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Zweieinhalb Jahre Haft : Michelle Carter wegen Anstiftung zum Suizid verurteilt

  • -Aktualisiert am

Weil sie ihren Freund zum Selbstmord anstiftete, muss Michelle Carter zweieinhalb Jahre in Haft. Bild: AP

Vor drei Jahren war ein junger Mann tot in seinem Auto gefunden worden. Seine Freundin steht vor Gericht, weil sie ihn über Textnachrichten ermutigt hatte, sich das Leben zu nehmen.

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          Sein Ende hatte Conrad Roy sich romantischer vorgestellt. „Wir sollten es wie Romeo und Julia machen“, schlug der 18 Jahre alte Amerikaner seiner Freundin Michelle Carter vor. Einige Wochen später parkte er seinen Geländewagen vor einem Warenhaus, um sich mit Kohlenmonoxid zu vergiften. Während sich das Gas im Wageninneren ausbreitete, bekam Roy Angst. Als er das Auto verließ, trug ihm seine Freundin Carter via Handy auf, sich wieder in den Wagen zu setzen. Ihr Befehl „Geh’ verdammt zurück!“ war vermutlich das Letzte, das den Seemann aus Massachusetts erreichte. Er starb am 13. Juli 2014 auf dem Fahrersitz seines Wagens, nachdem Carter ihn wochenlang durch Textnachrichten und Anrufe ermuntert hatte, sein Leben zu beenden.

          „Michelle Carter hat Conrad Roy getötet. Sie beendete sein Leben, um ihr eigenes aufzuwerten“, fasste Maryclare Flynn, die stellvertretende Staatsanwältin des Bezirks Bristol, am Donnerstag vor der Verkündung des Strafmaßes zusammen.

          Der „Fall des SMS-Suizids“ hatte in den Vereinigten Staaten fast drei Jahre lang Aufsehen erregt. Wie in den Monaten nach Roys Tod bekannt wurde, drängte die damals 17 Jahre alte Carter Roy im Sommer 2014 wiederholt zur Selbsttötung. „Ich nehme an, dass du es nun doch nicht tust. Alles war umsonst. Ich bin verunsichert, denn du warst so gut vorbereitet“, ließ die psychisch labile Schülerin ihren Freund in einer Textnachricht wissen. Als Roy fast entschuldigend antwortete, forcierte Carter den Suizid abermals: „Letzte Nacht war ideal. Du verschiebst es immer wieder. Dadurch machst du es für dich selbst nur schwerer. Du musst es einfach nur tun.“

          Mit Carter verband Roy eine Online-Romanze

          Roy litt seit Jahren unter Depressionen, die er durch Medikamente und Gesprächstherapien behandeln ließ. Zudem hatte der angehende Student der Fitchburg State University ein Jahr zuvor versucht, sich durch eine Überdosis Schmerzmittel das Leben zu nehmen. Mit Carter, die er im Sommer 2011 in Florida kennenlernte, verband ihn eine Online-Romanze. In den Jahren vor Roys Tod hatten sich die Schüler nur ein paar Mal persönlich getroffen.

          Wie die Staatsanwaltschaft Carter während des sechstägigen Prozesses im Juni vorwarf, trieb sie den Jugendlichen in den Tod, um sich als „trauernde Freundin“ geben zu können. Nach dem Suizid des Achtzehnjährigen bot sie seinen Eltern Unterstützung an, gab sich gegenüber Mitschülern als Krisenhelferin aus und stritt mit Roys engstem Freund über die Anerkennung für die Organisation eines Baseballturniers zu Ehren des Verstorbenen. Dass Carter von den Suizidplänen wusste, verschwieg sie. Erst bei der Auswertung von Roys Handy fand die Polizei schließlich Carters verstörende Textnachrichten. „Sie haben meine Nachrichten gefunden. Ich bin erledigt“, schrieb sie einer Freundin. „Seine Familie wird mich hassen, und ich muss vielleicht ins Gefängnis.“

          Schon bei der Anklageerhebung wegen fahrlässiger Tötung Anfang Februar 2015 entbrannte eine Debatte über strafrechtliche Verantwortung im digitalen Zeitalter. Nach dem Schuldspruch warf die Bürgerrechtsorganisation The American Civil Liberties Union dem Gericht vor, Carters Grundrecht auf Redefreiheit verletzt zu haben. Der Jurist Martin Healy, ein Vertreter der Rechtsanwaltskammer des Bundesstaates Massachusetts, erinnerte dagegen an den Einfluss, den die Schülerin auch über den Umweg eines Mobiltelefons auf Roy nahm. „Die Textnachrichten deuten auf eine tief gestörte Angeklagte, deren Handlungen eine schamlose Geringschätzung für das Leben des Opfers belegen“, sagte Healy dem „Boston Globe“.

          Der Vorsitzende Richter des Jugendgerichts in Bristol County, Lawrence Moniz, verurteilte Carter am Donnerstag zu zweieinhalb Jahren Haft, die er durch eine Bewährungsstrafe auf 15 Monate verkürzte. Carters virtuelle Anwesenheit bei Roys Suizid, so das Gericht, reiche aus für eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung. Carter darf ihren 21.Geburtstag in der kommenden Woche dennoch in Freiheit feiern. Das Gericht verschob den Haftantritt, bis die Anwälte der künftigen Studentin sämtliche Berufungsmöglichkeiten im Bundesstaat Massachusetts ausgeschöpft haben.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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