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Teneriffa : Spanische Medien berichten ohne Rücksicht von Doppelmord

In spanischen Medien wurde der deutsche Tatverdächtige in Nahaufnahmen und ohne Verpixelung gezeigt. Bild: dpa

Nach dem Doppelmord auf Teneriffa überschlagen sich spanische Medien: Da werden Namen veröffentlicht, Adresse und Fotos der Familie. Sogar eine Familie wurde gezeigt, die nichts mit dem Fall zu tun hat – aber zufällig den gleichen Namen trägt.

          Offiziell ist nur wenig bekannt. Ermittler und Justizbehörden auf Teneriffa geben sich einsilbig. Am Freitagabend erließ die zuständige Ermittlungsrichterin einen Haftbefehl gegen den Ehemann und Vater. Der 43 Jahre alte Mann aus Deutschland wird des Mordes und Totschlags an seiner 39 Jahre alten Ehefrau und seinem zehn Jahre alten Sohn verdächtigt, zudem des versuchten Mords und Totschlags an seinem sechs Jahre alten Sohn. Seitdem ist er im Norden der Insel in Untersuchungshaft, die er auch gegen eine Kaution nicht verlassen darf. Während der mehrstündigen Vernehmung habe er keine Aussage gemacht, sondern nur darauf bestanden, ein Schmerzmittel aus seiner Wohnung zu holen; diesem Wunsch entsprach die Richterin.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Mehr verlässliche Informationen gibt es nicht über die Bluttat in einer Höhle bei Adeje im Südwesten Teneriffas. Das hält die spanische Presse jedoch nicht davon ab, jeden Tag neue Einzelheiten über den Fall zu berichten, der viele Menschen in Spanien und Deutschland auch wegen des Schicksals des jüngeren Sohnes erschütterte. Er war aus der Höhle geflohen und überlebte. Spanische Medien überboten sich mit Details – egal, ob sie stimmten oder nicht. Alles wird veröffentlicht: der Familienname, Straße und Hausnummer des Vaters auf Teneriffa sowie jede Menge Fotos. Die Unschuldsvermutung und die Achtung der Privatsphäre spielen offenbar keine Rolle. Kameras filmten den Tatverdächtigen aus nächster Nähe, als er in Handschellen in seine Wohnung zurückgebracht wurde, um das Medikament zu holen.

          Schon am Donnerstag waren Fotos veröffentlicht worden, die angeblich den verdächtigen Vater und seine Familie zeigten. In Wirklichkeit hatten spanische Journalisten auf Facebook-Aufnahmen einer gleichnamigen Familie aus Bayern zurückgegriffen, die daraufhin im Internet wüst beschimpft wurde. Tatsächlich stammte die betroffene Familie aus Sachsen-Anhalt. Die spanischen Behörden haben bereits Kontakt nach Halle aufgenommen, die deutsche Polizei durchsuchte auf der Grundlage eines Amtshilfeersuchens die dortige Wohnung der Familie. Spanische und deutsche Medien machten derweil den Arbeitgeber der getöteten Frau ausfindig und zitierten aus zwei Interviews, die Mutter und Sohn früher in Deutschland gegeben hatten.

          In einer Art Reportage rekonstruierte die spanische Zeitung „El País“ am Sonntag, was sich am Dienstag in der Höhle zutrug, in der Mutter und Sohn am Mittwoch erschlagen aufgefunden wurden – offenbar mit Steinen und schon länger geplant, wie der Bürgermeister von Adeje und ein anderer Behördenvertreter zuvor mitteilten. Ausführlich wird der überlebende Sohn zitiert, obwohl er, auf Teneriffa vom Jugendamt betreut, von der Öffentlichkeit abgeschirmt wird. Doch die Spanierin, der der verstörte Junge am Dienstag begegnet war, und die Holländerin, die anfangs übersetzte, gaben in Interviews auch gegenüber der deutschen Presse ausführlich Auskunft, während die Ermittler noch mitten in ihrer Arbeit stecken. So soll der Vater seine Familie am Dienstag während des Ausflugs unter dem Vorwand in die Höhle gelockt haben, dort seien Ostergeschenke für die Jungen versteckt.

          Unklar war am Wochenende, wie es mit dem überlebenden Sohn weitergeht, dessen Alter einige Medien auch mit sieben Jahren angeben. Seit Mittwoch wurde erwartet, dass Angehörige der Familie seiner Mutter aus Deutschland kommen, um sich des Jungen anzunehmen. Der deutsche Pfarrer der evangelischen Gemeinde auf Teneriffa hat seine Hilfe angeboten, wie er dem Sender „Telecinco“ sagte.

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