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Tödliche Prügelei am Alexanderplatz : Und keiner will’s gewesen sein

  • -Aktualisiert am

Weist alle Vorwürfe von sich: der Hauptangeklagte Onur U. im Landgericht Berlin. Bild: dpa

Im Oktober 2012 wurde Jonny K. in Berlin zu Tode geprügelt. Sechs junge Männer müssen sich nun vor Gericht verantworten. Zum Beginn des Prozesses beschuldigen sie sich gegenseitig.

          An dem Morgen, als der Prozess um den Tod von Jonny K. beginnt, weht auf dem Alexanderplatz ein kühler Wind. Nur ein paar Schritte von der Diskothek „Cancun“ entfernt, in der die sechs Angeklagten in der Nacht zum 14. Oktober 2012 gefeiert haben, schräg vor dem Eiscafé in Sichtweite des Roten Rathauses, steht das kleine Zelt, das an die Tat erinnert. Auf dem Fußboden Dutzende Grablichter und Blumensträuße. An den Wänden hängen Fotos des jungen Mannes, dessen Tod weit über Berlin hinaus Erschütterung hervorgerufen hat: ein hübscher Junge mit schmalem Gesicht und weichem Blick, 20 Jahre alt, der Vater Deutscher, die Mutter Thailänderin. Passanten eilen vorüber, ohne einen Blick auf das improvisierte Mahnmal zu werfen. Aber die Tulpen in dem großen Plastikeimer sind frisch, der Fliederstrauß duftet. Was ist hier vor fast auf den Tag genau sieben Monaten passiert? Und wer ist schuld am Tod von Jonny K.?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das versucht seit Montag die 9. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin herauszufinden. Angeklagt vor der Jugendstrafkammer sind sechs Männer im Alter von 19 bis 24 Jahren, vier von ihnen wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Den anderen legt die Staatsanwaltschaft zum Prozessbeginn nur gefährliche Körperverletzung und die Beteiligung an einer Schlägerei zur Last. Insgesamt zehn Verhandlungstage sind angesetzt. Sowohl im Zuschauersaal als auch auf den Presseplätzen herrscht Gedränge. Wer weiß: Vielleicht ist im Saal 500 des Kriminalgerichts Moabit an diesem Tag ja etwas Neues zu dem verstörenden Thema Jugendgewalt zu erfahren.

          Keiner der Männer wirkt auf den ersten Blick so, wie man sich Schläger vorstellt. Die Angeklagten sind weder stiernackige Gorillatypen noch sehen sie wie Dumpfbacken aus. Glatt rasierte Wangen und sorgfältig gestutzte Koteletten, die Hemden gebügelt, dazu - meistens - Jeans. Drei sind Griechen, die anderen Türken, wobei einer von ihnen nach eigenen Angaben zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Memet E., der als einziger nicht in Untersuchungshaft sitzt, ist im dunklen Jackett gekommen. Hüseyin I.-O. trägt eine Brille und eine biedere Strickjacke. Interessanterweise handelt es sich - abgesehen von den drei griechischen Cousins - nicht einmal um eine Clique oder gute Freunde. Einige der jungen Männer wollen sich in der fraglichen Nacht zum ersten Mal gesehen haben.

          Tina K., die Schwester des Opfers Jonny K.

          Zwei Männer in Ausbildung, eine Fachkraft für Gastronomie, einer gibt an, zuletzt bei DHL als Fahrer gejobbt und 1300 Euro netto verdient zu haben. Alle Angeklagten haben bis zu ihrer Inhaftierung oder der zeitweiligen Flucht in die Türkei bei ihren Eltern gelebt. Der 24 Jahre alte Türke Bilal K. rühmt seine liberale Erziehung sowie seine Verwurzelung in der Stadt. Osman A., 19 Jahre, Grieche, formuliert in einer von seinem Anwalt verlesenen Erklärung eine Art Manifest der eigenen Friedfertigkeit: „Ich habe noch nie eine Schlägerei gehabt. Ich habe keine Gewaltfantasien, ich habe nie ein Messer oder eine Waffe getragen, ich meide den Umgang mit aggressiven Menschen.“ Seine Eltern hätten ihm stets geraten, sich nicht in Gewalttätigkeiten hineinziehen zu lassen. Aber dann liest der Anwalt weiter: „Plötzlich war ich mittendrin.“

          Alle Angeklagten haben am Montag ihre Beteiligung an dem Geschehen gestanden und ihre Bestürzung über Jonnys Tod geäußert. Was den Rahmen der Ereignisse angeht, herrscht sogar Übereinstimmung: Man feierte im „Cancun“, trank Alkohol und machte sich irgendwann nach drei Uhr früh in Richtung U-Bahn auf. Auf dem Weg zur Haltestelle Alexanderplatz dann traf das Grüppchen auf Jonny K. und Gerhardt C., der seiner nigerianischen Mutter wegen eine dunkle Hautfarbe hat und der Freund von Jonnys Schwester Tina K. ist. Sie sitzt als Nebenklägerin im Saal. Bruder und Freund kümmerten sich um einen stark betrunkenen Kumpel, den sie wohl zeitweilig auf dem Rücken trugen und auf einem Stuhl des Eiscafés absetzten.

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