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Mit Kriegswaffe erschossen : Todesopfer in Konstanzer Disco war Türsteher

Trauernde Frauen umarmen sich in Konstanz vor dem Club. Bild: dpa

Der Todesschütze von Konstanz war der Schwager des Disko-Betreibers. Vor der Tat hatte er sich laut Polizei mit Mitarbeitern gestritten und den Club verlassen. Wenig später kehrte er mit einem Sturmgewehr zurück – und schoss das Magazin leer.

          Was sich am frühen Sonntagmorgen im Konstanzer Industriegebiet abspielt, ruft Erinnerungen an den Anschlag auf den Pariser Musikklub Bataclan wach: Gegen 4.20 Uhr verschafft sich ein 34 Jahre alter Mann mit einem automatischen Gewehr Zutritt zum „Grey Club“, einer Großraumdisco, in der zu Hochzeiten 2500 Menschen auf vier Tanzflächen zu Hip Hop oder House tanzen können. Der Mann schießt einen Mitarbeiter des Wachpersonals nieder und gibt am Eingang noch weitere Schüsse ab. Drei Gäste und Mitarbeiter der Sicherheitsfirma werden verletzt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Weil das Konstanzer Polizeipräsidium nur anderthalb Kilometer von der Diskothek entfernt ist, kann die Polizei schnell helfen. Etwa um 4.30 Uhr stellen Polizisten, die mit Amok-Schutzkleidung ausgerüstet sind, den Mann nach einem Fluchtversuch. Der aggressive Schütze wird bei einem Schusswechsel schwer verletzt und stirbt einige Stunden später nach einer Notoperation im Krankenhaus. Zur weiteren Sicherung des Tatorts wird später das Sondereinsatzkommando (SEK) aus Göppingen eingesetzt.

          Ein Polizist wird während des Einsatzes am Kopf schwer verletzt; ohne den Amok-Schutzhelm hätte der Mann wohl nicht überlebt. Der Mitarbeiter der Sicherheitsfirma, auf den der Täter bei der Eingangskontrolle schießt, kann nicht mehr gerettet werden.

          Der Täter war polizeibekannt

          Viele Club-Besucher stehen unter Schock. Sie fragen sich sofort: War das ein islamistischer Terror-Anschlag? In dieser Hinsicht kann die Polizei schon am Morgen Entwarnung geben. Der Täter stammte zwar aus dem Irak, er ist wahrscheinlich ein seit vielen Jahren anerkannter Asylbewerber und soll seit etwa 15 Jahren im Landkreis Konstanz gelebt haben. Das heißt auch: Der Mann ist lange vor der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 nach Baden-Württemberg gekommen. Damit hat die Schießerei nicht die politische Dimension, die sie – auch mit Blick auf den Bundestagswahlkampf – gehabt hätte, wenn der Mann im September 2015 oder in den Monaten danach eingereist wäre. Der Täter war polizeibekannt: Es soll gegen ihn mehrere Ermittlungsverfahren wegen Gewaltdelikten und wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz gegeben haben. Ob er schon einmal verurteilt worden ist, muss noch geklärt werden.

          Die Polizei nimmt an, dass die Tat keinen islamistischen Hintergrund hat. Der Täter ist ein kurdischstämmiger Iraker. Er soll sich in sozialen Medien immer wieder kritisch über den „Islamischen Staat“ geäußert haben. So wie die Geschehnisse während der Tat, so müssen auch die Motive noch ermittelt werden. Es heißt, der Mann habe sich wahrscheinlich im „schwierigen Milieu“ der Drogenhändler- und Türsteher-Szene bewegt. Die Polizei erklärte auf einer Pressekonferenz am Sonntagnachmittag, dass der Angreifer der Schwager des Disko-Betreibers war, zuvor wurde angenommen, der Schütze sei der Schwiegersohn. Er habe sich vor der Tat mit Mitarbeitern der Diskothek gestritten und den Club daraufhin verlassen – später sei er mit einem Sturmgewehr vom Typ M16 zurückgekommen und habe einen der Türsteher erschossen. Ein Polizist hätte den kurz darauf folgenden Schusswechsel ohne seinen Amok-Schutzhelm wohl nicht überlebt. Der Angreifer schoss das Magazin seiner Waffe leer.

          Der „Grey Club“ gehört nicht zu den besten Adressen

          Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl ließ sich am frühen Sonntagmorgen über den Tathergang informieren. Er schickte seinen Staatssekretär Martin Jäger (beide CDU) nach Konstanz, der sich dort einen ersten Eindruck über die Ermittlungsarbeit der Polizei verschaffte.

          Der „Grey Club“ gehört in Konstanz nicht zu den besten Adressen, wenn man sich in der Universitätsstadt am Bodensee amüsieren will. Auch der Vorgänger-Club „Dance-Palace“ hatte schon keinen guten Ruf. „Wer Mate-Tee trinkt, geht eher in den Klimperkasten“, sagt ein Konstanzer, der die Diskotheken-Szene gut kennt. Das „Grey“ in der Max-Stromeyer-Straße ist aber die einzige Großraumdisco in der Region, beliebt auch bei Tagesbesuchern aus der Schweiz. Es habe in der Großraumdisco immer wieder Streitereien und auch gewaltsame Auseinandersetzungen gegeben, weil die Klientel schwierig sei, heißt es. Der Club wurde erst Ende Mai mit einem Live-Auftritt von Marc Terenzi wieder eröffnet. Die Betreiber sollen eine Million Euro investiert haben, auch um den Ruf zu verbessern.

          Eine Besucherin schreibt am Sonntag auf Facebook: „Einige, inklusive mir, die es nicht nach draußen geschafft haben, wurden im Club eingesperrt und durften erst vor zwei Stunden nach Räumung durch die Polizei das Gebäude verlassen. Warum hat man uns drinnen, obwohl der/die Täter noch nicht gefasst waren, so viele Stunden ohne polizeilichen Schutz alleine gelassen?“

          Der Grund war die umfangreiche Tatortsicherung von Polizei und SEK. Ein anderer Club-Besucher schilderte die dramatischen Vorgänge im Grey ebenfalls im Internet: „Ich war gerade auf der Toilette, als es passiert ist. Zum Glück, ich wollte eigentlich gerade gehen. Dann hat einer schon die Klotür zugehalten und gesagt, dass einer schießt. Mit uns war ein angeschossener Türsteher in der Toilette, dem mit einem Gürtel die Wunde abgedrückt wurde. Als er wieder raus ist, hat ein Barkeeper die Notausgangstür aufgemacht, und einige sind über den Parkplatz Richtung Burger King gerannt. Auf dem Parkplatz habe ich noch einen Verwundeten in der Wiese liegen sehen, dem sie die Schusswunde am Bein abgedrückt haben.“

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