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Thomas Wolf gefasst : Der Mann mit den vielen Gesichtern

Mal seriös mit Brille... Bild: AP

Mal sieht er wie ein Geschäftsmann aus. Mal zeigt er sich sportlich leger gekleidet. Niederländisch und Englisch spricht Wolf ohne Akzent. Soziopathen wie Wolf können mit Menschen wie mit Puppen spielen, ein schlechtes Gewissen ist ihnen dabei fremd.

          4 Min.

          Die Fotos von Thomas Wolf hingen überall. An Bahnhöfen, Flughäfen, Grenzübergängen. Jeder der dort postierten Beamten kannte sein Bild. Mal sah er mit Designerbrille und kurzgeschorenem Haar wie ein Geschäftsmann aus. Mal zeigte er sich sportlich leger gekleidet mit Dreitagebart. Mal blickte er eiskalt und provokant in die Kamera, als wollte er sagen: „Ihr kriegt mich sowieso nicht.“

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der nun auf der Hamburger Reeperbahn gefasste Düsseldorfer war nicht nur einer der meistgesuchten Gewaltverbrecher Deutschlands, der in der Datenbank des Bundeskriminalamts in einer Reihe mit mutmaßlichen Top-Terroristen wie Eric Breininger und Houssain Al Malla aufgeführt ist. Er ist aus Sicht von Kriminologen auch ein Phänomen - weil er die Gabe hat, sich ständig zu verwandeln.

          1,8 Millionen Euro erbeutet

          Wer ist Thomas Wolf? Er entschloss sich, die Frau eines leitenden Bankmanagers zu entführen und mit ihrem Ehemann ein psychologisch grausames Katz-und-Maus-Spiel zu veranstalten, das quer durch das Rhein-Main-Gebiet führte. Er trieb die Polizei und den Ehemann in die Enge, ließ dabei immer die Frage offen, was letztlich mit dem Opfer geschehen würde. Am Ende erbeutete er 1,8 Millionen Euro und konnte fliehen. Wieder einmal.

          Fest steht, dass Wolf seine Taten mit Scharfsinn plante, sie akribisch vorbereitete und sich dabei offenbar immer in Sicherheit wähnte. Bei der letzten Entführung hinterließ er Fingerabdrücke, anhand derer er schließlich identifiziert werden konnte. Große Anstalten, seine Identität zu verschleiern, unternahm er erst gar nicht - als wollte er, dass schnell bekannt wird, dass „der Wolf“ wieder zugeschlagen hat.

          Erstmals aufgefallen war Wolf im März 1990. Damals verübte er einen Banküberfall. Im Jahr darauf wurde er zu acht Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Es folgte ein Fluchtversuch, dem Vernehmen nach nahm er sich im Gefängnistrakt eine Geisel, um seine Freilassung zu erzwingen. Der Plan scheiterte. Dafür verlängerte sich seine Haft um drei Jahre und drei Monate. Die Zeit zwischen 1991 und 2000 verbrachte er in unterschiedlichen Haftanstalten, wurde immer wieder verlegt - bis er um die Jahreswende 1999/2000 von einem Hafturlaub nicht mehr zurückkam. Warum ihm der Freigang überhaupt gewährt wurde, können die Ermittler der Polizei bis heute nicht verstehen.

          Drohen mit Bomben-Attrappe

          Vor allem deshalb nicht, weil klar war, dass Wolf, der Berufsverbrecher, weitermachen würde. So raubte er am 20. April 2000 eine Commerzbank in Hamburg-Altona aus und erbeutete 500.000 Mark. Am 19. Dezember 2002 versuchte er einen weiteren Überfall in Brüssel, scheiterte jedoch. Am 28. April 2003 schlug er schließlich im niederländischen Eindhoven zu und ging auf die gleiche Art und Weise vor wie damals in Hamburg: Er bastelte eine Bomben-Attrappe und drohte, das Gebäude in die Luft zu sprengen. Dann nahm er eine Geisel, um seine Flucht zu sichern.

          Ermittler, die damals in Hamburg mit dem Fall befasst waren, sagen noch heute, dass dieser Raub eine absolute Ausnahmetat gewesen sei. Die Bombenattrappe sei täuschend echt gewesen, sogar ein Fachmann habe den Unterschied erst gesehen, als er schon dabei war, die Attrappe zu entschärfen. Aus welchen Gründen Wolf dann offenbar von Banküberfällen abgekommen war und stattdessen Menschen entführte, können aber selbst jene Ermittler nicht erklären, die sich seit Jahren schon eingehender mit dem Mann beschäftigt haben.

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