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Tod einer Edelprostituierten : Berühmter hätte sie nicht werden können

  • -Aktualisiert am

Die Akte des Mordes ruht als ungelöster Fall

Also gab es keinen einigermaßen exakten Tatzeitpunkt, folglich war auch nicht zu bestimmen, wer zuletzt mit Nitribitt zusammen war. Eine all die Jahre nicht reißende Kette von Spekulationen schloss sich an. Den nach einigen Wochen als Hauptverdächtiger geltenden Handelsvertreter Heinz P. ließ die Polizei im Februar 1959 verhaften. Die Staatsanwaltschaft erhob Mordanklage, das Frankfurter Schwurgericht sprach ihn im Sommer 1960 mangels Beweises frei.

Zu irgendwelchen sensationellen Zeugenauftritten war es zur Enttäuschung eines sich um Karten reißenden Publikums und dürstender Boulevardpresse nicht gekommen. Die Akte Nitribitt ruht im hessischen Hauptstaatsarchiv zu Wiesbaden. Die Kehrseite der befleckten Medaille mit dem Bild des ungelösten Falls schimmert im Glanz möglicher Welten und Wahrheiten. Gerade weil niemand wusste, wann wer Nitribitt warum umgebracht hat, gaben viele vor, etwas zu wissen, was sich lohnte, aufgedeckt zu werden.

Der Name Nitribitt als Sprengstoff in der Gesellschaft

Die Hure als gefährliche Mitwisserin von Kundengeheimnissen, die schlangenhafte Erpresserin, die geheime Geliebte der Mächtigen sind so einige Rollen, die der rätselhaft Ermordeten angedichtet wurden. Die Illustrierte „Quick“ ging einen anderen Weg und blies zur Jagd. Noch vor des Handelsvertreters Prozess begann das Blatt, dessen „Memoiren“ zu drucken, und setzte 50 000 Mark Belohnung aus: „Der Mörder ist unter uns . . . Quick ruft seine Millionen Leser auf, dabei zu helfen, diesen gemeinen Mörder zur Strecke zu bringen.“ Alle so erlangten Hinweise waren unbrauchbar. Der Presserat intervenierte, die Serie wurde abgebrochen.

Dass Nitribitt wie Ekrasit oder Dynamit wie die Bezeichnung für einen Sprengstoff klinge, war die Entdeckung des als Zeitkritikers renommierten Autors Erich Kuby, der nach dem Mord in Frankfurt in der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb: „In der Tat würde dieser Sprengstoff mit dem Vornamen Rosemarie einen ansehnlichen Teil der westdeutschen Gesellschaft in die Luft sprengen, wenn es außer einer wirtschaftlichen Krise etwas gäbe, was diese Gesellschaft wirklich berühren könnte.“ Das war der Grundton eines publizistischen Tsunamis, der noch Jahrzehnte später zu spüren war.

Wurde die Kundschaft der Prostituierten geschont?

Etwa als der Fernsehjournalist Samuel Schirmbeck Ende der achtziger Jahre Vermutungen darüber anstellte, die Kriminalpolizei habe die Kundschaft der Nitribitt zwar überprüft, doch auch geschont: „Wären die betuchten Spießer als Hurenböcke entlarvt worden, während Petticoats an Schulen verpönt waren, sexuelle Beziehungen Nichtverheirateter als Onkelehen getarnt wurden, es hätte den subversiven Seelen der Adenauer-Republik zu viel recht gegeben“, verurteilte Schirmbeck das - übrigens gesetzlich so vorgeschriebene - Verhalten der Polizei, die Namen von Zeugen nicht an die große Boulevardglocke zu hängen.

Zweiter Vorwurf gegen die Ermittler: sie hätten einen Mordverdächtigen „aus einfachen Kreisen“ konstruiert und präsentiert. Kriminalistik als Klassenangelegenheit - zu schön hässlich, um wahr zu sein. Aber auch die über Jahrzehnte wiederholte Auskunft des Frankfurter Kriminaldirektors Albert Kalk, der Fall sei ein Dirnenmord wie andere zuvor und spätere, liegt ebenfalls weit neben der Sache.

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