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Patientenmordprozess : Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft für Niels Högel

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Zudem soll die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden, sodass der ehemalige Krankenpfleger nicht vorzeitig aus der Haft entlassen werden kann. Nach Überzeugung der Anklage ist Niels Högel für mehr als 90 Morde verantwortlich.

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          Die Staatsanwaltschaft hat für den wegen einer beispiellosen Mordserie angeklagten ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel eine lebenslange Haftstrafe wegen der Tötung von weiteren 97 Krankenhauspatienten gefordert. Der 42-Jährige habe aus niederen Beweggründen und teils heimtückisch gemordet, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohrmann am Donnerstag in ihrem Plädoyer vor dem Landgericht im niedersächsischen Oldenburg. In drei der 100 angeklagten Fälle lasse sich eine Schuld Högels indes nicht mit der nötigen Sicherheit nachweisen.

          Dem in zwei Prozessen bereits wegen mehrerer Patiententötungen zu lebenslanger Haft verurteilten Högel wird seit fünfeinhalb Monaten erneut der Prozess gemacht. Dabei geht es um zahlreiche mutmaßliche Morde aus dem Jahren 2000 bis 2005, die bei späteren systematischen Ermittlungen entdeckt wurden. Högel soll während seiner Arbeitszeit Patienten auf Intensivstationen von zwei Krankenhäusern in den niedersächsischen Städten Oldenburg und Delmenhorst getötet haben.

          Der frühere Krankenpfleger gestand in dem aktuellen Verfahren 43 Morde. Fünf Taten stritt er ab, an die anderen 52 Fälle konnte er sich nach eigener Aussage nicht erinnern. Högel soll unzähligen Patienten eigenmächtig Medikamente verabreicht haben, die lebensbedrohliche Herz- und Kreislaufzustände auslösten. Anschließend belebte er sie wieder. Viele starben jedoch.

          Högel habe sich „als Retter gerieren“ und dafür feiern lassen wollen, sagte Schiereck-Bohrmann zu den Motiven des Angeklagten. Andere Beweggründe wie die „Lust“ am Entscheiden über Leben und Tod seien möglich. Die Frage lasse sich nicht sicher beantworten, weil Högel sich dazu nicht geäußert habe. Sie forderte die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Die Voraussetzung für eine Sicherungsverwahrung sei nicht erfüllt.

          „Keine vernünftigen Zweifel“ in 97 Fällen

          Nebenklageanwältin Gaby Lübben forderte eine Verurteilung wegen 99-fachen Mordes, folgte ansonsten aber der juristischen Einschätzung der Staatsanwaltsschaft. Högel habe die Gelegenheit für „ehrliche Worte der Reue“ verpasst, sagte die Vertreterin von Hinterbliebenen. Die „Klarheit“, die das Verfahren gebracht habe, sei für diese dennoch bedeutsam. „Es ist wichtig, um Ruhe zu finden.“

          Der Prozess wird am Freitag mit den Plädoyers der Nebenklage fortgesetzt, die Verteidigung folgt dann Anfang Juni. Ein Urteil wird das Gericht nach den bisherigen Planungen am 6. Juni verkünden.

          Die Staatsanwaltschaft begründete ihre Einschätzungen auf „Indizienketten“, darunter vor allem auf Einschätzungen von medizinischen Experten sowie Medikamentennachweisen in den Körpern toter Patienten. Högels Geständnisse flossen ergänzend ein. In 97 Fällen gebe es für sie „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass Högel den Tod der Menschen herbeigeführt habe, sagte Schiereck-Bohrmann.

          Die Gesamtzahl der Högel zuzuschreibenden Morde wird vermutlich für immer unklar bleiben. Ein Großteil früherer Patienten wurde feuerbestattet und kann nicht mehr auf Medikamente untersucht werden. Die Anklagevertreterin bezweifelte, dass Högels Geständnisse vollständig sind. Die Erfahrungen aus jahrelangen Ermittlungen zeigten, dass dieser bis auf wenige Ausnahmen nur einräume, was ohnehin nachgewiesen sei. Lübbe warf ihm „manipulatives Aussageverhalten“ vor.

          Schiereck-Bohrmann schloss sich der Einschätzung eines vom Gericht beauftragten Gutachters an, der Högel eine Persönlichkeitsstörung attestierte, diesen aber als schuldfähig einstufte. Er habe psychopathische Persönlichkeitsanteile und zeige keine Reue oder Mitgefühl. Zu seinen Opfern zähle nicht zuletzt der Berufsstand des Krankenpflegers. Er habe in einer Institution gemordet, die Menschen helfen solle. Das Vertrauen der Bürger in die Krankenpflege habe gelitten, sagte sie.

          Högel verbüßt nach zwei Urteilen von 2008 und 2015 bereits einen lebenslange Haftstrafe und sitzt seit knapp zehn Jahren im Gefängnis. Er war 2005 auf frischer Tat ertappt und für diesen einen Fall 2008 verurteilt worden. Später folgte ein Mordprozess wegen sechs weiterer Todesfälle. Während dieses Verfahrens räumte er etwa 30 weitere Taten ein. Daraufhin begannen umfassende systematische Ermittlungen. Der laufende dritte Prozess ist das Ergebnis dieser Untersuchungen.

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