https://www.faz.net/-gum-vyzn

Tod einer Edelprostituierten : Berühmter hätte sie nicht werden können

  • -Aktualisiert am

Ließ sich auch mal im Plüschsessel mit Pudel ablichten: Rosemarie Nitribitt Bild:

Vor 50 Jahren fand man Rosemarie Nitribitt ermordet in ihrem Frankfurter Appartement - ein Fall, der nie gelöst werden konnte. Der Tod des „Mannequins“ löste einen publizistischen Tsunami aus, der noch heute zu spüren ist, berichtet Thomas Kirn.

          6 Min.

          Der Tod hat sie unsterblich gemacht. Rosemarie Nitribitt war 24 Jahre alt, als sie am 1. November 1957 erdrosselt in ihrem Frankfurter Appartement aufgefunden wurde. Wäre sie dieses Jahr 74 geworden, sie hätte nicht berühmter sein können, als sie es nun ist in mindestes drei Filmen, einem Musical, mehreren Büchern und ungezählten anderen Veröffentlichungen. Profession und Ruhm teilt sie mit Marie Duplessis, jener Pariser Kurtisane, die in jungen Jahren von der Schwindsucht dahingerafft wurde und gleichwohl lebt als Kameliendame und Traviata.

          Auch Rosemarie Nitribitt, die sich „Rebecca“ nannte, stammte aus kleinen unglücklichen Verhältnissen und entdeckte früh, dass sie erstens den Männern gefiel und sie zweitens Geld verlangen konnte, wenn sie gefällig war. Als sie 1951 wegen Landstreicherei von der Frankfurter Polizei aufgegriffen und mit der Nummerntafel 02384 erkennungsdienstlich fotografiert wurde, war sie ein traurig dreinblickendes Geschöpf, schlecht frisiert und in einem zu großen dunklen Mantel.

          Ihre Kundschaft wandelte nicht unter Niveau

          Ein paar Jahre später zeigen Fotos eine elegant gekleidete junge Frau mit dem Lächeln und den Posen eines Mannequins. Unter dieser Berufsbezeichnung stand sie im Frankfurter Telefonbuch. Privat ließ sie sich auch nackt im Plüschsessel ablichten mit Pudel auf dem Schoß oder im Schaum einer Badewanne, geeignet zur Illustration zeitgenössischer Herrenmagazine. Berühmt, allzeit vorzeigbar und millionenfach nachgedruckt kennt die Welt Rosemarie Nitribitt in oder vor ihrem Mercedes 190 SL, fast ein Werbefoto für Daimler-Benz.

          Rosemarie Nitribitt, Deutschlands berühmteste Prostituierte

          Es war ihr drittes Auto, nach einem Volkswagen und einem Opel Kapitän, und sie hat den schwarzen Sportwagen bar bezahlt. Kulturkritiker haben lange Aufsätze über den automobilistischen Aufstieg der schon zu Lebzeiten in Frankfurt bekannten Prostituierten verfasst und die auf der Hand liegende Parallele zu anderen wirtschaftswunderbaren Karrieren gezogen. Weniger berücksichtigt blieb, dass der auffällige Wagen, den diese Frau langsam fuhr, um schneller vorwärts zu kommen, eine Investition war, weniger ein Luxusgegenstand. Sie hatte es auf Kundschaft abgesehen, die auf ihren erotischen Abwegen nicht unter Niveau zu wandeln gedachte.

          „Glauben Sie, dass ich mein Geld im Schlaf verdiene?“

          Sie wusste, was nützlich war fürs Geschäft. Rosemarie Nitribitt kleidete sich teuer und modisch, doch nicht extravagant, sie fuhr das richtige Auto, sie konnte sich im ersten Hotel am Platz korrekt bewegen, und sie empfing in einer Wohnung in schwülstigem Neobarock, die ganz dem schlechten Geschmack der reichen Männer entsprach, auf die sie es abgesehen hatte. Für sich selbst hatte sie wohl wenig Aufwand getrieben, niemand berichtet von Reisen, teuren Liebhabereien oder teurem Geschmack beim Essen. Ihre letzte Mahlzeit, so das Obduktionsprotokoll, war Milchreis.

          Sie soll im Grunde sparsam gewesen sein, an der Grenze zum Geiz und sich nach einer Reparatur in der Autowerkstatt wegen der Rechnung nicht ganz unkomisch beschwert haben: „Glauben Sie vielleicht, dass ich mein Geld im Schlaf verdiene?“ Kriminalistisch war der gewaltsame Tod der Rosemarie Nitribitt eine einzige Katastrophe. Sie begann damit, dass die Kriminalbeamten am Tatort, an dem der Leichnam schon geraume Zeit bei eingeschalteter Fußbodenheizung gelegen hatte, überwältigt vom Gestank, die Fenster öffneten und die kalte Novemberluft einließen. Damit aber war die Möglichkeit verwirkt, aus der Differenz zwischen Leichen- und Umgebungstemperatur auf den Todeszeitpunkt rückschließen zu können.

          Die Akte des Mordes ruht als ungelöster Fall

          Also gab es keinen einigermaßen exakten Tatzeitpunkt, folglich war auch nicht zu bestimmen, wer zuletzt mit Nitribitt zusammen war. Eine all die Jahre nicht reißende Kette von Spekulationen schloss sich an. Den nach einigen Wochen als Hauptverdächtiger geltenden Handelsvertreter Heinz P. ließ die Polizei im Februar 1959 verhaften. Die Staatsanwaltschaft erhob Mordanklage, das Frankfurter Schwurgericht sprach ihn im Sommer 1960 mangels Beweises frei.

          Zu irgendwelchen sensationellen Zeugenauftritten war es zur Enttäuschung eines sich um Karten reißenden Publikums und dürstender Boulevardpresse nicht gekommen. Die Akte Nitribitt ruht im hessischen Hauptstaatsarchiv zu Wiesbaden. Die Kehrseite der befleckten Medaille mit dem Bild des ungelösten Falls schimmert im Glanz möglicher Welten und Wahrheiten. Gerade weil niemand wusste, wann wer Nitribitt warum umgebracht hat, gaben viele vor, etwas zu wissen, was sich lohnte, aufgedeckt zu werden.

          Der Name Nitribitt als Sprengstoff in der Gesellschaft

          Die Hure als gefährliche Mitwisserin von Kundengeheimnissen, die schlangenhafte Erpresserin, die geheime Geliebte der Mächtigen sind so einige Rollen, die der rätselhaft Ermordeten angedichtet wurden. Die Illustrierte „Quick“ ging einen anderen Weg und blies zur Jagd. Noch vor des Handelsvertreters Prozess begann das Blatt, dessen „Memoiren“ zu drucken, und setzte 50 000 Mark Belohnung aus: „Der Mörder ist unter uns . . . Quick ruft seine Millionen Leser auf, dabei zu helfen, diesen gemeinen Mörder zur Strecke zu bringen.“ Alle so erlangten Hinweise waren unbrauchbar. Der Presserat intervenierte, die Serie wurde abgebrochen.

          Dass Nitribitt wie Ekrasit oder Dynamit wie die Bezeichnung für einen Sprengstoff klinge, war die Entdeckung des als Zeitkritikers renommierten Autors Erich Kuby, der nach dem Mord in Frankfurt in der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb: „In der Tat würde dieser Sprengstoff mit dem Vornamen Rosemarie einen ansehnlichen Teil der westdeutschen Gesellschaft in die Luft sprengen, wenn es außer einer wirtschaftlichen Krise etwas gäbe, was diese Gesellschaft wirklich berühren könnte.“ Das war der Grundton eines publizistischen Tsunamis, der noch Jahrzehnte später zu spüren war.

          Wurde die Kundschaft der Prostituierten geschont?

          Etwa als der Fernsehjournalist Samuel Schirmbeck Ende der achtziger Jahre Vermutungen darüber anstellte, die Kriminalpolizei habe die Kundschaft der Nitribitt zwar überprüft, doch auch geschont: „Wären die betuchten Spießer als Hurenböcke entlarvt worden, während Petticoats an Schulen verpönt waren, sexuelle Beziehungen Nichtverheirateter als Onkelehen getarnt wurden, es hätte den subversiven Seelen der Adenauer-Republik zu viel recht gegeben“, verurteilte Schirmbeck das - übrigens gesetzlich so vorgeschriebene - Verhalten der Polizei, die Namen von Zeugen nicht an die große Boulevardglocke zu hängen.

          Zweiter Vorwurf gegen die Ermittler: sie hätten einen Mordverdächtigen „aus einfachen Kreisen“ konstruiert und präsentiert. Kriminalistik als Klassenangelegenheit - zu schön hässlich, um wahr zu sein. Aber auch die über Jahrzehnte wiederholte Auskunft des Frankfurter Kriminaldirektors Albert Kalk, der Fall sei ein Dirnenmord wie andere zuvor und spätere, liegt ebenfalls weit neben der Sache.

          Im Film weiß die Hure zu viel und muss weg

          Amüsant kam die Gesellschaftskritik in dem schon ein Jahr nach dem Mord herausgekommenen Spielfilm von Rolf Thiele daher, dem späteren „Cheferotiker des deutschen Films“. Nadja Tiller, mal mit Hut und gepunktetem Kleid, mal im Babydoll, verkörperte „Das Mädchen Rosemarie“, unter anderen Leinwandhelden Gert Fröbe als das fette Wirtschaftswundertier. Was das polizeiliche Ermittlungsergebnis nicht hergab, hier wurde es Ereignis: Die Hure weiß zu viel und muss weg. Bis es so weit ist, amüsiert das Stück vor allem mit kabarettistischen Einlagen.

          Die geilen Bosse werden besungen mit „Ihr sprecht von Gefühl und von Liebe im Bett / euch schlägt bloß das Scheckbuch unterm Jackett!“ Zu „Preußens Gloria“ fügt sich der Text „Und weil sozial ist unser Sinn, drum bauen wir noch ne Versich'rung hin / und links 'ne Bank und rechts 'ne Bank / und managen uns dabei krank.“ Wirtschaftswunderland: Brillanten an der Hand, Picasso an der Wand, „Mein Kampf“ ham' wer leider verbrannt. Denselben Grundton von 1958 schlägt auch der Fernsehfilm von 1996 an, in dem Nina Hoss die Rosemarie spielt und die damenhafte Nadja Tiller vergessen lässt.

          Autopsie eines deutschen Skandals

          Der Vollständigkeit halber: Es gibt noch „Die Wahrheit über Rosemarie“ mit der vergessenen Engländerin Belinda Lee und ein Musical, das 2004 in Düsseldorf uraufgeführt wurde und kein Erfolg war. Dieser Tage hat der Journalist Christian Steiger ein Buch vorgelegt, das sich als „Autopsie eines deutschen Skandals versteht“. Sorgfältig zeichnet es die Lebenslinie der Rosemarie Nitribitt nach, die Schlappe der Ermittlungen und nähert sich dem gesellschaftlichen und publizistischen Ambiente der fünfziger Jahre.

          In den Jahren, als noch wirklich hektisch über „die Nitribitt“ publiziert wurde, nahm sich auch diese Zeitung des Falls auf besondere Weise an. Friedrich Sieburg, der das Literaturblatt leitete, schrieb in zwei Leitartikeln auf der ersten Seite der F.A.Z. zum Mordfall. Bei Sieburgs Ansehen als Schriftsteller und Kritiker war das prima vista eine Ungeheuerlichkeit, so, als hätte Marcel Reich-Ranicki den Einbruch bei Dieter Bohlen zum Gegenstand gemacht.

          Aber, wie nicht anders zu erwarten, der Autor packte die Nitribitt dort, wo sie neu erfunden worden war, bei den „illustrierten Blättern“. Er schrieb: „Wir wollen von den Leuten, die für die Bildpresse verantwortlich sind, kein Opfer verlangen, das an ihre Substanz rührt. Wir wollen sie nur kniefällig bitten, sich die Welt, die sie in ihren Blättern mit so viel Einfallsreichtum errichten, einmal genau anzusehen und sich zu fragen, ob die Massenhaftigkeit ihrer Leser ein Beweis dafür ist, dass sie auf dem rechten Weg sind.“ Sieburg hat nicht verstehen wollen, dass es Geschichten gibt, die erzählt werden müssen, ganz gleich, ob sie wahr sind.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Verwaltungshochhaus vom Volkswagen-Werk in Wolfsburg (Archivbild)

          Musterklage : VW öffnet sich für Vergleich mit Diesel-Kunden

          Der Autohersteller beugt sich dem Druck des Gerichts, das auf einen Vergleich dringt. Der Prozess ist aber schon jetzt zäh für Volkswagen. Inzwischen erwartet der Konzern auch schlechtere Geschäftsaussichten.
          Entspannt im Alter: Damit der Ruhestand nicht zur Armutsfalle wird, soll die private Altersvorsorge reformiert werden – aber wie? (Symbolfoto)

          Geförderte Altersvorsorge : Riester-Reform statt Staatsfonds

          Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung ein kostengünstiges Standardprodukt versprochen. In der CDU wächst die Sympathie für die Deutschland-Rente. Nun legt die Finanzbranche ein Gegenmodell vor. Die F.A.Z. hat es vorab.
          Hier haben fast alle Schüler einen Migrationshintergrund: Eingangsbereich der Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg

          Eine Lehrerin rechnet ab : Woran es der Berliner Bildungspolitik fehlt

          Kampf gegen Windmühlen: In ihrem Buch „Eine Lehrerin sieht Rot“ zeigt Doris Unzeitig, woran es der Berliner Bildungspolitik fehlt – und warum sie nach fünf Jahren an der Spreewald-Grundschule in Schöneberg das Handtuch warf.
          An der Stelle des Unglücks: Kerzen und Stofftiere erinnern an den Jugendlichen, der hier in der Münchener Innenstadt von einem Raser totgefahren wurde.

          Raserunfall in München : „Keine Hetzjagd“

          Eine Videoaufnahme von dem Raserunfall in München, bei dem ein Jugendlicher starb, soll die Polizei von Hetzjagd-Vorwürfen entlasten und den Vorsatz des Fahrers belegen. Die Staatsanwaltschaft sieht mehrere Mordmerkmale erfüllt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.