https://www.faz.net/-gum-6xe38

Tübingen : Geisterfahrer wegen Mordes verurteilt

Das Auto, in dem die Familie von Pierre W. saß, nach der Karambolage. Bild: dpa

Ein Geisterfahrer wollte sich mit einem Zusammenstoß auf der Straße selbst töten. Er überlebte verletzt – getötet wurde Pierre W., ein 43-jähriger Familienvater.

          3 Min.

          Es ist ein sonniger und klarer Sonntagmorgen am Rande der Schwäbischen Alb. Pierre W., ein 43 Jahre alter Familienvater, fährt mit seiner Frau und seiner Tochter in der Nähe von Walddorfhäslach im Kreis Reutlingen auf der Bundesstraße27. Plötzlich kommt ihm ein Geisterfahrer entgegen. Pierre W. versucht auszuweichen, immerhin kann er seinen Passat auf 80 Kilometer in der Stunde bremsen. Der ihm entgegenkommende Opel Omega fährt Tempo 150, der Fahrer denkt nicht daran, dem Passat auszuweichen. Er will sein Auto offenbar als Waffe benutzen - gegen sich und alle, die sich ihm in den Weg stellen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der Familienvater stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus, seine Frau und seine Tochter werden schwer verletzt, so dass sie fortan mit gesundheitlichen Schäden leben müssen. Der 10. April 2011 verändert das Leben der Familie; der vermeintliche Geisterfahrer überlebt schwer verletzt. „Dieser Sonntagmorgen hatte ganz entspannt begonnen“, sagte der Vorsitzende Richter der fünften Schwurgerichtskammer des Tübinger Landgerichts am Donnerstag bei der Urteilsverkündung. Denn eines konnte der Familienvater nicht ahnen: Der 35 Jahre alte Opel-Fahrer wollte den Unfall bewusst herbeiführen, er wollte sich selbst töten und nahm dabei den Tod unbeteiligter und unschuldiger Menschen in Kauf.

          Staatliche Kontrollsysteme versagten

          „Was man wohl sagen kann ist, dass dieser Tat keine konfliktträchtige Beziehungsgeschichte zugrundeliegt, dass in diesem Fall wirklich ein Mensch vollkommen allein verantwortlich ist“, sagte der Richter. Das Gericht verurteilte den Geisterfahrer aufgrund eindeutiger Indizien zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren, zum Maßregelvollzug in einer psychiatrischen Klinik, und verhängte zusätzlich eine lebenslange Sicherungsverwahrung nach Paragraph 66 des Strafgesetzbuches. Der Angeklagte habe sich für den Mord an dem Familienvater, einem zweifachen Mordversuch an der Tochter und der Ehefrau sowie für einen „vorsätzlichen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr“ zu verantworten.

          Der Angeklagte wuchs in Backnang nördlich von Stuttgart auf, sein Vater wollte aus seinem Sohn einen Ringer machen. Der Sohn errang sogar den Titel „württembergischer Vizemeister im Ringen“, doch in der Pubertät wehrte er sich gegen die Vorstellungen und Bevormundungen seines Vaters, schaffte nur den Hauptschulabschluss, brach eine Ausbildung ab und wurde schwer rauschgiftsüchtig. Vielfache Therapieversuche scheiterten, im Jahr 2001 wurde er wegen versuchten Totschlags zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. 2008 konnte er dennoch den Führerschein machen. Alle staatlichen Kontrollsysteme versagten.

          Im Herbst 2010 erkrankte er an einer akuten Psychose, im April wollte er sich eigentlich zum wiederholten Mal in einer Fachklinik in Zwiefalten auf der „Entgiftungsstation“ behandeln lassen, doch dann fasste er plötzlich den Entschluss, sich mit einer Autokarambolage zu töten. „Er hatte offenbar Angst vor dem Entzug, er wollte noch einmal Drogen kaufen. Nach Überzeugung der Kammer fasste er dann den Entschluss zur Selbsttötung“, sagte der Richter.

          „Ich wollte, dass es aus ist“

          Mit gefalteten Händen und emotionslos verfolgte der Angeklagte den Urteilsspruch. „Mord ist eine schwere Schuld, es wird ein schwieriger Weg sein, den Sie zu gehen haben“, sagte der Richter. Zuvor hatte der Richter zur Begründung des harten Urteils noch einmal detailliert nachgezeichnet, wie es zu dem verhängnisvollen Unfall gekommen war und warum es sich aus der Sicht des Gerichts um einen Suizidversuch handelte. Niedrige Beweggründe könne die Kammer nicht erkennen, sehr wohl habe der Angeklagte aber heimtückisch gehandelt. „Der entgegenkommende Fahrer musste überrascht sein.“ Erst durch die Aussagen einer Sanitäterin und eine Notarztes war die Staatsanwaltschaft auf die Hintergründe des Verkehrsunfalls aufmerksam geworden. „Alles Scheiß, alles Mist, was habe ich davon“, hatte der Geisterfahrer der Sanitäterin gesagt. „Ich habe aufs Gas gedrückt, ich wollte, dass es aus ist“, zitierte der Richter die Aussage des Notarztes. Der Angeklagte bestritt, in Selbstmordabsicht auf die Gegenfahrbahn gefahren zu sein.

          Die Staatsanwaltschaft hatte auf 15 Jahre Haft in einer psychiatrischen Anstalt mit anschließender Sicherungsverwahrung plädiert: „Die Sicherungsverwahrung muss vorgesehen werden, auch psychose-unabhängig bleibt er gefährlich wegen der dissozialen Persönlichkeit“ und seiner Drogenabhängigkeit. Wir müssen die Allgemeinheit schützen.“ Der Anwalt des Geisterfahrers sagte, das Urteil sei „nicht perspektivlos“, wie der Gesetzgeber die Sicherungsverwahrung ausgestalte, sei ja noch nicht bekannt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vor der Wahl in Amerika : Welcome to Trumpland

          In Pennsylvania steht im Garten eines Hauses eine überdimensionale Trump-Figur. Sie ist ein Besuchermagnet für eingefleischte Fans des Präsidenten. Über einen Ort voller Enthusiasmus, Hoffnung und bedingungsloser Liebe.

          Deutsche Bank : Corona lässt die Kasse klingeln

          Einen so hohen Gewinn hätte der Deutschen Bank im dritten Quartal kaum jemand zugetraut. Vor allem ein Geschäftsbereich boomt - doch gerade das könnte zum Problem werden.
          „Ich will Apothekerin sein, keine Esoterik-Tante“, sagt Iris Hundertmark, 46, in ihrer Apotheke in Weilheim in Oberbayern. Seit zwei Jahren hat sie keine Globuli mehr in der Schublade.

          Homöopathie : Allein gegen die Globuli

          Iris Hundertmark ist vermutlich die einzige Apothekerin Deutschlands, die keine homöopathischen Präparate im Regal hat. Das hat ihr eine Morddrohung gebracht. Und steigende Umsätze.
          Weil die Schnelltests dann am sichersten sind, wenn die Viruslast bereits hoch und der Infizierte wirklich infektiös ist, sind Antigentests sogar besonders geeignet, akute Risiken schnell zu erkennen: Ein Mädchen in Delhi lässt sich testen

          Viren-Schnelltests als Chance : Raus aus dem Schlamassel!

          Weniger Lockdown-Streit, mehr Pragmatismus wagen in der Pandemie: Wieso Schnelltests rasch helfen sollten, das Leben mit dem Virus erträglich und sicherer zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.