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Tote Teenager in Gartenlaube : „Die schlimmste Katastrophe seines Lebens“

Der wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Vater sitzt zu Prozessbeginn neben seinem Anwalt. Bild: dpa

Der Vater, in dessen Gartenlaube sechs Jugendliche ums Leben kamen, soll versucht haben, die Abgase eines Generators durch eine selbst gebaute Konstruktion nach außen zu leiten. Hätte er die Gefahr erkennen müssen?

          Als „schlimmste Katastrophe seines Lebens“ hat der Angeklagte das Unglück bezeichnet, das sich auf der Geburtstagsfeier seiner Tochter ereignete. Am 28. Januar 2017 hatte sie im Gartenhaus der Familie im unterfränkischen Arnstein ihren 18. Geburtstag gefeiert, zusammen mit ihrem Bruder und vier Freunden. Für die Geburtstagsparty seiner Tochter hatte der 52 Jahre alte Angeklagte sogar eine Genehmigung zum Abbrennen eines Feuerwerks beantragt. Doch als der Vater am nächsten Vormittag in der Hütte nach dem Rechten sehen wollte, fand er seine Tochter, seinen Sohn und deren vier Freunde tot vor. Als Todesursache wurde später eine Kohlenmonoxidvergiftung festgestellt. Das tödlich wirkende Gas war durch einen benzinbetriebenen Generator in dem Gartenhaus verteilt worden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Er könne es sich nicht erklären, wolle aber auch keine Schuld von sich weisen, lässt der Angeklagte am Mittwoch im Landgericht Würzburg zum Prozessauftakt von seinem Verteidiger in einer Erklärung verlesen. Er spricht darin von „fassungsloser Trauer“, bricht selbst in Tränen aus. Angeklagt ist er wegen fahrlässiger Tötung von sechs Menschen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dass er „aus nicht nachvollziehbarer Nachlässigkeit“ die Warnhinweise auf dem Stromerzeuger und in der Bedienungsanleitung missachtet habe. Sie wiesen allesamt darauf hin, das Gerät „niemals in geschlossenen Räumen“ zu benutzen.

          Den Stromerzeuger mit einer Leistung von 13 PS und einem 25-Liter-Tank hatte der Mann laut Anklage am 31. Dezember 2016 in einem Baumarkt gekauft. Das Gerät sollte demnach während der Feier den Strombedarf decken. Zu diesem Zweck habe der Angeklagte den Generator im Technikraum aufgestellt und über ein Verlängerungskabel mit dem Stromnetz des Gartenhauses verbunden. Die Warnhinweise seien nicht nur in der Anleitung des Generators aufgeführt, sondern auch durch Aufkleber „direkt auf dem Stromerzeuger selbst gut lesbar“ angebracht gewesen, so die Staatsanwaltschaft. In der Bedienungsanleitung war demzufolge der ausdrückliche Hinweis enthalten, dass „die entstehenden Abgase tödlich sein können“.

          „Die tödlichen Gase verbreiteten sich ungehindert“

          Zwar hatte der Angeklagte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft versucht, die Abgase durch eine selbst gebaute Konstruktion nach außen zu leiten. Er habe jedoch dazu zwei weder fest miteinander, noch fest mit dem Generator verbundene Wasserrohrstücke „ohne weitere gasdichte Abdichtung oder Fixierung“ nur lose ineinander gesteckt, so dass diese Rohre vom Abgasauslass des Stromerzeugers zu einem Loch in der Außenwand der Hütte führten. „Diese Konstruktion war derart unfachmännisch, dass sie für den Angeklagten erkennbar und vermeidbar nicht dazu geeignet war, bei Inbetriebnahme und im Betrieb des Stromerzeugers verlässlich für eine dauerhafte und vollständige Abgasableitung zu sorgen.“ Obwohl er von der „unzureichenden“ Abgasableitung gewusst habe, habe er am Abend des 28. Januar den Generator betankt und in Betrieb gesetzt.

          Die Jugendlichen, die zwischen 18 und 19 Jahren alt waren, hörten an dem Abend zusammen Musik und bereiteten sich kleine Gerichte in dem Elektroherd in der Küche zu. Den Strom dazu lieferte der Generator, der im Technikraum den ganzen Abend über lief. Doch zu einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt löste sich dann nach Ansicht der Staatsanwaltschaft die Abgasführung und fiel zu Boden. Das habe zur Folge gehabt, dass sich nun die „stark kohlenmonoxidhaltigen Verbrennungsabgase“ nicht nur „partiell“, sondern „gänzlich ungehindert“ in der Gartenhütte verbreiteten.

          Die Jugendlichen merkten nicht, in welcher Gefahr sie schwebten. Sie hätten das geruchlose tödliche Gas unbemerkt aufgenommen, das sich in ihrem Blut anreicherte. Unerwartet wurden sie demnach in enger zeitlicher Abfolge bewusstlos, gegen 23.30 Uhr trat vermutlich der Tod ein. Bei allen Jugendlichen habe man Kohlenmonoxid-Spiegel nachgewiesen, die im Bereich der „üblicherweise tödlichen Konzentrationswerte“ gelegen hätten. Der Tod der sechs Menschen hätte verhindert werden können, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt: Wenn der Angeklagte den Generator gemäß Anweisung im Freien aufgestellt oder mit einer „fachmännisch“ angelegten, gasdichten und stabilen Auspuffanlage versehen und die Abgase „vollständig“ ausgeleitet hätte. Der Angeklagte hätte dies „bei der Anwendung der ihm zumutbaren Sorgfalt“ auch erkennen können.

          Das Gartenhaus, das nicht an das öffentliche Stromnetz angeschlossen ist, hatte der Angeklagte laut Anklage aufwendig renoviert. Er hatte demzufolge eine Fotovoltaikanlage mit Speicherbatterie eingerichtet, die in der Hütte den Strom für die Beleuchtung stellen sollte. Für Kühlschrank und Herd hatte er ein Stromnetz mit Steckdosen installiert, wie es in der Anklage heißt. Dieses Stromnetz sei so eingerichtet gewesen, dass es mit einer geeigneten Quelle vom Technikraum aus versorgt werden konnte. Das Aufstellen des Generators, den objektiven Tatvorwurf, hat der Angeklagte in seiner Erklärung gestanden. Das Gerät habe zuvor aber einwandfrei funktioniert.

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