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Sittensen : Lebenslange Haft für Morde im China-Restaurant

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Ein Ort im Schockzustand: Unmittelbar nach den Mehrfachmorden im Februar 2007 legten die Einwohner von Sittensen vor dem China-Restaurant Blumen nieder Bild: ddp

Der siebenfache Mord in einem China-Restaurant in Sittensen schockierte im Februar 2007 ganz Deutschland. Jetzt wurde das Urteil gesprochen: Ein vietnamesisches Brüderpaar muss lebenslang in Haft. Für den dritten Haupttäter verhängte das Landgericht Stade eine Haftstrafe von 14 Jahren.

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          Für den siebenfachen Mord in einem China-Restaurant in Sittensen muss ein vietnamesisches Brüderpaar lebenslang in Haft. Für den dritten Haupttäter verhängte das Landgericht Stade am Mittwoch eine Haftstrafe von 14 Jahren. Der Fahrer des Fluchtwagens erhielt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten, der fünfte Beschuldigte wurde wegen Anstiftung zu schwerem Raub zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt.

          Bei den Verurteilten handelt es sich um zwei Brüderpaare und eine ehemalige Aushilfskraft des Lokals im niedersächsischen Sittensen, in dem am Abend des 4. Februar 2007 das Betreiberehepaar und fünf Angestellte erschossen worden waren. Nur die damals zwei Jahre alte Tochter der Inhaber überlebte den Überfall. Die Täter waren mit rund 5.000 Euro, zwei Notebooks und einigen Handys geflohen.

          Die Anklage hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes für die drei Haupttäter und je sechs Jahre Haft für die anderen beiden Beschuldigten gefordert. Zwei der nun Verurteilten waren der Polizei per Zufall schon 13 Stunden nach der Tat bei einer Verkehrskontrolle ins Netz gegangen: Wegen fehlender Papiere hatten Polizisten den Wagen durchsucht und einen Zettel mit dem Lageplan des China-Restaurants gefunden. Bis Ende Juni 2007 waren auch die drei weiteren nun Verurteilten festgenommen und angeklagt worden.

          Gegen fünf Vietnamesen im Alter zwischen 31 und 43 Jahren ist das Urteil im Prozess um den Raubmord ergangen
          Gegen fünf Vietnamesen im Alter zwischen 31 und 43 Jahren ist das Urteil im Prozess um den Raubmord ergangen : Bild: ddp

          Besonders brutales Verbrechen

          Das nun verurteilte Verbrechen ist ein besonders brutales in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Am Leben ließen die Täter damals nur das zweijährige Mädchen Tiana, ihre Eltern erschossen sie. Die Staatsanwaltschaft hatte deshalb gefordert, alle drei Hauptverdächtigen lebenslang ins Gefängnis zu schicken.

          In seinem fünfstündigen Plädoyer verwies Staatsanwalt Johannes Kiers im März auf Blut- und Faserspuren sowie auf Teilgeständnisse der Angeklagten. Und er versuchte eine Erklärung zu finden für die Brutalität dieser Tat. Die aus Asien stammenden Opfer waren zum Teil mit Kabelbinder gefesselt und mit aufgesetzten Kopfschüssen getötet worden.

          Mit Verweis auf Aussagen aus dem Mammutprozess schilderte Kiers die aus Sicht der Anklage entscheidende Szene: Aus Bremen angereist sitzen vier der Angeklagten in ihrem Auto, einer schraubt den Schalldämpfer auf seine Waffe, und die Männer sprechen sogar darüber, ob gleich Menschen sterben werden. Für den Staatsanwalt ist das ein Hinweis auf vorsätzlichen Mord: „Eine solche Waffe mit Schalldämpfer ist kein Drohmittel sondern ein Mordwerkzeug.“

          Der erste Prozess scheiterte nach 5 Monaten

          Die Angeklagten zwischen 31 und 43 Jahren waren vor ihrer Tat Hilfskellner, Imbissbetreiber oder Sozialhilfeempfänger. Der erste Prozess ab Mitte 2007 scheiterte nach fünf Monaten an der Erkrankung einer Richterin. Trotz der absehbaren Länge des Verfahrens war auf die Benennung eines Ersatzrichters verzichtet worden, der in solchen Fällen einspringt.

          Anfang 2008 begann das Verfahren neu, diesmal mit Ersatzrichter, der sich nun bei der Wiederholung unzähliger Zeugenauftritte und Sachverständigenanhörungen langweilte. In der vergangenen Woche gab es dann eine Überraschung. In ihren letzten Worten legten die Angeklagten auf einmal Geständnisse ab und ließen ihre Anwälte in einem schlechten Licht dastehen. Die zehn Verteidiger hatten über einen Marathon von inzwischen 106 Verhandlungstagen nichts ausgelassen, um den Prozess in die Länge und auf Nebenkriegsschauplätze zu ziehen.

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