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Tödlicher Einsatz in Dortmund : Elf Polizisten, ein Toter

  • -Aktualisiert am

Polizeibeamte sichern den Einsatzort in der Holsteiner Straße in Dortmund. Bild: dpa

Vor den tödlichen Polizei-Schüssen auf den 16 Jahre alten Mohammed D. soll sich die Lage dramatisch zugespitzt haben. Der Jugendliche sei zudem kurz vor der Tat wegen psychischer Probleme in einer Psychiatrie gewesen.

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          Auch zwei Tage nach dem Tod eines 16 Jahre alten Flüchtlings aus Senegal bei einem Polizeieinsatz in der Dortmunder Nordstadt durch fünf Schüsse aus einer Maschinenpistole waren am Mittwoch noch viele Fragen offen. „Wir sind dabei, alle Tatsachen, alle Zeugenaussagen zusammentragen, um das Gesamtgeschehen bewerten zu können“, sagte Oberstaatsanwalt Carsten Dombert der F.A.Z. „Wir wollen deshalb erst einmal keine weiteren Auskünfte geben.“

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Wesentliche Informationen haben die Ermittler aber schon zusammengetragen. Mohammed D., ein unbegleiteter Flüchtling, hielt sich nach einer kurzen Zeit in Rheinland-Pfalz erst seit wenigen Tagen in Dortmund auf. Dort war er in einer Wohngruppe der katholischen Kirche untergebracht, in der Jugendliche verschiedener Nationalitäten zusammenleben. Am Montagnachmittag rief einer der Betreuer die Polizei, weil D. mit einem Messer herumfuchtelte. Der Betreuer befürchtete, der Jugendliche, der sich wegen psychischer Probleme selbst in psychiatrische Behandlung begeben hatte, wolle sich umbringen.

          Kein rechtswidriger Feuerstoß

          Kurz darauf erreichten insgesamt elf Polizeibeamte den Einsatzort, einen Innenhof direkt neben der Sankt-Antonius-Kirche. Ihre Auftrag war, den jungen Mann vor sich selbst zu schützen. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen soll sich die Lage jedoch auf tragisch-dynamische Weise zugespitzt haben. D. soll mit dem 15 bis 20 Zentimeter langen Messer auf die Beamten zugegangen sein. Versuche, ihn in mehreren Sprachen dazu zu bewegen, seine Waffe fallenzulassen, sollen ebenso erfolglos geblieben sein wie der Einsatz von Pfefferspray. Daraufhin griffen die Beamten zum Elektroschockgerät, einem sogenannten Taser. Doch D. wurde nur von einer der beiden Elektroden getroffen. Beim zweiten Versuch gelang der Taser-Einsatz – er setzte D. nach Angaben aus Sicherheitskreisen aber nicht außer Ge­fecht. Einer der Polizisten entschied sich deshalb zur Schussabgabe.

          Dass auch Streifenpolizisten in Nordrhein-Westfalen Maschinenpistolen mit sich führen, ist nichts Außergewöhnliches, sondern als Konsequenz aus Vorfällen wie dem Amoklauf von Winnenden oder Terrorlagen die Regel. Mit den Waffen des Typs MP 5 wird dieselbe Munition verschossen wie mit den Dienstpistolen. Beim polizeilichen Einsatz der Maschinenpistolen ist ausschließlich Einzelfeuer erlaubt, Feuerstöße, also Salven, sind verboten. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen spricht bisher nichts für einen rechtswidrigen Feuerstoß. Zudem soll der Beamte bewusst zur MP gegriffen haben, weil damit präziser als mit den Polizeipistolen geschossen werde könne. Ein Prä­zisionseinsatz gelang dem Schützen jedoch nicht. Im Gegenteil traf er D. großflächig in Bauch, Kiefer, Unterarm und zweimal an der Schulter. Ein sechster Schuss verfehlte den Jugendlichen.

          „Es stehen noch waffentechnische und toxikologische Gutachten aus, drei Wochen werden die Ermittlungen sicherlich noch in Anspruch nehmen“, sagte Dombert. Gegen den Schützen, einen 29 Jahre alten Beamten, wird – wie bei tödlichen Polizeieinsätzen üblich – wegen des Anfangsverdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Letztlich gehe es darum zu klären, ob der Beamte aus Notwehr oder Nothilfe geschossen habe, so Dombert – und spielte damit darauf an, dass jedermann einen rechtswidrigen Angriff mit jeder Waffe abwehren darf.

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