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Südsee : „Wir lassen uns ungern was sagen“

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Innerhalb der Inselgemeinschaft Pitcairn geschah Schreckliches Bild: picture-alliance/ dpa

Die „Bounty“-Meuterer ließen sich auf der Südsee-Insel Pitcairn nieder. Seither ist dort eine autonome Gemeinschaft entstanden, die junge Mädchen lange Zeit als Freiwild betrachtet hat. Andy Christian, Nachfahre der Meuterer, über seine Heimat.

          3 Min.

          Die „Bounty“-Meuterer ließen sich 1790 auf der kleinen Insel Pitcairn in der Südsee nieder. Seither ist dort eine autonome Gemeinschaft entstanden. Eine Gemeinschaft die junge Mädchen lange Zeit als Freiwild betrachtet hat. Nun sitzen vier Männer der Insel im Gefängnis.

          Andy Christian, Sie sind 21 und leben auf Pitcairn, wo sich die Meuterer unter Ihrem Vorfahren Fletcher Christian 1790 niederließen. Dass man Sie anrufen kann, ist neu . . .
          Seit November sind wir nicht mehr von der Welt abgeschnitten. Wir haben Telefon, Fernsehen und Internet. Mir fehlt hier nichts mehr!

          Außer jungen Leuten.
          Letzte Woche ist unsere Einwohnerzahl erstmals gestiegen, da hat meine Cousine ein Baby bekommen.

          Deren Mann Randy sitzt mit vier anderen im Gefängnis der Insel - alle wegen mehrfacher Vergewaltigung von Mädchen.
          Seinen Kindern macht das nichts. Für die ist das so, als ob ihr Vater in der Nähe im Hotel wohnt.

          Gehen Sie die Männer - zwei von ihnen sind erst vergangene Woche verurteilt worden - manchmal besuchen?
          Ich habe sie vorher nicht besucht, warum sollte ich es jetzt tun? Mein Onkel Steve, der früher Bürgermeister war und auch im Gefängnis sitzt, hat meine Mutter, die Inselpolizistin, und mich jahrelang schlecht behandelt, uns aus der Familie ausgeschlossen. Er und die anderen, die gegen den Prozess waren, haben uns „Hunde“ genannt.

          Wie geht es hinter Gittern zu?
          Die haben es da ziemlich komfortabel, mit eigenem Bad und viel Platz. Das Gebäude ist nagelneu, sieht aus wie ein Chalet. Die Männer arbeiten unter Aufsicht draußen und legen Wege an. Alle vier Monate wechseln die sieben Wärter aus Neuseeland. Das sind nette Jungs, ich trinke mit denen oft ein Bier und erfahre so manches - zum Beispiel, dass die Häftlinge sich darüber beschwert haben, dass nach der Besuchszeit Körperkontrollen gemacht werden. Aber das ist nun mal die Regel im Knast. Woanders auf der Welt hätten sie als Kinderschänder viel mehr zu leiden.

          Die Verurteilten und ihre Familien haben immer behauptet, Pitcairn mit seinen vier Dutzend Einwohnern würde zugrunde gehen, wenn die Hälfte der Männer ins Gefängnis kommt.
          Was natürlich nie stimmte. Wir haben es in den vergangenen Monaten auch ohne sie geschafft. Als das letzte Versorgungsschiff ankam, sind wir nur mit einem Boot rausgerudert. Es hat länger gedauert, aber es ging.

          Dennoch wurden die Häftlinge zweimal herangezogen, um die Langboote zu manövrieren.
          Das letzte Kreuzfahrtschiff, die „Amsterdam“, hat nicht geankert, sondern ist einmal in jede Richtung um die Insel gefahren, damit die Passagiere von allen Balkonen einen Blick bekamen. Die Häftlinge haben unter Aufsicht der Wärter im Boot gesessen, während wir Andenken verkauft haben.

          Was verdient man dabei?
          1000 bis 2000 amerikanische Dollar. Hängt davon ab, wo die Touristen herkommen. Amerikaner und Engländer geben viel aus, aber Deutsche feilschen noch um fünf Dollar. Am Montag kommt wieder ein Kreuzfahrtschiff, dann noch zwei weitere, und die Saison ist vorbei.

          Was machen Sie mit dem Geld?
          Ich baue gerade ein Haus. Wir bekommen von der englischen Verwaltung zinslose Kredite. Auf meiner letzten Reise nach Neuseeland habe ich mir eine Kücheneinrichtung gekauft. Und einen Whirlpool.

          Wollen die Besucher jetzt das Gefängnis besichtigen?
          Da kann man nicht ran, es ist abgesperrt. Außerdem wissen viele nicht mal, dass wir jetzt ein Gefängnis haben. Die meisten Touristen setzen gerade mal einen Fuß auf den Steg, damit sie sagen können, sie waren auf Pitcairn. Mehr wollen sie nicht sehen.

          Die Gemeinschaft auf Pitcairn ist seit dem Prozess gespalten. Wo stehen Sie?
          Eigentlich in der Mitte. Ich versuche, auch mit den drei Pädophilen klarzukommen, die Hausarrest haben und Sozialdienst leisten. Schließlich will ich hier leben. Aber seit die anderen im Knast sind, ist die Stimmung besser. Der Prozess hat sich so lange hingezogen - jetzt sind alle froh, dass es weitergeht. Dass die Strafe abgesessen wird und danach alles vorbei ist.

          Heißt das auch, dass sich die Einstellung derer geändert hat, die die Vergewaltigungen leugneten und stets gegen den Prozess waren?
          Nein, die sehen sich noch immer als Verfolgte. Eines der Opfer ist zurück nach Pitcairn gezogen, um bei ihren Eltern zu leben. Sie hat eine sehr harte Zeit hier. Die Familien der Verurteilten machen sie fertig. Kein Wunder, dass keine der anderen 32 Frauen, die ausgesagt haben, jemals zurückgekehrt ist.

          Wie kam Ihre Mutter Brenda als Teenager damit zurecht, unter Männern aufzuwachsen, die junge Mädchen als Freiwild betrachten?
          Keine Ahnung. Hab ich sie nie gefragt. Ich rede mit ihr nicht über so was. Geht mich auch nichts an.

          Sie sind Single - wie wollen Sie eine Partnerin finden?
          Ich war letztens eine Woche auf Tahiti. Das ist wohl der beste Ort, um Frauen kennenzulernen. Ich müsste dort mal länger hin.

          Schreckt die der Gedanke einer Gemeinschaft voller Sexualstraftäter nicht ab?
          Überraschenderweise nicht. Dort haben sie kaum über die Vorfälle berichtet. Tahitianer lieben die Bounty-Geschichte und dass wir Nachfahren von Meuterern sind. Außerdem sind sie das Leben auf kleinen, abgelegenen Inseln gewohnt.

          Seit den Ermittlungen werden Sozialarbeiter aus Neuseeland auf Pitcairn stationiert. Betreiben die Sozialarbeiter auch Aufklärung, um weiterem Missbrauch vorzubeugen?
          Das würde hier nicht so gut ankommen. Pitcairner lassen sich von Leuten von außen ungern sagen, was sie tun und lassen sollen.

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