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Prozess gegen Strauss-Kahn : Nicht der Mittelpunkt eines Zuhälternetzwerks

Bild: Reuters

Ein Gericht in Lille hat Dominique Strauss-Kahn im Prozess um Sexpartys freigesprochen. Nun steht die Frage im Vordergrund: Wurden die pikanten Details über sein Privatleben unnötig an die Öffentlichkeit gebracht?

          2 Min.

          Alle haben zu diesem Prozessende etwas zu sagen – nur die Hauptperson schweigt. Dominique Strauss-Kahn, 66 Jahre alt, verließ am Freitag ohne einen Kommentar den Gerichtssaal in Lille. Seinen Freispruch nahm er laut Augenzeugen mit ausdrucksloser Miene auf.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Strauss-Kahns Anwälte hingegen treten triumphierend vor die Fernsehkameras. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass alle Vorwürfe haltlos sind“, sagt Anwalt Henri Leclerc. „Das Strafverfahren war rein moralisch, aber nicht strafrechtlich begründet.“ Richard Malka, ein weiterer Anwalt Strauss-Kahns, verlangt eine Debatte über die Funktionsweise der französischen Justiz. Aber da drängt sich schon Bordellbesitzer Dominique Alderweireld alias „Dodo die Salzlake“ ins Bild. „Dodo“ trägt ein hellblaues Hemd zur beigefarbenen Sommerjacke und wirkt gerührt. Geradezu überschwänglich dankt er den Richtern für ihren „Mut“. Auch er ist vom Vorwurf der Zuhälterei freigesprochen worden. „Dabei hatte ich fest mit einer Haftstrafe gerechnet“, sagt der Bordellbesitzer, der für den Nachschub an Prostituierten für die Sexpartys um Strauss-Kahn zuständig war.

          Fast zehn Minuten lang hat der Richter bei der Urteilsbegründung dargelegt, warum Dominique Strauss-Kahn nicht ahnen konnte, dass er sich mit Prostituierten vergnügte. Insgesamt zwölf Mal soll er zwischen 2008 und 2011 in Paris, Brüssel oder Washington an Sexorgien teilgenommen haben. Den Frauen sei eingeschärft worden, über ihre Bezahlung nicht zu reden. Am Aussehen habe der damalige Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht erkennen können, dass es sich bei seinen Gespielinnen um Prostituierte handelte. Auch die ungewöhnlichen Sexpraktiken, die während der Verhandlung mit großer Detailfreude beschrieben worden waren, seien kein Beweis dafür, dass es sich um käuflichen Sex handelte.

          Schilderungen unter Tränen

          Während der Gerichtsverhandlung im Februar hatten die als Zeuginnen geladenen Prostituierten das brutale Vorgehen von Strauss-Kahn teils unter Tränen geschildert. Aber die Frage, ob sie ihre Kunden über ihren Berufsstand aufgeklärt hatten, mussten sie verneinen. Auf diese Weise erhielt Strauss-Kahns Verteidigungsstrategie mehr Gewicht. Er hatte betont, dass er die Sexpartys als „eine Pause in einem hektischen Leben“ empfand. Am Ende der Verhandlung wurde Strauss-Kahn sogar zornig: „Mir reicht’s“, sagte er. „Ich mag derbere Sexpraktiken haben als der Durchschnitt, aber ich stehe hier nun einmal nicht wegen abwegiger Sexualpraktiken vor Gericht.“

          Staatsanwalt Frédéric Fèvre schloss sich dieser Argumentation an. Strauss-Kahn habe nicht im Mittelpunkt eines mafiösen Zuhälternetzwerkes gestanden, sagte der Staatsanwalt und plädierte auf Freispruch. Auch alle Mitangeklagten wurden am Freitag freigesprochen – mit Ausnahme René Kojfers, der die Kommunikation für das Hotel Carlton in Lille geleitet hatte. Er wurde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt.

          War das Verfahren überhaupt nötig?

          Aber für den Mann interessiert sich niemand, denn schon konzentriert sich die Debatte auf die Frage, ob sich Frankreich den Prozess besser erspart hätte. „Man hat das Privatleben eines Mannes preisgegeben, ohne jeden Grund, ohne jeden Sinn“, klagte Anwalt Malka. Der sozialistische Abgeordnete François Loncle beschwerte sich darüber, wie lange es gedauert habe, Strauss-Kahn von den schändlichen Vorwürfen freizusprechen.

          In der Nationalversammlung beschlossen die Abgeordneten derweil ein neues Gesetz, mit dem künftig Kunden von Prostituierten strafrechtlich verfolgt werden können. Der feministische Verband „Nid“, der gegen Strauss-Kahn als Nebenkläger aufgetreten war, befand, dass der Prozess zumindest die Öffentlichkeit für das Schicksal der Prostituierten sensibilisiert habe. „Wir sind mit dem Urteil nicht zufrieden“, sagte Loraine Questiaux vom Verein „Nid“. „Aber vielleicht trägt es dazu bei, dass künftig härter gegen die Freier vorgegangen wird.“

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