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Tod einer Fünfjährigen : Ein sterbendes Kind

Die Verteidiger der Angeklagten im Landgericht Wuppertal Bild: AP

In Wuppertal begann der Prozess gegen die 38 Jahre alte Kaja G. wegen Totschlags an ihrem fünfjährigen Pflegekind Talea. Am Montag sagte auch die alkoholsüchtige leibliche Mutter vor dem Landgericht aus.

          Die Pulsfrequenz trennt die Lebenden von den Toten. Nach der Pulsfrequenz Taleas am 18. März fragen an diesem Montag vor dem Wuppertaler Landgericht Richter, Staatsanwalt und Verteidiger. Rettungssanitäter und Notarzt müssen immer und immer wieder berichten, ob und wieviel Leben noch in dem Körper war, den sie kalt und in triefend nasser Kleidung in der Wohnung ihrer Pflegemutter Kaja G. vorgefunden haben.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Da geht es um Schnapp-Atmung, um Laute, Wimmern und darum, ob sie noch den Arm hob, um sich gegen Schläuche und Kanülen zu wehren, ob ihre Pupillen weit oder nur mittelweit waren. „Ein sterbendes Kind“ habe er versucht zu reanimieren, sagt der Notarzt. Doch der Verteidiger von Kaja G. hält ihm seine frühere Aussage vor, er habe „ein lebendes Kind“ behandelt. Ein Kind, das noch eine gewisse Zeit lebt, kann man zuvor nicht getötet haben.

          Verwahrloste Zustände in der Herkunftsfamilie

          Doch genau deswegen ist die 38 Jahre alte Kaja G. angeklagt. Wegen Totschlags an ihrem fünfjährigen Pflegekind Talea muss sie sich seit Montag vor dem Landgericht Wuppertal verantworten. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft soll sie das Kind mit der Hand oder einem Gegenstand Mund und Nase zugehalten haben. Dabei habe sie das Kind mit der anderen Hand im Nacken festgehalten. Zuvor soll sie Talea in eine Badewanne mit kaltem Wasser gesetzt haben. Kaja G. will sich dazu vor Gericht nicht äußern.

          So bleibt es bei ihrer Darstellung vom 18. März, als Kaja G. selbst die „112“ wählte: „Ich habe ein fünfjähriges Kind hier, das stirbt mir hier, ich kriege es nicht mehr warm. Ich war nur eine halbe Stunde weg, als ich wiederkomme, liegt es in der kalten Badewanne.“ Der Notarzt kann das Leben des Kindes nicht mehr retten, Talea stirbt kurz darauf im Krankenhaus.

          Von den verwahrlosten Zuständen in der Herkunftsfamilie, von einer angeblich drogenabhängigen Mutter und von motorischen Schwierigkeiten Taleas und von ihrem gestörtem Sehverhalten hatte Kaja G. dem Notarzt während der Wiederbelebung erzählt. „Ich habe gedacht, dass Kind ist in die Badewanne gestürzt“, sagt der Arzt vor Gericht. Gerichtsmediziner werden später Hämatome am ganzen Körper feststellen: Nach ihrem Bericht sind sie auf Gewaltanwendung zurückzuführen und nicht auf einen Sturz.

          Am Anfang kann sie Talea noch regelmäßig treffen

          Martina S. beißt auf den Ärmelbündchen ihres schwarzen Sweatshirts herum, während der Notarzt von den letzten Minuten ihrer Tochter berichtet. Still weint sie vor sich hin, als der Rettungssanitäter erzählt, das Kind habe sich am Anfang noch bewegt und fast so etwas wie Weinen hervorgebracht. Zuvor hatte Martina S. dem Richter stotternd erzählt, dass sie selbst das Jugendamt um Hilfe gebeten hatte, im September 2007, als ihr alles zuviel wurde. Die ständigen Streitereien mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten Andre R., dem Vater ihrer zwei Töchter, die Alkoholabhängigkeit. „Ich wollte nur Hilfe, aber sie haben mir die Kinder weggenommen.“

          Talea kam darauf hin am 7. September 2007 zur Familie G., als deren erstes Pflegekind überhaupt.Ihre Tochter L. gibt das Jugendamt in eine Erziehungssstelle. Am Anfang kann Martina S. Talea noch regelmäßig treffen, dann kommt sie in eine Klinik zum Entzug, Besuche des Kindes dort werden nicht erlaubt.

          „Sie war sehr schnippisch, arrogant“

          Das letzte Mal sieht sie ihre Tochter kurz vor Nikolaus 2007. „Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, wenn Talea bei Ihnen war?“, fragt der Vorsitzende Richter. „Nein, nur dass sie auf einmal fragte: Mama, darf ich mir etwas zu trinken nehmen?“. Das gab es vorher nicht, Talea durfte trinken, wann immer sie wollte. Und noch etwas fällt der Mutter auf: Talea sitzt plötzlich so gerade. Das bemerkt auch Andre R., Taleas Vater. Bei der Weihnachtsfeier im Kindergarten, im Dezember 2007, hat er seine Tochter das letzte Mal lebend gesehen. Da weicht sie nicht von seiner Seite und will partout nicht runter von seinem Schoß. Einen leichten blauen Fleck an ihrer Wange hat sie, doch sie sagt nicht, wie es dazu gekommen ist.

          Am 11. März dann das letzte Telefonat mit Talea. „Sie war ganz fröhlich, ganz normal.“ Andre R. fragte seine Tochter am Telefon so dies und das, etwa nach dem geplanten Frühstück bei der Oma. Dann hätte plötzlich Kaja G. das Gespräch unterbrochen und ihm gesagt, er würde das Kind ausfragen, unter Druck setzen. Andre R. wird wütend, Kaja G. verbietet ihm, noch mal anzurufen, legt auf. „Sie war sehr schnippisch, arrogant.“

          Immer an sein Bein geklammert

          Regungslos hört die gelernte Arzthelferin Kaja G. den Zeugenaussagen zu, doch als sie die Hände auf die Anklagebank legt, sieht man die Knöchel weiß hervortreten. Die weiße Bluse mit den Stickereien lässt ihre Blässe besonders hervortreten, das kurze wellige Haar umrahmt ein feines Gesicht mit Brille. Auf dem Arm habe sie Talea gehalten, als der erste Rettungssanitäter eintraf, berichten Zeugen. Da habe das Kind immer noch die kalten, nassen Sachen angehabt.

          „Wie ist es Ihnen inzwischen ergangen?“, fragt der Vorsitzende Richter Taleas Eltern. Andre Z. sagt, er finde keine Antwort auf diese Frage. Und er erzählt dem Richter, dass Talea immer geweint habe, wenn sie von ihrer Pflegefamilie zu Besuch zu Hause war und Kaja G. unten an der Tür klingelte, um sie wieder abzuholen. „Ich habe gedacht, das ist ja normal, dass Kinder bei ihren Eltern bleiben wollen. Wer rechnet denn mit so etwas?“ Wenn er Talea dann zum Auto der Pflegemutter brachte, hat sie sich immer an sein Bein geklammert und gesagt, dass sie bei ihm bleiben will.

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