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Missbrauch auf Mallorca : „Vollständig außer Kontrolle“

Trügerische Idylle: Nach Bekanntwerden mehrerer Missbrauchsfälle auf der Insel ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Bild: dpa

Nach der Vergewaltigung einer Dreizehnjährigen auf der spanischen Ferieninsel werden weitere Details bekannt. Die Sozialbehörde räumt ein, dass organisierte Rekrutierungsnetzwerke für die Prostitution von Minderjährigen existierten.

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          An Heiligabend war die Dreizehnjährigen von sechs Jugendlichen vergewaltigt worden. Das Mädchen, das in einem Heim auf Mallorca lebte, bat völlig verängstigt darum, in eine Einrichtung auf dem spanischen Festland umziehen zu dürfen. Sie stammt aus schwierigen Familienverhältnissen, war traumatisiert und nach einigen Jahren bei Adoptiveltern in Palma in die Einrichtung der Regionalregierung gekommen, die auf die Betreuung von Minderjährigen mit Verhaltensproblemen spezialisiert ist.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Ihre Vergewaltigung lenkte jetzt in Spanien die Aufmerksamkeit auf die Zustände in diesen staatlichen Heimen, die auf den Balearen offenbar ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Obwohl Erzieher und Sozialarbeiter nach eigenen Angaben seit Jahren immer wieder auf möglichen Missbrauch und die Überforderung der Heime hingewiesen hatten, wurden die Behörden erst jetzt richtig tätig. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, und ein Sonderermittler wurde eingesetzt, nachdem die mallorquinische Sozialbehörde Imas hatte eingestehen müssen, dass die Dreizehnjährige offenbar kein tragischer Einzelfall auf Mallorca war, sondern dass es bei 15Mädchen und einem Jungen zu Fällen von sexuellem Missbrauch gekommen sei. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen des Verdachts auf Prostitution Minderjähriger und möglicher Rauschgiftdelikte in den staatlichen Imas-Heimen.

          Glaubt man Betreuern, die sich in den vergangenen Tagen zu Wort meldeten, könnten aber noch viel mehr Kinder und Jugendliche betroffen sein. Gegenüber den Lokalzeitungen „Diario de Mallorca“ und „Ultima Hora“ melden sich immer mehr frustrierte Erzieher zu Wort. Obwohl sie ihre Vorgesetzten darauf hingewiesen hätten, sei nichts geschehen. Die Situation in den Heimen sei schon vor mindestens drei Jahren „vollständig außer Kontrolle“ geraten. Die Prostitution unter den Mädchen sei weit verbreitet gewesen. In einigen Einrichtungen seien fast alle Mädchen betroffen gewesen – oft organisiert oder unter dem Druck von Mitbewohnern. Von „Dutzenden Mädchen“ ist die Rede, die aus den Einrichtungen abgehauen und zum Beispiel gegen Abend in Palma in der U-Bahnstation Intermodal aufgetaucht seien, die sich laut „Ultima Hora“ in ein Zentrum der Kinderprostitution verwandelt habe.

          Als Zuhälter hätten zum Teil andere Jugendliche fungiert, die Kontakt zu erwachsenen Freiern hergestellt hätten: Für Geld, Rauschgift und andere Geschenke hätten die Mädchen die Freier dann in Wohnungen begleitet, die in Palma einschlägig bekannt seien. In einer dieser Wohnungen im Stadtteil Son Gotleu war auch die Dreizehnjährige an Heiligabend vergewaltigt worden. Sie war immer wieder aus dem Heim in das Apartment geflohen, das angeblich einem älteren Mann gehörte.

          „Organisierte Rekrutierungsnetzwerke“

          Sie hätten gewusst, was geschehen sei, wenn die Mädchen eine Nacht verschwunden gewesen seien und danach mit schicken Schuhen, Markenkleidung oder Geld ins Heim zurückkehrten, berichteten Betreuerinnen. Auch im Fall der Dreizehnjährigen sei schon zuvor bekannt gewesen, dass sie sexuelle Kontakte gehabt habe, wenn sie nachts wieder einmal nicht in ihr Zimmer zurückgekehrt sei.

          Inzwischen hat die Sozialbehörde Imas zugegeben, dass „organisierte Rekrutierungsnetzwerke“ für die Prostitution von Minderjährigen existierten. Die Staatsanwaltschaft sieht bisher kein Netz aus Zuhältern und Rauschgifthändlern am Werk. Bis dato gehe es um mehrere „konkrete Fälle“, die man untersuche, heißt es in einer Erklärung.

          Auch von Seiten der spanischen Zentralregierung wird betont, dass bisher nur „Einzelfälle“ entdeckt worden seien. Seit 2014 gab es auf den Balearen zwei Dutzend Polizeiaktionen, in denen es um die Prostitution von Minderjährigen ging; dabei sei es aber nicht nur um Bewohner staatlicher Heime gegangen, teilten die Behörden mit.

          Doch ein Teil des Personals in den rund 30 Kinder- und Jugendeinrichtungen mit insgesamt fast 400 Bewohnern auf der Insel scheint seiner Aufgabe schon seit längerer Zeit nicht mehr gewachsen zu sein. So teilte die balearische Sozialministerin Fina Santiago mit, dass bereits fünf Erzieher wegen „sexuellen Fehlverhaltens“ entlassen wurden. Die vier Frauen und ein Mann verloren demnach zwischen 2017 und 2019 ihre Stellen. In keinem Fall habe es jedoch „vollständige sexuelle Beziehungen“ gegeben, sagte die Ministerin. Aus der Zeit davor ist laut Zeitungsberichten mindestens ein weiterer Fall bekannt.

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