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Spanien : Die Schwester des Königs wird angeklagt

Diskret nach links außen gestellt: Infantin Cristina auf dem offiziellen Wandgemälde der königlichen Familie Bild: AFP

Die spanische Infantin Cristina muss sich wegen mutmaßlichen Steuerbetrugs vor Gericht verantworten. Das entschied der zuständige Richter, obwohl der Staatsanwalt für eine Einstellung des Verfahrens plädierte.

          Schönster Sonnenschein ist für die Weihnachtstage in Madrid angesagt, das richtige Wetter für die Ausstellung „Das Porträt in den königlichen Sammlungen“. Vor dem prächtigen Königspalast in der Altstadt – die eigentliche Wohnresidenz der Bourbonen befindet sich weit draußen beim Dorf El Pardo – bilden sich lange Schlangen, doch die Leute kommen nicht nur, um die Herrscherbilder von Tizian, Velázquez oder Goya zu bewundern. Sie kommen vor allem wegen des jetzt zum ersten Mal ausgestellten Porträts der aktuellen Königsfamilie, für dessen Vollendung der Maler Antonio López geschlagene 20 Jahre gebraucht hat.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Steht man vor dem in diskreten Beige- und Grautönen gehaltenen Ölgemälde, wird dem Betrachter erst bewusst, worin für den Künstler die Schwierigkeit bestand: Wie eine Familie darstellen, deren Image solchen Schaden genommen hat? Geschichte ist im Fluss, doch das zehn Quadratmeter große Porträt soll bleiben und einen gültigen historischen Augenblick fixieren. Nur, welcher wäre das? Es heißt, eine der tiefgreifenden Veränderungen, die der Maler in der Komposition vornehmen musste, war der Standort der Infantin Cristina, die von der rechten Seite – gleich neben dem heutigen König Felipe VI. – nach links außen hinüberwanderte: möglichst weit weg vom Monarchen, der sich eine solche Schwester kaum leisten kann, relegiert zur Randfigur mit unsicherem Status, ein Blumensträußchen in der Rechten und ein feines Lächeln auf den Lippen.

          Mit einem Lächeln vor die Presse: Infantin Cristina im Februar vor dem Gericht.

          Dieses Lächeln könnte zu einer hübschen Fiktion für die unwissende Nachwelt werden. Denn jetzt steht fest, dass sich die neunundvierzigjährige Infantin wegen mutmaßlicher Steuervergehen in zwei Fällen, begangen in den Jahren 2007 und 2008, vor Gericht verantworten muss. Damit drohen ihr bis zu vier Jahre Freiheitsstrafe – bliebe das Urteil unter zwei Jahren, müsste die Infantin die Haft allerdings nicht antreten. Richter José Castro vom Provinzgericht Palma de Mallorca sieht ausreichende Beweise dafür, dass die Nummer sechs der spanischen Thronfolge „notwendige Mitarbeiterin“ der mutmaßlich betrügerischen Geschäfte ihres Ehemanns Iñaki Urdangarin war, bei denen Scheinfirmen öffentliche Gelder von mehr als sechs Millionen Euro der Region Valencia und der Balearen einsammelten und keine entsprechende Gegenleistung dafür erbrachten, von öffentlicher Ausschreibung der angeblichen Sport- und Marketing-Events ganz zu schweigen. Urdangarin, der ehemalige Handballstar des FC Barcelona und das frühere Aushängeschild einer modernen Bürgermonarchie, ist der erwiesene „bad boy“ in dieser Geschichte, die als populären Beinamen einen der Firmennamen erhalten hat: „Fall Nóos“. Es geht um Untreue, Amtsmissbrauch, Betrug, Dokumentenfälschung, Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Einer von Urdangarins mutmaßlichen Partnern, der ehemalige Ministerpräsident der Balearen Jaume Matas, sitzt wegen früherer Vergehen schon hinter Gittern.

          Doch das Interesse der Spanier hat sich inzwischen ganz auf die Infantin gerichtet, die ehemalige Seglerin, Unesco-Mitarbeiterin und Mutter von vier Kindern, zurzeit wohnhaft in Genf. Die juristische Debatte, die auch zu einer gesellschaftlichen wurde, kreist um die Fragen: Was hat die Infantin von den trüben Geschäften ihres Mannes gewusst, was konnte oder musste sie wissen? Darf sie, die auch in der Geschäftsführung der dubiosen Firmen saß, Ahnungslosigkeit reklamieren?

          Im Januar dieses Jahres musste sie dazu fünf Stunden lang Rede und Antwort stehen. Das Provinzgericht von Palma hat von Anfang an klargemacht, dass es sich von politischen Pressionen nicht beeindrucken zu lassen gedenkt. Richter Castro sieht es entgegen den Argumenten der Verteidigung als erwiesen an, dass die Vergehen der Infantin gegen das Allgemeinwohl der Steuerzahler und damit gegen die Interessen „von 46 Millionen Spaniern“ verstoßen.

          In Palma wird wohl in der zweiten Jahreshälfte 2015 der Prozess stattfinden, bei dem mindestens 17 Personen auf der Anklagebank Platz nehmen, unter ihnen erstmals in der spanischen Geschichte ein Mitglied des Königshauses. Eine Geldstrafe von 600000 Euro hat die zweite Tochter von Juan Carlos I. schon überwiesen. Ob der Maler Antonio López irgendwann noch einmal zum Pinsel greifen muss, um das Porträt der königlichen Familie zu retuschieren, ist offen.

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