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Regierung zeigt sich ratlos : Jeden Tag 58 Mordopfer in Südafrika

Proteste gegen „Femizide“ und sexuelle Gewalt in Südafrika: Täglich werden im Schnitt 144 Vergewaltigungen oder andere Sexualdelikte begangen. Bild: AFP

Der Hass der Südafrikaner, der sich in den Großstädten Bahn bricht, gilt den Fremden im Land. Die Gewalt im Land am Kap eskaliert aber auch aus anderen Gründen.

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          Als Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa am Samstag im Nationalstadion von Harare zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen Diktators Robert Mugabe sprach, wurde seine Rede von einem gellenden Pfeifkonzert begleitet. Die anwesenden Zimbabwer mochten dem Staatschef aus dem Nachbarland die ausländerfeindlichen Unruhen nicht verzeihen, die tagelang in den Städten Johannesburg und Pretoria gewütet und mindestens zwölf Todesopfer gefordert hatten. Der Hass der Südafrikaner, der sich in den Großstädten Bahn brach, galt den Fremden im Land, unter ihnen viele Zimbabwer. Es wurde gebrandschatzt und gemordet, und es wurden unzählige Geschäfte geplündert.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          In der Kapprovinz, einer der wohlhabenderen Gegenden des Landes, sieht es nicht viel besser aus: Dort machen seit Monaten Lastwagenfahrer Jagd auf unliebsame Konkurrenz, blockieren Fernstraßen und ziehen Fahrer aus den Nachbarländern aus ihren Trucks. Mehr als 200 Tote sollen diese Ausschreitungen seit März 2018 gefordert haben, mehr als 1440 Lastwagen wurden zerstört, nach Schätzungen der Road Freight Association entstand dabei ein Schaden von rund 74 Millionen Euro.

          Mord und Totschlag herrschen auch in den Townships. Als vor kurzem an einem einzigen Wochenende in einem Elendsgebiet von Kapstadt mehr als 70 Menschen ermordet wurden, setzte die Regierung das Militär in Marsch. Es war ein eher symbolischer Akt und Ausdruck der Ratlosigkeit gegenüber der grassierenden Gewalt; wirkliche Folgen hatte der Einsatz der Uniformierten nicht. Seit Wochen erregt zudem der Mord an der Studentin Uyinene Mrwetyana die Gemüter in der Stadt. Ein Postbeamter ist verdächtig, die Frau vergewaltigt und danach totgeschlagen zu haben. Als kürzlich das Weltwirtschaftsforum in der Stadt tagte, protestierten Frauengruppen lautstark vor dem Konferenzgebäude und forderten ein Ende dieser „Femizide“.

          Täglich 144 Sexualdelikte

          Die Leser der „Cape Times“ erfuhren kürzlich in einem Artikel, wann die Wahrscheinlichkeit am größten ist, im Auto entführt zu werden, nämlich freitags zwischen 11 und 13 Uhr sowie zwischen 20 und 23 Uhr. Für Diebstähle sind die meisten gestohlenen Autos samstags zwischen 12 und 14 Uhr im Einsatz. Das ergab die Auswertung von mehr als einer Million Bewegungsmeldern einer Überwachungsfirma, die in Autos installiert sind. Detailliert wurde auch aufgeschlüsselt, welche Gegenden man am besten meidet und was man tun sollte, wenn man glaubt, verfolgt zu werden: nicht anhalten und direkt zur nächsten Polizeiwache fahren.

          Die jetzt von der südafrikanischen Polizei veröffentlichten Zahlen zur Kriminalstatistik machen deutlich, wie dramatisch sich die Dinge in dem Land entwickeln, das sich selbst als Regenbogennation feiert und sich nach dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 zu einem Hort des friedvollen Zusammenlebens entwickeln wollte.

          Als Südafrikas Präsident Ramaphosa in Zimbabwe zu Ehren des verstorbenen Diktators Robert Mugabe sprach, wurde seine Rede von einem gellenden Pfeifkonzert begleitet.

          So wurden zwischen April 2018 und März 2019 im Land am Kap mehr als 21.000 Menschen ermordet, das sind im Durchschnitt jeden Tag 58 Todesopfer. Damit ist die Mordrate gegenüber dem Vorjahr noch einmal um 3,6 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 386 Morde begangen, obwohl in der Bundesrepublik rund 24 Millionen mehr Menschen leben als in Südafrika. Täglich wurden im selben Zeitraum in Südafrika 144 Vergewaltigungen oder andere Sexualdelikte begangen. Deren Gesamtzahl stieg auf 52.420 Fälle. Unter den 21.022 Mordopfern befanden sich 1014 Minderjährige – fast 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Allein im Beobachtungszeitraum wurden in Südafrika mehr als 18.000 Kinder vergewaltigt.

          „Der Krieg gegen die Kriminalität entwickelt sich immer schneller zu einem verlorenen Kampf“, schreibt resigniert die Zeitung „Cape Argus“, die den neuerlichen Schreckensmeldungen unter der balkendicken Überschrift „Die Kriminalität gerät außer Kontrolle“ die beiden ersten Seiten der Freitagsausgabe widmete. In bestimmten Gegenden wie dem Township Khayelitsha war die Mordrate in den vergangenen zwölf Monaten um 28 Prozent gestiegen.

          Jeden Tag gehen beim Kapstädter Telefondienst für medizinische Notfälle 1200 bis 1500 Anrufe ein. Schon vor Jahren hatte der Touristenmagnet am Südzipfel des Landes das Geschäftszentrum Johannesburg als „Mordhauptstadt“ abgelöst. „Seit zehn Jahren schon steigt die Kriminalität Jahr für Jahr“, gesteht Kapstadts Bürgermeister Daniel Plato ein und spricht von einem „kompletten Zusammenbruch“ des Kampfes gegen die Kriminalität.

          Präsident Ramaphosa war vor rund anderthalb Jahren als Hoffnungsträger gestartet. Doch die Lage im Land scheint ihm zu entgleiten. Einen „Fleck auf unserem nationalen Gewissen“ nannte er die Untaten. Und er kündigte eine Verschärfung des Strafrechts an. Aber kaum jemand in Südafrika glaubt, dass damit der Eskalation beizukommen ist.

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