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Statistisches Bundesamt : Weniger Kinderschutz durch Corona

Kinder spielen auf einem Frankfurter Schulhof. Bild: Frank Rumpenhorst

Da Schulen und Kitas wegen des Lockdowns geschlossen waren, wurden 2020 weniger Kindeswohlgefährdungen gemeldet. Experten sorgen um sich um hohe Dunkelziffern.

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          Im vergangenen Jahr hatten Experten darüber diskutiert, ob durch den Corona-Lockdown und die damit verbundenen Schul- und Kita­schließungen der Kinderschutz ver­nach­lässigt werde. Der Bundes­geschäfts­führer des Deutschen Kinderschutzbundes, Daniel Grein, etwa warnte davor, dass viele Fälle von Kindeswohlgefährdung unentdeckt bleiben könnten. Nun hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag Zahlen zur Kindeswohlgefährdung in Deutschland vorgelegt, die diese Sorgen bestätigen könnten.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Insgesamt haben die Meldungen von Kindeswohlgefährdungen, bei denen eine erhebliche Schädigung des körperlichen oder seelischen Wohls eines Kindes droht, im Jahr 2020 zu­genommen. Die Jugendämter stellten bei 60 551 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung fest. Das waren 5000 Fälle mehr als 2019. Auch die Gesamtzahl der Kinderschutzfälle, also all jener Meldungen, die Aktivitäten des Jugendamts zum Schutz von Kindern ausgelöst haben, ist von 2019 auf 2020 um elf Prozent gestiegen.

          Doch über die Schulen und Kindertagesstätten, von denen sonst der größte Teil der Meldungen kommt, wurden nur wenige Fälle gemeldet. Der Kinderschutzbund geht deshalb von einer hohen Dunkelziffer aus. „Insbesondere im April und Mai 2020 lagen die von Schulen gemeldeten Kinderschutzfälle deutlich unter dem Vorjahresniveau“, sagt Manuela Nöthen, Expertin für Jugendhilfe­statistik im Statistischen Bundesamt.

          Nur bei 15 Prozent der Kinderschutzfälle kam der Hinweis von einer Schule oder Kindertagesstätte. Besonders in den ersten Lockdown-Monaten im Frühjahr 2020 seien die Meldungen stark zurückgegangen. Die Gesamtzahl der Meldungen von Schulen nahm demnach im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent auf 14 477 ab, im Monat April halbierte sie sich. „Die Zahlen zeigen, dass Schulen und Kinder­tagesstätten zen­trale Säulen in der Meldekette zur Kindeswohlgefährdung sind“, sagte Grein der F.A.Z. Schulen stünden mit ihren Fachkräften im Mittelpunkt des Kinderschutzes und beim Vermitteln von Unterstützungs­angeboten an Eltern und Kinder.

          Besonders im Frühjahr sank die Zahl der von Schulen gemeldeten Kinderschutzfälle von mehr als 1400 im März 2020 auf 674 Fälle im April, dem schwächsten Monat. Erst in den Sommermonaten, in denen die Lockdown-Maßnahmen gelockert wurden, näherten sich die Fallzahlen den Vorjahreswerten an. Auch Kindertagesstätten haben den Jugendämtern im Frühjahr 2020 wesentlich weniger Kindeswohlgefährdungen gemeldet. Während die Kitas im März 2020 noch 422 Kinderschutzfälle gemeldet haben, waren es im April nur 267.

          Bei anderen Hinweisgebern wie Polizei, Gerichten, Ärzten oder Nach­barn gab es 2020 hingegen keinen Rückgang, sondern eine Zunahme um rund 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch bei den Beratungsstellen, die im Kinderschutzbund organisiert seien, habe es 2020 einen Rückgang der Anfragen für Beratungsangebote gegeben, sagte Grein. Das liege auch daran, dass Lehrer und Erzieher durch den Lockdown Kinder nicht an diese Institutionen vermitteln konnten. Im zweiten Halbjahr 2021 habe die Nach­frage nach den Hilfsangeboten der Hilfsinstitutionen hingegen massiv zugenommen.

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