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Streit unter Rockern in Frankfurt : Hells Angels schweigen nach Schießerei

  • -Aktualisiert am

Spuren der Nacht: Einschussloch in einer Scheibe des Japan-Towers Bild: dpa

Nach der Schießerei unter Rockern bleibt die Suche nach Tatwaffen, Schützen und unabhängigen Zeugen für die Polizei schwierig. Spielte der Nachtclub, vor dem die Schüsse fielen, eine Rolle?

          3 Min.

          Nach einer Schießerei unter Rockern in der Frankfurter Innenstadt rätselt die Polizei über die Hintergründe. In der Nacht zum Donnerstag waren vor dem Japan-Tower vier Menschen durch Schüsse verletzt worden, einer zog sich bei einer Schlägerei einen Bizeps-Abriss zu. Laut Staatsanwaltschaft gehörten die Männer den Hells Angels an. Mitglieder verschiedener Charter, wie die regionalen Gruppen des Clubs genannt werden, seien aneinandergeraten. Die einen sollen aus Gießen, die anderen aus Frankfurt gekommen sein.

          Es ist das erste Mal, dass die Rockergruppe nach dem Verbot der beiden Frankfurter Charter im September 2011 in der Stadt so massiv in Erscheinung tritt. Die Stadt will nach dem Vorfall die für diesen Samstag angekündigte Demonstration der Rocker gegen ihr Verbot verhindern. Die Hells Angels meldeten gestern im Internet, sie hätten die Veranstaltung selbst abgesagt.

          Am Donnerstagmorgen zeugten noch die Blutspritzer und die um sie herum gezogenen Kreidekreisel von den Ereignissen der Nacht. Am Japan-Tower fehlten in zwei Fensterrahmen die Scheiben, an einer Säule war das Glas gesplittert. Es gab mehrere Einschusslöcher, eine der Kugeln beschädigte sogar den gerade fertiggestellten Taunusturm auf der anderen Straßenseite. Es scheint Glück gewesen zu sein, dass keine Unbeteiligten verletzt wurden. Schließlich war die After-Work-Party, die jeden Mittwoch im Katana im Japan-Tower gefeiert wird, noch in vollem Gange, als um kurz vor Mitternacht mehrere teure Autos vor dem Club vorfuhren.

          Die Männer, die ihnen entstiegen, stritten sich zunächst auf der Straße. Dann gab es den Angaben der Polizei zufolge eine Prügelei, bei der sich ein 46 Jahre alter Mann am Oberarm verletzte. Bei den anschließenden Schüssen wurden vier Männer im Alter von 31, 32, 35 und 43 Jahren je einmal getroffen, am Oberkörper, am Bein und an der Schulter. Sie wurden aber nicht lebensgefährlich verletzt. Drei von ihnen schleppten sich ins Krankenhaus, den vierten fand die Polizei wenig später am Deutschherrnufer. Die Täter stiegen in ihre Autos und fuhren davon. Wie viele Männer an der Schießerei beteiligt waren, ist bislang unbekannt. „Es muss ein ganzer Pulk gewesen sein“, sagte eine Polizeisprecherin. Es gab bis zum Abend weder Festnahmen noch Hinweise zu Verbleib und Anzahl der Tatwaffen. Die Polizei hat laut einer Mitteilung die teuren Wagen der Verletzten sichergestellt.

          Dass ein Türsteher des Katana Clubs an der Schießerei beteiligt gewesen sein soll, ist nicht bestätigt. Der Inhaber des Clubs war nicht zu erreichen. Eine Vertreterin sagte am Telefon den rätselhaften Satz: „Es gab keine Schießerei.“ Die Verletzten schweigen laut Polizei bisher beharrlich dazu, was vorgefallen ist. Einer von ihnen ließ sich in einer Klinik in Gießen behandeln, die anderen in Frankfurt. Ihre Kooperationsbereitschaft mit der Polizei sei nicht sehr ausgeprägt, hieß es in einer Mitteilung der Beamten. Das ist oft so, wenn Mitglieder von Motorradclubs Opfer von Verbrechen werden, und es macht die Ermittlungen der Polizei schwierig. „Wir sind auf unabhängige Zeugen angewiesen“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

          Streit zwischen jungen und älteren Rockern

          Bevor die Hells-Angels-Charter „Frankfurt“ und „Westend“ verboten wurden, galt der Rockerclub in Hessen als etabliert. Damals schätzten die Sicherheitsbehörden die Lage so ein, dass es deshalb im Rhein-Main-Gebiet, anders als etwa in Berlin, kaum zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Rockerbanden gekommen sei. Verbrechen wie Drogen- und Menschenhandel wurden ihnen freilich dennoch zugerechnet.

          Zuletzt hatte es deutschlandweit vermehrt Streit zwischen Hells Angels gegeben. Jüngere Mitglieder, häufig Männer mit Migrationshintergrund, und ältere fochten dabei um die Macht. Bei dem Hells-Angels-Charter aus Gießen, das an der Schießerei gestern beteiligt gewesen sein soll, handelt es sich unbestätigten Angaben zufolge um eines, das vermehrt junge Männer mit ausländischen Wurzeln aufnimmt. Dem ehemaligen Anführer des mächtigen Frankfurter Charter „Westend“ wird unterdessen von den Sicherheitsbehörden eine wichtige Rolle in der deutschlandweiten Führung der Rocker zugerechnet. Er soll bei den „Traditionalisten“ der Hells Angels hoch angesehen sein. Sie trauen ihm offenbar zu, den Richtungsstreit zu befrieden.

          Auch der vor rund drei Monaten am Ben-Gurion-Ring erschossene Kibrom T. soll im Rockermilieu verkehrt haben. Er habe jedoch einem Fuldaer Club angehört. Die Ermittlungen der Polizei konzentrieren sich bisher eher auf mutmaßliche Drogengeschäfte von T. als auf Machtkämpfe in oder zwischen Rockerbanden. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte gestern, dass ein Zusammenhang zwischen den beiden Vorfällen nicht bestehe.

          Das Verbot und seine Folgen

          Die Rockerszene in Frankfurt werde auch nach dem Verbot der beiden Gruppierungen der Hells Angels weiter intensiv beobachtet, heißt es aus dem Innenministerium. Im September 2011 hatte der damalige Minister Boris Rhein (CDU) den Chartern „Westend“ und „Frankfurt“ untersagt, als organisierte Gruppen aufzutreten, Vereinsheim und -vermögen zu unterhalten und - das war für die „Motorradclubs“ das Schmerzhafteste - Symbole und speziell ihre Jacken, die „Kutten“, zu tragen. Die schärfste Sanktion nach dem Vereinsrecht ist sowohl vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof als auch vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden. Nach außen hin ist seither kaum etwas bekanntgeworden, aus dem man schließen könnte, die „Höllenengel“ hätten die alten, als kriminell eingestuften Strukturen im Untergrund beibehalten. Zumindest laufen derzeit keine Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit diesem Hintergrund. Vom Verbot nicht erfasst werden konnte jedoch das meiste von dem, womit nicht wenige der sich als „harte Jungs“ gerierenden Männer ihren Lebensunterhalt verdienen: Sie sind an Bordells oder ähnlichen Einrichtungen beteiligt, dort als sogenannte Wirtschafter tätig und sorgen in diesen Etablissements oder in Clubs als Türsteher für Sicherheit. Dass dieses Geschäft darauf beruht, dass Konkurrenten unter Druck gesetzt werden, ist ebenso kaum zu beweisen wie die Vermutung, Hells Angels und andere Rockerbanden seien stark in den Drogenhandel verwickelt. (hs.)

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