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Therapie für Pädophile : „Ich könnte die Scham nicht aushalten“

  • -Aktualisiert am

Kein Täter werden wie Marc Dutroux Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Pädophilie ist eines der größten Tabus, und wer die Neigung in sich spürt, meist hilflos und auf sich allein gestellt. Die Berliner Charite bietet jetzt eine Therapie zur Vorbeugung an.

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          Markus Schmidt hat Regeln aufgestellt, die sein Leben erleichtern sollen. Eine lautet: nachmittags nicht mehr ins Schwimmbad zu gehen. „Purer Streß“, sagt Schmidt. Er ist Sozialpädagoge, lebt in Berlin, ist „Single, männlich, Ende dreißig“ - und sein wahrer Name ist nicht Markus Schmidt.

          Aus Sorge davor, „von der Gesellschaft an den Pranger gestellt zu werden“, will er unerkannt bleiben. Wenn er erzählt, klingt das sachlich, seine Sprache ist durchsetzt von Therapeuten-Fachjargon. Er habe gelernt, sagt Schmidt, „einen Umgang mit meiner Neigung zu finden“. Heute könne er sich besser einschätzen als früher. Die Erregung durch fast nackte Jungenkörper im Schwimmbad will er vermeiden. Markus Schmidt ist pädophil.

          Das wird sich nie ändern

          Rund 20.000 Kinder werden laut Polizeistatistik jedes Jahr Opfer sexueller Übergriffe. In keinem anderen Kriminalitätsbereich der „Delikte am Menschen“ ist die Dunkelziffer größer und das Wissen über die Täter im Dunkelfeld so gering. Schätzungen zufolge ist ein Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland pädophil.

          Markus Schmidt hat als erwachsener Mann nie ein Kind sexuell belästigt. „Ich könnte die Scham danach nicht aushalten“, sagt er. Aber Jungen erregen Schmidt. Das bleibt, das wird sich nie ändern. „Die Häufigkeit, mit der ich Lust spüre, ist so wie bei jedem anderen normal funktionierenden Mann auch.“ Und deswegen setzt er sich den Reizen eines Schwimmbadbesuchs nicht aus.

          Mehrzahl der Kindermörder ist nicht pädophil

          Selbstauferlegte Regeln wie diese hat er aus seiner zweijährigen Therapie mitgenommen. Am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin des Berliner Universitätsklinikums Charite wurde Schmidt vor zwei Jahren behandelt. Nach einer Methode, die dort entwickelt wurde und darauf zielt, Männer mit auf Kinder gerichteten Sexualphantasien zu therapieren, bevor es zu Übergriffen kommt. „Die Personengruppe, um die es hier geht - nämlich potentielle Täter - ist weitgehend unerforscht und nicht automatisch gleichzusetzen mit Sexualstraftätern“, erklärt Professor Klaus Michael Beier, der Direktor des Instituts. Untersuchungen über die vergangenen Jahre haben gezeigt, daß mehr als drei Viertel der verurteilten Kindesmißbraucher nach diagnostischen Kriterien nicht pädophil sind. Auch die Mehrzahl der Kindermörder ist nicht pädophil. „Das sind seltene Einzeltaten von psychopathologisch schwerstgestörten Tätern“, so Beier. Meist sind ihre Taten an Kindern Ersatzhandlungen und die Tötungen sogenannte Deckungsmorde, in denen die Kinder als Zeugen beseitigt werden sollen. Aber es bleiben eben die rund 25 Prozent pädophil veranlagten Täter.

          Christoph Joseph Ahlers, Klinischer Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sexualwissenschaft, sieht in dem Behandlungsangebot eine wichtige Chance, um zu verhindern, daß es überhaupt zur Tat kommt. Seit der Gründung der sexualmedizinischen Ambulanz vor zehn Jahren haben pro Quartal etwa drei bis sechs pädophile Männer um therapeutische Hilfe gebeten. Sie hätten, sagt Ahlers, mitunter Angst, „ein zweiter Marc Dutroux zu werden“.

          Letzter Ausweg

          Markus Schmidt weiß seit seiner Pubertät, daß er anders ist. „Ich hatte ständig das Gefühl, daß etwas mit mir nicht stimmt, konnte das aber bis ins Erwachsenenalter nicht benennen“, erzählt er. Als neunjähriger Junge fand Schmidt es erregend, „beim Raufen mit einem etwa fünfjährigen Jungen seine Genitalien zu berühren“. Einem Dreijährigen zog er die Hose herunter und griff ihm an den Penis. Nach der Pubertät blieb in ihm zunächst das diffuse Gefühl, nicht zu wissen, wo er hingehört. Er kam sich ausgeschlossen vor, klein und hilflos. Mit seinen Eltern konnte er nicht reden. Und das Elternhaus Markus Schmidts könnte aus einem Lehrbuch für mißglückte Familienkommunikation stammen: Die Eltern kümmerten sich wenig, Vertrauen starb im Keim. Einige Jahre lang glaubte er, schwul zu sein, machte einige „Versuche mit Männern“. Doch sexuelle Befriedigung mit einem anderen Menschen ist für ihn nur Theorie geblieben, bis heute. Mit Mitte Zwanzig steigerte sich seine Lust gegenüber Jungen „von gelegentlichem Daran-Denken bis zur Zwanghaftigkeit“. Markus Schmidt hatte Angst vor seinem sexuellen Verlangen, wollte aber auch nicht „kaputtgehen“. Er lebte zurückgezogen, wurde von Depressionen gequält, war antriebslos und konnte für nichts Freude empfinden. Außerdem trank er mehr als je zuvor. Am Schluß dachte er immer öfter an Selbstmord.

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