantworten müssen. Doch 2013 eröffnete die türkische Seite dann ein eigenes Strafverfahren gegen die Männer, die auf freiem Fuß sind.

          Ein Mord ist ein Mord

          „Allein die Tatsache, dass der Prozess stattfindet, ist eine gute Nachricht für die Gerechtigkeit“, sagt Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU). „Denn ein Mord ist ein Mord. Für das Rechtsempfinden der Menschen ist es nicht gut, wenn der Eindruck entsteht, man kann sich durch Flucht der Verantwortung entziehen.“ Berlin hatte den türkischen Behörden sämtliche Akten zu dem Fall geschickt.

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          Die beiden Angeklagten wiesen die Vorwürfe in bisherigen Aussagen zurück, wie aus Gerichtsakten hervorgeht. Demnach streiten sie ab, ihren jüngsten Bruder zum Mord an Hatun angestiftet oder ermutigt haben. Der Todesschütze selbst hatte im Berliner Prozess beteuert, er habe die Tat allein verübt. Er habe die Moralvorstellungen seiner Schwester nicht akzeptiert. Die Pistole, mit der die Kopfschüsse abgefeuert wurden, ist bis heute verschwunden.

          Ehemalige Freundin belastet Brüder

          Die Version der Brüder steht im Widerspruch zu der Aussage der damaligen Freundin des Mörders. Sie war schon in dem Berliner Prozess als glaubwürdig eingestuft, und mit ihrer Mutter ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden. Ihr ehemaliger Freund soll ihr nach der Tat erzählt haben, dass er die Waffe von seinem Bruder Mutlu bekommen habe. Der andere, Alpaslan, soll laut Anklage dem Mörder am Tatort „geistigen Beistand“ geleistet haben.

          „Es muss angenommen werden, dass, wenn auch kein Indiz allein ausreicht, um die Schuld der Verdächtigen zu beweisen, dennoch die Gesamtheit der Indizien den nötigen Beweis liefern kann“, heißt es in der Anklageschrift beim Istanbuler Strafgericht.

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