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Brutaler Streit um Routen : Schon mehr als 80 Tote in Südafrikas „Taxi-Krieg“

Einsatz in Kapstadt: Polizei und Militär sind in Alarmbereitschaft, angeblich wird die Region auch von Hubschraubern aus der Luft überwacht. Bild: Getty

In Südafrika kämpfen Unternehmen um Taxi-Routen. Dutzende Personen werden in den Konflikten getötet: Passagiere, Fahrer und unbeteiligte Passanten. Für viele Pendler gibt es keine Alternative zu den Taxis.

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          Aus der Vodacom-Verkaufsbude dröhnt Musik wie an jedem Tag. Doch auf dem „Taxi-Rank“ in Kapstadt, der wichtigsten Haltestelle für Sammeltaxis in der Stadt, ist es so ruhig wie an Feiertagen. Wo sonst die Fahrzeuge Stoßstange an Stoßstange stehen, bereit zur Abfahrt, picken ein paar Tauben im Staub herum. Statt Pendlern spazieren Sicherheitsleute in roten Pullovern über den Platz, ein paar Polizisten halten sich im Hintergrund. „Es ist eine Katastrophe“, sagt Philip, ein Straßenhändler aus Kongo kopfschüttelnd. „Die meisten Leute bleiben zu Hause, und die wenigen, die hierherkommen, wollen nur schnell in einen Bus steigen, statt etwas zu kaufen.“

          Claudia Bröll
          Freie Afrika-Korrespondentin mit Sitz in Kapstadt.

          Ein seit Monaten tobender Streit zwischen zwei großen Taxi-Organisationen in Kapstadt ist in der vergangenen Woche eskaliert und hat an mehreren Tagen fast den gesamten öffentlichen Nahverkehr zum Stillstand gebracht. Auch in dieser Woche sind Einkaufszentren ungewöhnlich leer, auf den großen Durchgangsstraßen herrscht kaum Verkehr, Angestellte können nur schwer zur Arbeit gelangen.

          Das Schlimmste aber ist die Gewalt. Mehr als 80 Personen sind in dem „Taxi-Krieg“ seit Beginn des Jahres ums Leben gekommen: Passagiere, Fahrer und unbeteiligte Passanten. Auch ein Busfahrer wurde erschossen. Er hatte lediglich seinen Job erledigt. Damit war er den rivalisierenden Taxi-Organisationen in die Quere gekommen. Aus Angst vor ähnlichen Angriffen stoppten auch andere Taxi-Unternehmer ihre Fahrten.

          Das mit Abstand wichtigste Fortbewegungsmittel

          Wie in vielen afrikanischen Ländern sind die Minibusse – Taxis genannt – das mit Abstand wichtigste Fortbewegungsmittel im öffentlichen Nahverkehr in Südafrika. Nach Erhebungen des Statistischen Amts von 2013 nutzen sie 70 Prozent der Pendler. Die Fahrer sind wegen ihrer rasanten Fahrweise berüchtigt, aber die privat angebotenen Transportmittel haben gegenüber Bussen und Zügen klare Vorteile: Sie sind flexibel, schnell, günstig und auf einem weiten Streckennetz unterwegs.

          Taxi-Fahrer Seeraj versucht, das Beste aus der Situation zu machen.
          Taxi-Fahrer Seeraj versucht, das Beste aus der Situation zu machen. : Bild: Bröll

          Seit Jahren jedoch bekämpfen sich verschiedene Taxi-Organisationen untereinander. Meist geht es um die Verteilung lukrativer Routen. Aktuell ist es die „B97“, eine 38 Kilometer lange Strecke zwischen dem Vorort Bellville und dem Weinstädtchen Paarl. Ein nach mühsamen Verhandlungen Anfang Juli geschlossenes „Friedensabkommen“ hielt nicht lange. Als die Verhandlungen am vergangenen Wochenende wieder scheiterten, hatte der Verkehrsminister der Provinz Westkap genug. Er schloss kurzerhand die umstrittenen Strecken zwei Monate lang für alle Minibusse.

          „Wir können nicht länger von einigen wenigen Kriminellen als Geisel gehalten werden, die weiterhin die Interessen vieler gesetzestreuer Taxifahrer untergraben und das Leben sowie die Lebensgrundlage unserer Einwohner bedrohen“, schrieb der Minister. Seitdem sind Polizei und Militär in Alarmbereitschaft, angeblich wird die Region auch von Hubschraubern aus der Luft überwacht.

          Keine Alternative für Pendler

          Die Krux besteht darin, dass es für viele Pendler keine Alternative zu den Minibussen gibt. Die Nahverkehrszüge Metrorail, die zum heruntergewirtschafteten Staatskonzern Prasa gehören, fahren auf mehreren wichtigen Strecken nicht mehr. Züge und Oberleitungen werden immer wieder demoliert, Investitionen blieben über Jahre hinweg aus. Auch die traditionsreichen Golden-Arrow-Busse, deren Geschichte bis ins Jahr 1861 zurückreicht, sind mangels Subventionen nicht mehr in Bestform. Zwar hatte die Stadt zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 viel Geld in ein neues Busnetz mit modernen Bussen gesteckt. Das My-Citi-Streckennetz reicht aber nicht in viele große Vororte. Um zu den Bussen zu gelangen, sind viele Fahrgäste weiterhin auf die Taxis angewiesen.

          Wie so oft trifft das Gezanke der Taxi-Bosse jetzt die Armen am härtesten. Miriam betreibt an der Minibushaltestelle einen Essensstand. In großen Blechtöpfen kochen Reis und Maismehlbrei vor sich hin, in einer Pfanne brutzeln zwei Fische im Fett. Normalerweise koche sie 70 Kilogramm Reis am Tag, sagt die Standverkäuferin. Jetzt verkauft sie an manchen Tagen noch nicht einmal ein Kilogramm Reis. „Lange können wir das nicht mehr durchhalten.“ Denn trotz Corona-Pandemie und Taxi-Konflikt wird weiterhin die Standmiete fällig.

          Auch viele Tagelöhner haben mehrere Tage lang kein Einkommen erzielt, müssen jetzt Umwege und höhere Transportkosten in Kauf nehmen. In der Stadt blieben Restaurants und Geschäfte geschlossen, weil ihre Beschäftigten nicht zur Arbeit gelangten. Einige Arbeitgeber mieteten Zimmer in den weitgehend leeren Hotels in der Umgebung oder transportierten ihre Mitarbeiter selbst. Manche Pflegekräfte übernachteten in Krankenhäusern. Der Konflikt zeigt abermals, dass Kapstadt auch 27 Jahre nach dem Ende der Apartheid eine geteilte Stadt ist: Die arme Bevölkerung wohnt weit außerhalb, während sich die meisten Jobs in der Stadt befinden.

          „Dieser Streit muss endlich aufhören“, sagt Minibusfahrer Seeraj, der auf der Plattform auf Fahrgäste wartet. Er darf weiterhin fahren, hat sogar mehr Passagiere als sonst, weil Pendler jetzt auf andere Minibus-Betreiber und Strecken ausweichen. Froh ist er trotzdem nicht darüber. Man müsse vorsichtiger und aufmerksamer sein als früher, sagt er. Der Konflikt könne jederzeit wieder eskalieren. Eine Lösung ist noch nicht gefunden, die Verhandlungen gehen weiter.

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