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St.-Pölten-Skandal : „Bubendummheiten“ im Priesterseminar

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Hinter dicken Mauern in St. Pölten: „Pastoraler Supergau” Bild: AP

St. Pölten zwischen „blöder Geschichte“ und „pastoralem Supergau“: Pornofotos im Priesterseminar, Griffe ans „Gemächt“ und Ermittlungen des Staatsanwalts.

          Still war es in letzter Zeit um Kurt Krenn geworden. Wenn der 68 Jahre alte Bischof von St. Pölten öffentlich in Erscheinung trat, schien ihm das gewohnte Temperament abhanden gekommen zu sein. Streitbar zu sein gehöre zum "Wesen eines vernünftigen Menschen", äußerte Krenn einmal. Kein Blatt nahm er vor den Mund, wenn es galt, "die Sache Gottes und der Kirche" zu verteidigen.

          Seit 13 Jahren steht der Theologieprofessor der Diözese St. Pölten vor. Seine Ernennung war seinerzeit teils auf heftige Ablehnung gestoßen. In Krenns Amtszeit fällt die lange währende Kontroverse mit dem Paudorfer Pfarrer Udo Fischer. Sie wiederum entsprang der "Causa Groer", in der eine Apostolischen Visitation im Stift Göttweig, dem der Ordensgeistliche Fischer angehört, gipfelte. Gegen den mittlerweile verstorbenen Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer, dessen Weihbischof Krenn ehedem war, waren einst Vorwürfe erhoben wurden, es sei zu homosexuellen Handlungen zu der Zeit gekommen, als der spätere Kardinal noch Religionslehrer gewesen war; Krenn hatte die Vorhaltungen seinerzeit als "denkunmöglich" bezeichnet. Nun treffen ähnliche Vorwürfe das Priesterseminar in St. Pölten, das ihm als Ortsbischof direkt untersteht.

          40.000 Pornofotos und Filme

          Der Skandal nahm im Herbst 2003 seinen Ausgang. Ein Seminarist beging Selbstmord. Damals wollten einige wissen, sein Tod habe möglicherweise einen homosexuellen Hintergrund. Wenig später entdeckte der für die elektronische Datenverarbeitung Verantwortliche, daß im Priesterseminar St. Pölten Kinderpornos auf Computer heruntergeladen wurden. Bischof Krenn, Regens Ulrich Küchl und die Polizei wurden informiert, die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein. Ende Juni, nach neuerlichen Hinweisen, wurde das Seminar durchsucht; Festplatten von Computern, 40.000 Fotos und, wie die Zeitschrift "Profil" soeben berichtete, "zahlreiche Filme mit teils abartigen Sexdarstellungen" sollen in den Zimmern von Priesteramtskandidaten sichergestellt worden sein.

          In der Kritik: St. Pöltens Bischof Kurt Krenn

          Krenn bestätigte gegenüber dem Österreichischen Rundfunk, ein Foto gesehen zu haben, auf dem der Regens des Priesterseminars, der inzwischen zurückgetreten ist, einem bekleideten Mann "ans Gemächt" (zwischen die Beine) greift. Noch vor zwei Wochen hatten Küchl und der mittlerweile ebenfalls aus dem Amt geschiedene Subregens Wolfgang Rothe derlei entschieden bestritten. Krenn sagte zu einer anderen Aufnahme, die Rothe "in einem innigen Kuß mit einem Mann zeigt": Was er gesehen habe, seien "in keiner Weise Dinge, die mit Homosexualität zu tun haben"; vielmehr handele es sich um "Bubendummheiten" und um eine "blöde Geschichte".

          „Sumpf schleunigst trockenlegen“

          Michael Dinhobl, der Sprecher des Bischofs, gab unterdessen an, die Abbildungen, die am Montag in "Profil", am Dienstag in nahezu allen österreichischen Tageszeitungen veröffentlicht wurden, seien Krenn am Mittwoch voriger Woche von Weihbischof Heinrich Fasching übergeben worden. Fasching habe mitgeteilt, die Bilder "unter seiner Tür vorgefunden" zu haben. Wie die kompromittierenden Aufnahmen an die Öffentlichkeit gelangten, ist auch für den die Ermittlungen leitenden Staatsanwaltschaft Nemec "derzeit unklar".

          Die "Aufdeckung des Skandals" sei "von einer breiten Front hoher und höchster Würdenträger der Diözese St. Pölten ermöglicht" worden, die "entschlossen ist, das Doppelleben nicht mehr mitzuspielen", hieß es dagegen in "Profil". Diese Gruppe erhebe auch gegen Bischof Krenn schwere Vorwürfe, habe den Vatikan bereits eingeschaltet und die Entmachtung des Bischofs vorbereitet. Die Vorkommnisse haben auch die Österreichische Bischofskonferenz alarmiert. Deren Pressestelle ließ über die Agentur Kathpress verlauten: "Im Hinblick auf die Berichte über das St. Pöltner Priesterseminar herrscht dringender kirchlicher Handlungsbedarf." Es stehe "außer Frage, daß alles, was mit praktizierter Homosexualität oder Pornografie zu tun hat, in einem Priesterseminar keinen Platz haben kann." Der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari, stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz, rief dazu auf, den "Sumpf schleunigst trockenzulegen", um zu verhindern, daß andere Priester und Priesteramtskandidaten einem "falschen Generalverdacht ausgesetzt" würden. Zu den Bemerkungen Krenns sagte Kapellari: "In keinem Priesterseminar darf ein Klima aufkommen, in dem sich Cliquen bilden und isolieren." Komme derlei dennoch vor, müsse es im Keime erstickt werden, was "in St. Pölten offenbar verabsäumt worden" sei.

          „Eine Art pastoraler Supergau“

          In der Stellungnahme der Bischofskonferenz heißt es, das St. Pöltner Priesterseminar habe sich "vor zwei Jahren deutlich vom Kurs der anderen österreichischen Priesterseminare abgekoppelt". Die Leiter der österreichischen Priesterseminare hätten ihre "Betroffenheit über die Entwicklung in St. Pölten zum Ausdruck gebracht". Es sei ihre Aufgabe, die geistlichen und menschlichen Qualitäten der Kandidaten genau zu prüfen. Man wisse sich den kirchlichen Ausbildungsnormen verpflichtet, die einen besonderen Schwerpunkt auf die menschliche Reifung der künftigen Priester legten. Das werde gewährleistet durch ein strenges Aufnahmeverfahren, ein Einführungsjahr für alle Neueintretenden sowie eine intensive geistliche und menschliche Begleitung während der Seminarzeit.

          In St. Pölten sollen Seminaristen aufgenommen worden sein, die anderswo, auch in Deutschland und Polen, abgelehnt worden seien. Der über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner sieht in der Affäre "eine Art pastoraler Supergau der Diözese" und die "letzte Ernte einer völlig verfehlten Bischofsernennungspolitik Roms". Bischof Krenn solle sich eingestehen: "Ich bin krank, mir setzt der Alkohol zu sehr zu", und er müsse zur Kenntnis nehmen, nicht mehr in der Lage zu sein, "solche Zustände zu verhindern". Die Konsequenz heiße, "das Amt zu verlassen", so Zulehner.

          Krenns Rücktritt gefordert

          Für Hubert Feichtlbauer, einen katholischen Publizisten und einstigen Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche", kommt "die Bischofsbesetzungspolitik des Vatikans der späten achtziger und frühen neunziger Jahre jetzt als Gespenst zurück". Man habe Bischöfe ernannt, "die von Anbeginn überfordert waren, deren Überforderung sich aber besonders zeigt, wenn es zu krisenhaften Entwicklungen kommt". Feichtlbauer plädierte am Dienstag für einen "freiwilligen Rückzug Kurt Krenns als Bischof der Diözese St. Pölten". Just den Rückzug hatte Krenn bereits ausgeschlossen, als er das Bischöfliche Konsistorium einberief. Sein Beraterkreis, dem auch die Mitglieder des Domkapitels angehören, kam zu dem Schluß, die Vorfälle im Priesterseminar würden "diözesanintern geprüft und einer Klärung unterzogen".

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