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Todesschütze von Belgorod : „Ich schoss nur in die Hölle“

  • Aktualisiert am

Nach dem letzten Gefängnisaufenthalt auffällig aggressiv: der mutmaßliche Täter Sergei Pomazun. Bild: AFP

Nach einer dreißigstündigen Jagd hat die Polizei den mutmaßlichen Täter gefasst, der im russischen Belgorod bei einem Blutbad sechs Menschen getötet haben soll.

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          Wie eine Trophäe präsentiert die russische Polizei den am Boden liegenden und mit Handschellen gefesselten mutmaßlichen Todesschützen von Belgorod. Die Großstadt südlich von Moskau war seit Montag im Ausnahmezustand, nachdem ein Gewaltverbrecher dort ein Blutbad mitten im Zentrum auf einer Einkaufmeile angerichtet hatte. Zwei Mädchen im Alter von 14 und 16 Jahren starben sowie vier Männer. Rund 2000 Sicherheitskräfte jagten den Sechsfachmörder. Und so erleichtert Russland nach der Festnahme ist, so laut sind aber auch die Rufe nach einer harten Strafe für den bereits mehrfach Verurteilten.

          Der 31 Jahre alte Sergei Pomazun, so schildert es sein Vater Medien zufolge, sei nach seinem letzten Gefängnisaufenthalt auffällig aggressiv aufgetreten. Auch bei seiner Festnahme stach er einen 42 Jahre alten Polizisten nieder, der im Krankenhaus behandelt wird. Ob er möglicherweise an den als brutal berüchtigten Haftbedingungen in Russland zerbrach, müssen die Ermittler feststellen. Der Verdächtige verweigert jede Aussage.

          Während der Patrouille: Polizisten durchkämmen die Stadt Belgorod nach dem Täter.

          Polizisten allerdings zitieren den Mann bei seiner Festnahme. „Ich habe nicht auf Kinder geschossen. Ich schoss nur in die Hölle“, soll er den Beamten zufolge gesagt haben. Zuvor hatte auch seine Mutter gesagt, dass ihr Sohn unkontrollierbar sei. Die Seite lifenews.ru berichtete, dass Pomazun Augenzeugen zufolge Amok gelaufen sei, weil er sich von seinen Mitmenschen beleidigt gefühlt habe. Er soll sich zwei Gewehre und eine Pistole aus dem Waffenschrank seines Vaters, eines Jägers, geholt haben und dann in die Stadt gefahren sein, um sich an denen zu rächen, die ihn verspottet hätten.

          Es traf vor allem auch die Mitarbeiter eines Waffengeschäfts. Sie hatten es wohl zuvor abgelehnt, ihm angesichts seiner Vorstrafen Patronen zu verkaufen. Am selben Tag soll ihm auch das Wachpersonal eines benachbarten Kaufhauses wegen seines äußeren Zustands ausgelacht und ihm den Zutritt verwehrt haben.

          „Geben Sie ihn heraus, damit wir ihn zerreißen können“

          Gutachter sollen nun klären, ob Sergei Pomazun psychisch gesund und schuldfähig ist. Russlands Chefermittler Alexander Bastrykin mahnte bei einem Besuch am Tatort aufgebrachte Bürger zur Ruhe. Bis zu einem Urteil gelte die Unschuldsvermutung, betonte er. „Geben Sie ihn heraus, damit wir ihn zerreißen können“, riefen einige entsetzte Bewohner, nachdem er in einem sumpfigen Gebiet in der Nähe von Bahngleisen geschnappt worden war.

          Der Fall hatte die Großstadt mit mehr als 400 000 Einwohnern in Atem gehalten. Nicht wenige in Russland fühlen sich an Amokläufe wie in den Vereinigten Staaten erinnert. Der Kremlfunktionär Pawel Astachow etwa sprach von einem „amerikanischen Szenario“. Vor allem aber sehen Kommentatoren das Verbrechen als schweren Schlag für Lobbyisten, die sich in Russland seit Monaten für eine Lockerung der Waffengesetze nach dem Vorbild der Vereinigten Staaaten  einsetzen.

          Einflussreiche Politiker hatten zuletzt dafür plädiert, dass Bürger sich für einen besseren Selbstschutz bewaffnen könnten. Begründet hatten sie ihre Initiative mit möglichen Milliardeneinnahmen für den Haushalt. Beobachter erwarten, dass die Debatte nach der Trauer in Belgorod wieder aufflammen wird.

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