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Tötungen durch Pflegepersonal : Gemordet wird nach Schema F

Obwohl die Tötungen einem gleichartigen Schema folgen, werden viele Fälle nur durch Zufall aufgedeckt. So auch im Fall Niels H. Bild: F.A.S.

Wenn Pfleger oder Schwestern Patienten töten, läuft das wie im Lehrbuch. Dieses Buch gibt es – aber niemand nutzt es vorbeugend. Im Fall des Pflegers Niels H., der gerade in Oldenburg vor Gericht steht, könnte das zum Massenmord geführt haben.

          Zurzeit wird in Oldenburg gegen einen Krankenpfleger verhandelt, der ein Massenmörder sein könnte, wie es in Deutschland seit dem Krieg keinen zweiten gegeben hat. Bewiesen sind die Morde noch nicht, aber viel spricht dafür, dass Niels H. weit mehr als hundert Patienten tötete. Wie nach dem Lehrbuch. Man hätte es also wissen können.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Es gibt wirklich ein Buch über solche Mordserien. Der Titel lautet „Patiententötungen. Dem Sterben nachgeholfen“. Der Psychologe und Gerichtsgutachter Herbert Maisch schrieb es 1997 - damals beendete Niels H. gerade seine Ausbildung. Das Buch handelt davon, wie „in Kliniken schwerstkranke, alte Menschen zu Tode gebracht wurden“. Maisch betont, dass Patiententötungen keine Einzelfälle sind: In den zwanzig Jahren vor Erscheinen des Buches wurden ein Dutzend Pflegekräfte in Westeuropa und in Amerika wegen Patiententötungen in 174 Fällen angeklagt und in mehr als hundert Fällen für schuldig befunden. Das sind natürlich nur die entdeckten, aufgeklärten Fälle.

          Gleichartiger Tötungsverlauf

          Maisch hat sie verglichen. Sein Ergebnis lautet, dass es einen „schon bemerkenswert gleichartigen, fast regelhaften Verlauf der Geschichte“ gab. Der Wissenschaftler erkannte bei den Tötungen typische Merkmale. Das Buch von Maisch galt schon bald nach seinem Erscheinen als Standardwerk, also schon zu der Zeit, bevor es zu den ersten Todesfällen kam, für die Niels H. verantwortlich sein könnte. Vergleicht man Anklage und bisherige Beweisaufnahme mit den typischen Merkmalen, die Maisch herausgearbeitet hat, erkennt man die frappierende Übereinstimmung. Bis ins kleinste Detail stimmt einfach alles.

          Das erste typische Merkmal für Patiententötungen ist für Maisch schon der Tatort selbst. Alle bekannten Tötungen geschahen auf Krankenstationen mit schwer kranken, mit komatösen, mit sterbenden Patienten: „Sterben und Tod gehörten hier zum Alltag, das heißt, hier kam der Tod der Patienten nicht ganz unerwartet.“ Natürlich: In dieser Umgebung fallen Morde durch Pflegepersonal weniger auf. Niels H. arbeitete zunächst, von Mitte 1999 bis Ende 2002, auf der chirurgischen Intensivstation in Oldenburg und dann, von Ende 2002 bis Mitte 2005, auf der Intensivstation in Delmenhorst. Gerade Intensivstationen sind für Maisch „die letzte Verteidigungslinie gegen den Tod“.

          Als zweites Merkmal bezeichnet Maisch die Vielzahl der Tötungen. Er schreibt von einer „Spirale des tödlichen Treibens“. Bei den damals bekannten Fällen hatten allein vier Pfleger zwischen zehn und 33 Patienten umgebracht, und in fast allen Gerichtsverfahren gab es Hinweise, dass die wirkliche Zahl der Toten höher war als die, für die am Ende verurteilt wurde. Niels H. wurde bereits 2006 wegen eines versuchten Mordes verurteilt, seitdem sitzt er in Haft. Derzeit ist er angeklagt, drei Morde und zwei Mordversuche begangen zu haben. Es besteht zudem der Verdacht, dass er in Oldenburg zwölf Patienten umgebracht hat. In Delmenhorst werden inzwischen sogar 174 Todesfälle untersucht - und das sind nur die Fälle, bei denen noch Hoffnung besteht, Beweise zu finden. Denn viele Leichname wurden eingeäschert.

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