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Tötungen durch Pflegepersonal : Gemordet wird nach Schema F

Obwohl die Tötungen einem gleichartigen Schema folgen, werden viele Fälle nur durch Zufall aufgedeckt. So auch im Fall Niels H. Bild: F.A.S.

Wenn Pfleger oder Schwestern Patienten töten, läuft das wie im Lehrbuch. Dieses Buch gibt es – aber niemand nutzt es vorbeugend. Im Fall des Pflegers Niels H., der gerade in Oldenburg vor Gericht steht, könnte das zum Massenmord geführt haben.

          7 Min.

          Zurzeit wird in Oldenburg gegen einen Krankenpfleger verhandelt, der ein Massenmörder sein könnte, wie es in Deutschland seit dem Krieg keinen zweiten gegeben hat. Bewiesen sind die Morde noch nicht, aber viel spricht dafür, dass Niels H. weit mehr als hundert Patienten tötete. Wie nach dem Lehrbuch. Man hätte es also wissen können.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt wirklich ein Buch über solche Mordserien. Der Titel lautet „Patiententötungen. Dem Sterben nachgeholfen“. Der Psychologe und Gerichtsgutachter Herbert Maisch schrieb es 1997 - damals beendete Niels H. gerade seine Ausbildung. Das Buch handelt davon, wie „in Kliniken schwerstkranke, alte Menschen zu Tode gebracht wurden“. Maisch betont, dass Patiententötungen keine Einzelfälle sind: In den zwanzig Jahren vor Erscheinen des Buches wurden ein Dutzend Pflegekräfte in Westeuropa und in Amerika wegen Patiententötungen in 174 Fällen angeklagt und in mehr als hundert Fällen für schuldig befunden. Das sind natürlich nur die entdeckten, aufgeklärten Fälle.

          Gleichartiger Tötungsverlauf

          Maisch hat sie verglichen. Sein Ergebnis lautet, dass es einen „schon bemerkenswert gleichartigen, fast regelhaften Verlauf der Geschichte“ gab. Der Wissenschaftler erkannte bei den Tötungen typische Merkmale. Das Buch von Maisch galt schon bald nach seinem Erscheinen als Standardwerk, also schon zu der Zeit, bevor es zu den ersten Todesfällen kam, für die Niels H. verantwortlich sein könnte. Vergleicht man Anklage und bisherige Beweisaufnahme mit den typischen Merkmalen, die Maisch herausgearbeitet hat, erkennt man die frappierende Übereinstimmung. Bis ins kleinste Detail stimmt einfach alles.

          Das erste typische Merkmal für Patiententötungen ist für Maisch schon der Tatort selbst. Alle bekannten Tötungen geschahen auf Krankenstationen mit schwer kranken, mit komatösen, mit sterbenden Patienten: „Sterben und Tod gehörten hier zum Alltag, das heißt, hier kam der Tod der Patienten nicht ganz unerwartet.“ Natürlich: In dieser Umgebung fallen Morde durch Pflegepersonal weniger auf. Niels H. arbeitete zunächst, von Mitte 1999 bis Ende 2002, auf der chirurgischen Intensivstation in Oldenburg und dann, von Ende 2002 bis Mitte 2005, auf der Intensivstation in Delmenhorst. Gerade Intensivstationen sind für Maisch „die letzte Verteidigungslinie gegen den Tod“.

          Als zweites Merkmal bezeichnet Maisch die Vielzahl der Tötungen. Er schreibt von einer „Spirale des tödlichen Treibens“. Bei den damals bekannten Fällen hatten allein vier Pfleger zwischen zehn und 33 Patienten umgebracht, und in fast allen Gerichtsverfahren gab es Hinweise, dass die wirkliche Zahl der Toten höher war als die, für die am Ende verurteilt wurde. Niels H. wurde bereits 2006 wegen eines versuchten Mordes verurteilt, seitdem sitzt er in Haft. Derzeit ist er angeklagt, drei Morde und zwei Mordversuche begangen zu haben. Es besteht zudem der Verdacht, dass er in Oldenburg zwölf Patienten umgebracht hat. In Delmenhorst werden inzwischen sogar 174 Todesfälle untersucht - und das sind nur die Fälle, bei denen noch Hoffnung besteht, Beweise zu finden. Denn viele Leichname wurden eingeäschert.

          Weiteres Merkmal ist die Zeitspanne, in der die Taten stattfanden. Sie betrug in der Regel zwischen sechs Monaten und sechs Jahren. Niels H. hat, sollte sich der jetzige Verdacht bestätigen, mindestens vier Jahre lang getötet, von 2001 bis 2005. Opfer waren in der Regel schwer kranke Patienten, die zwischen 70 und 80 Jahre alt waren.

          Ein weiteres Merkmal: Die Täter töteten leise und unauffällig, ohne äußerlich sichtbare Spuren, häufig indem sie hochdosierte Medikamente über einen bereits vorhandenen Venenkatheter gaben. In Oldenburg starben die Patienten an einer Kaliumvergiftung. Ihr Herz blieb stehen. In Delmenhorst soll Niels H. Patienten das Medikament Gilurytmal gegeben haben, das falsch eingesetzt zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führt.

          Täterprofil: Jung, kompetent und engagiert

          Auch das Profil der Täter passt zu Niels H. Sie sind normalerweise jung, wenn sie den ersten Patienten töten, die meisten zwischen 20 und 39 Jahren. Bei Aufdeckung der Straftaten hatten sie mehrheitlich „zehn bis zwanzig Jahre Krankenpflegeerfahrung“, sie waren fachlich kompetent, konnten sogar Ärzten noch etwas beibringen. Ärzte und Kollegen bescheinigten ihnen großes Engagement. Maisch schreibt: Wer „bei diesen Pflegekräften eine Melange aus Inkompetenz, Bequemlichkeit oder Faulheit, Gleichgültigkeit und Unkollegialität erwartet hat, muss sich mit einem ganz anderen, gegenteiligen Bild auseinandersetzten - einem Bild von Tätern und Täterinnen, das freilich sehr viel mehr Kopfzerbrechen bereitet als das negative Klischee.“ Es ist das Bild vom eher unauffälligen bis vorbildlichen Pfleger, der vielfach sogar ärztliche Aufgaben an sich zieht.

          Über Niels H. hieß es in den vergangenen Wochen häufig, er sei fett und ungepflegt. Als er in den Kliniken arbeitete, sah er aber noch nicht so aus, er war schlank und gepflegt. Seine Ausbildung machte er im Wilhelmshavener St. Willehad Hospital, dann arbeitete er dort auf der chirurgischen Station. Mit 22 Jahren bewarb er sich in Oldenburg. Er war engagiert und kompetent, er wusste viel über Medikamente und Behandlungsmethoden. Niels H. war hilfsbereit, er half selbst bei Wiederbelebungen, wenn er eigentlich gar nicht gebraucht wurde. Und an den Wochenenden, in seiner Freizeit, war er als Rettungssanitäter unterwegs. Junge Assistenzärzte waren dankbar, wenn er das Intubieren übernahm.

          Missstände gehen Tötung voraus

          Maisch fiel bei seiner vergleichenden Untersuchung auch auf, dass die Taten auf Stationen mit charakteristischen Missständen geschahen. So bediente sich das Pflegepersonal etwa einer rohen Sprache. Oder es gab eine „mangelhafte Kontrolle“, zum Beispiel beim Medikamentenverbrauch. Sprache: Von Niels H. heißt es, er habe Patienten als „Hüllen“ und „Objekte“ bezeichnet. Und was die Medikamente angeht: Als Niels H. noch nicht auf der Intensivstation in Delmenhorst arbeitete, verbrauchte man dort 50 bis 60 Ampullen Gilurytmal im Jahr. Im ersten Jahr von Niels H. waren es 225 Ampullen, im nächsten Jahr 380 Ampullen. Die Delmenhorster Klinik soll auf diesen gestiegenen Verbrauch sogar aufmerksam gemacht worden sein. Aber ohne daraus Schlüsse zu ziehen. Delmenhorster Ärzte sagen, die Pfleger hätten eigenständig bestellt und seien nicht kontrolliert worden.

          Die nächste Gemeinsamkeit von Patiententötungen ist, dass sie sich keineswegs „so unauffällig und vom Umfeld unbemerkt“ abspielen, „wie es die meist langen Tatzeiträume nahelegen könnten“. Das ist der bestürzendste Befund: Maisch sieht einen roten Faden, der „von merkwürdigen Verleugnungsritualen bis zum immer konkreteren Verdacht führt“, ohne dass etwas geschieht, um den Täter oder die Täterin aufzuhalten. Das Töten habe so fast freie Bahn gehabt.

          Kollegen fällt hohe Sterberate auf

          Bei den Kollegen der Täter entstand in der Regel, oft schon Jahre vor Aufdeckung der Morde, der „Eindruck ungewöhnlich vieler Sterbefälle in den Dienstzeiten der betreffenden Schwester oder des Pflegers“. Sie machten Witze darüber, aber ernst nahmen sie es nicht. „Zu absurd, zu ungeheuerlich“ erscheinen solche Gedanken. Dennoch bleiben Anzeichen, dass die Kollegen sich mit dem furchtbaren Verdacht innerlich beschäftigen. Das wird genährt durch neue Sterbefälle in den Schichten des Betreffenden.

          Doch - auch das ist typisch - niemand versucht, sich anhand des Sterbebuches Klarheit über die genauen Zahlen in den Dienstzeiten des Kollegen oder der Kollegin zu verschaffen. Rückblickend erscheint es so, als sei man einer solchen Überprüfung sogar ausgewichen, habe es „ernsthaft gar nicht wissen wollen“. Die Kollegen bemitleideten die Täter. Sie nannten sie „Pechvogel“ oder „Pechmarie“ und dann gaben sie ihnen Spitznamen wie „Todesengel“. Es gab Mitarbeiter, die seltsame Vorfälle beobachteten, die ein „ungutes Gefühl“, schließlich sogar einen konkreten Verdacht hatten.

          In Oldenburg fiel den Kollegen von Niels H. bald auf, dass er ständig bei Reanimationen anwesend war. Er war immer da, wo etwas passierte. Die Kollegen nannten ihn erst „Pechvogel“, dann „Pechbringer“. Kollegen, später auch Ärzte, hatten ein „ungutes Gefühl“. Auch in Delmenhorst tuschelten die Kollegen von Niels H. Er war der „Rettungsspinner“ und „Rettungsrambo“. Tatsächlich verdoppelten sich die Todesfälle, während er im Klinikum arbeitete. Insgesamt gab es in den zweieinhalb Jahren 411 Tote auf der Intensivstation, bei 321 Toten hatte er Dienst. Eine Schwester bekam mit, wie ein Patient, dessen Zustand stabil gewesen war, plötzlich Herzflimmern hatte und durch H., der seltsamerweise schon anwesend war, reanimiert wurde. Auch andere Kollegen beobachteten solche Vorfälle.

          Verschiedene Faktoren verhindern frühzeitige Aufdeckung

          Maisch schreibt, dass es in dieser Situation stets „Aufdeckungsbarrieren“ gebe: Ärzte und Angehörige der Klinikverwaltung, „die dem Verdacht entweder keinen Glauben schenken oder (überwiegend) ihn in schroffer, teils beleidigender Form zurückweisen“. Für Maisch gibt es mehrere Gründe, weshalb sich Ärzte und Verwaltung so verhielten: Zum einen, weil die Beschuldigten als tüchtig und einsatzbereit galten. Auch konnten sich die Verantwortlichen ein solches Verbrechen gar nicht vorstellen, es war „eine Schreckensvorstellung, die jede Phantasie überstieg“. Zudem bestand die Angst vor dem Ende der eigenen Karriere und vor „einem Skandal in der Öffentlichkeit, vor dem Schaden, den er der Klinik“ zufügen würde: Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Diese Faktoren, alle zusammen, verhinderten eine „noch einigermaßen frühzeitige Aufdeckung“. Maisch schreibt: „Nicht gerade wenige Patienten waren deshalb noch getötet worden.“

          Niels H. war so eifrig, dass es manchen Kollegen schon wieder missfiel, wenn er sich nach vorn drängelte. Als sich Kollegen im Klinikum Oldenburg über ihn beschwerten, ignorierte die Pflegeleitung das zunächst. Später musste Niels H. zwar die Station wechseln, von der Intensivstation auf die Anästhesie, und noch später auch das Krankenhaus verlassen. Aber das ging geräuschlos vonstatten, ohne dass die Klinik Schaden nahm. Die Klinikleitung stellte Niels H. mehrere Monate „zur beruflichen Neuorientierung“ von der Arbeit frei, er bekam weiter sein Gehalt und zudem ein sehr gutes Zeugnis, in dem die Klinik ihn als „verantwortungsbewussten Mitarbeiter“ pries, der umsichtig und gewissenhaft arbeite. Damit bewarb sich Niels H. dann in Delmenhorst. Dort und in Oldenburg heißt es nun, es sei undenkbar gewesen, dass jemand solche Taten begehen könnte. Ein Arzt sagt sogar, das sei außerhalb seiner Vorstellungskraft gewesen - obwohl er andere Fälle von Patiententötungen kannte.

          Viele Tötungsserien nur durch Zufall aufgedeckt

          Aufgedeckt wurden die Tötungsserien, die Maisch untersucht hat, bis auf eine alle nur durch Zufall. Maisch schreibt: „Dabei handelte es sich um vielfältige bisweilen kuriose oder auch bizarre Zufälle, die auf die Spur der Täter(innen) führten und dem Treiben ein Ende bereiteten. Diese Zufälle spielten selbst dort eine Rolle, wo Ärzte oder Pflegekräfte im Verlauf der ganzen Geschehnisse schon in gewisser Weise sensibilisiert waren.“

          Im Juni 2005 betrat eine Krankenschwester im Delmenhorster Klinikum ein Zimmer, weil sie eine leere Verpackung aus dem Müll holen wollte. Niels H. stand im Zimmer. Eine Pumpe, die einen Patienten mit lebensnotwendigen Medikamenten versorgte, war ausgeschaltet. Nach diesem Vorfall entdeckte die Schwester, die zuvor den Medikamentenbestand kontrolliert hatte, dass eine Packung Gilurytmal fehlte, obwohl kein Patient dieses Medikament benötigt hatte. Ein Oberarzt sah daraufhin die Patientenakten durch und überprüfte auch, bei wie vielen Sterbefällen Niels H. im Haus gewesen war. Vier Tage später schaltete die Klinik Delmenhorst die Polizei ein.

          Maisch hatte mit seinem Buch die Hoffnung verbunden, dass seine Merkmale als „Warn- oder Frühwarnsystem“ dienen könnten. Aber Vorgesetzte und Kollegen verhalten sich auch im Fall Niels H. wie gehabt: Sie errichteten eine Mauer der Abwehr, der Verleugnung und der Verdrängung. Maisch hat auch dafür schon eine Erklärung geliefert: Frühwarnsysteme sind nutzlos, wenn die Verantwortlichen sie nicht ernst nehmen: „Und exakt hier liegt auch eines der größten Probleme: Nehmen die Verantwortlichen den Verdacht ernst, gehen sie zugleich auch das Risiko ein, in einen Skandal involviert zu werden.“ Aufdeckungsbarrieren seien „auch und gerade ein Problem menschlicher Ängste und Befürchtungen“.

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