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Attacke mit Samuraischwert : „Ein Dahinmetzeln im absoluten Vernichtungswahn“

Der Angeklagte bekommt zur Urteilsverkündung vor dem Landgericht Stuttgart im Gerichtssaal seine Handschellen abgenommen. Bild: dpa

Nach einer tödlichen Attacke mit einem Samuraischwert ist der Täter in Stuttgart zu 14 Jahren Haft wegen Mordes verurteilt worden. Eine große Frage des Verfahrens war, ob die Rachegelüste des Manns real oder nur eingebildet waren.

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          Während der Urteilsverkündung charakterisiert Jörg Geiger, der Vorsitzende Richter der neunten Strafkammer am Stuttgarter Landgericht, die Tat immer wieder als „schrecklich und zutiefst verachtenswert“ oder als „absolut verachtenswert“. Dann wieder beschreibt er den Mord vom 31.Juli 2019 als „ein Abschlachten, ein Dahinmetzeln im absoluten Vernichtungswahn“. Schließlich verurteilt die Kammer den 31 Jahre alten Jordanier Issa M., den „Stuttgarter Schwertmörder“, am Montag zu 14 Jahren Haft und ordnet zunächst die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus und die Einziehung des Samuraischwerts an, mit dem der Angeklagte vor einem Jahr einen Mann auf offener Straße ermordet hatte.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Das Gericht habe dem Angeklagten weder niedere Beweggründe noch Heimtücke nachweisen können, sagt der Richter bei Verkündung des Urteils, aber das Mordmerkmal der Grausamkeit sei erfüllt. „Die große Frage des Verfahrens war ja die, ob die Rachegelüste des Manns real oder ob sie nur eingebildet waren“, sagt Geiger. Das Gericht musste sich aufgrund des psychiatrischen Gutachtens zwischen unterschiedlichen Interpretationen der Tat entscheiden: Handelte es sich bei dem Mord um einen Akt der Selbstjustiz? Oder ist der Angeklagte nicht oder vermindert schuldfähig, weil er in einem religiösen Wahn ohne jeglichen Realitätsbezug handelte? Oder stimmen die Angaben des Angeklagten und wurde er möglicherweise tatsächlich vergewaltigt und selbst Opfer einer Gewalttat?

          Am Ende ist die Kammer überzeugt, dass zwar M.s Steuerungsfähigkeit am Tattag eingeschränkt war, er zudem in einem religiösen Wahn gehandelt haben muss, ihm zugleich aber die Unrechtmäßigkeit seiner Tat sehr wohl bewusst war. Zum Beweis führt das Gericht einen Chat an, in dem der Angeklagte von einem Verwandten in Jordanien ein illegales Visum angefordert hatte. Auch habe er bei einer Vernehmung gesagt, die Höhe der Haftstrafe sei ihm egal.

          Wahn teilweise auch vorgetäuscht?

          Für eine psychische Erkrankung des Angeklagten spricht, dass sich sein Gemütszustand unter der Gabe von Neuroleptika im Justizvollzugskrankenhaus auf dem Hohen Asperg bei Ludwigsberg gebessert hat. Weil der Angeklagte sich aber vor dem Mord in der Stuttgarter Fasanenhofsiedlung nie sonderlich religiös gezeigt hat und es für seine Wahnvorstellungen – die angebliche homosexuelle Vergewaltigung, die angebliche gewaltsame Rauschgiftgabe, das angebliche Entlocken von Geheimnissen – keinerlei Beweise gibt, spricht viel dafür, dass der Angeklagte seinen Wahn teilweise auch vorgetäuscht haben könnte. Die Verteidiger hatten für Freispruch wegen Schuldunfähigkeit plädiert, die Nebenklage für eine lebenslange Haftstrafe und das Feststellen der besonderen Schwere der Schuld.

          Der Schwertmord hatte vor einem Jahr in Deutschland für großes Entsetzen gesorgt. Weil es sich bei M. um einen illegalen Einwanderer handelt, scheute sich die AfD auch in diesem Fall nicht, für den Mord die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung verantwortlich zu machen. M. wurde 1989 in Jordanien geboren, als eines von acht Kindern einer palästinensischen Familie. Im Jahr 2015 machte er sich nach Europa auf, reiste über Ungarn nach Deutschland ein, stellte als angeblicher syrischer Kriegsflüchtling einen Asylantrag.

          Er lebte in Berlin und Frankfurt, konsumierte Rauschgifte, wurde wegen einer Körperverletzung verurteilt. Vom Juni 2018 bis April 2019 lebte er mit Wilhelm L., einem aus Kasachstan stammenden Deutschen, in einer Art Wohngemeinschaft in der Fasanenhofsiedlung zusammen. Zwischen den beiden Männern soll es immer wieder zu Streit gekommen sein, bis M. irgendwann auszog. Am 31.Juli kehrte er dann in die Hochhaussiedlung im Süden Stuttgarts zurück – zuvor hatte er für 149 Euro in einer Waffenhandlung an der Stuttgarter Königstraße ein Samuraischwert gekauft, Klingenlänge 72 Zentimeter.

          Issa M. passte seinen ehemaligen Mitbewohner gegen 18.10 Uhr vor dem Hochhaus ab. „Was willst Du machen“, fragte das Opfer. Issa M. antwortete: „Was will ich wohl machen?“ Dann begann der Todeskampf. „Unbarmherzig und gnadenlos“, wie der Richter in der Urteilsbegründung sagt, habe der Angeklagte sein Opfer mit einem Schwerthieb auf die Brust schwer verletzt und dann enthauptet. Wilhelm L. erlitt insgesamt 50 schwere Verletzungen, seine anwesende Tochter musste mit ansehen, wie ihr Vater zerstückelt wurde. M. floh zunächst, die Polizei konnte ihn aber nach wenigen Stunden festnehmen.

          Nach seiner Verhaftung soll Issa M. einen Polizisten gefragt haben, ob sein früherer Mitbewohner tot sei. Als der Polizist das bejahte, sagt der nun verurteilte Mörder: „Gott sei Dank.“

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