https://www.faz.net/-gum-tmp8

Sexualverbrechen : Der wahre Täter

  • -Aktualisiert am

JVA Bützow: Hier wird von Anfang an begutachtet Bild:

Die Haftentlassung von Sexualverbrechern ist ein unkalkulierbares Risiko: Sind sie wandelnde Zeitbomben oder geheilte und nun harmlose Bürger? In der Justizvollzugsanstalt Bützow werden Sexualverbrecher während der Haft regelmäßig beurteilt - und nicht nur einmal am Ende der Strafzeit.

          6 Min.

          Rene B. saß schon mehrfach wegen Vergewaltigung im Gefängnis. Es ist nicht übertrieben, den 42 Jahre alten Mann als tickende Zeitbombe zu bezeichnen. Vergleicht man die ihm nachgewiesenen Taten, ergibt sich ein erschreckendes Muster. Akribisch sucht sich B. seine Tatorte aus - meist sind es Waldstücke oder Parks.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Dort lauert er Frauen auf, reißt sie vom Fahrrad oder Mofa, würgt und schlägt sie. Dann vergeht er sich brutal an seinen Opfern. Für seine jüngste Tat ist B. zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Doch diesmal ist manches anders für ihn. Wie alle Täter, die von einem Gericht in Mecklenburg-Vorpommern wegen Sexual- oder Tötungsdelikten zu vier Jahren Haft und mehr verurteilt werden, kam B. in das im Juni 2005 eingerichtete Diagnostikzentrum der Justizvollzugsanstalt Bützow.

          Die Haft beginnt mit einer Prognose

          Die Verurteilten durchlaufen dort am Anfang ihrer Haftzeit eine umfangreiche psychologische Diagnostik, die mit einem standardisierten Aufnahmeverfahren beginnt: Vier Psychologen befragen Täter wie Rene B. und ziehen alle verfügbaren Akten und Berichte vergangener Haftzeiten heran. „Wir suchen nach allen denkbaren Risikofaktoren“, sagt Agnete Mauruschat, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Bützow. Nur so könne ein „maßgeschneiderter“ Vollzugsplan erstellt werden.

          Diagnosezentrum: Was nach Krankenhaus klingt, ist ein Gefängnis
          Diagnosezentrum: Was nach Krankenhaus klingt, ist ein Gefängnis : Bild: Lüdecke

          Noch bevor der Gefangene dann in eine andere Justizvollzugsanstalt verlegt wird, steht fest, welche Stationen er zu absolvieren hat - also wann sein Aufenthalt im geschlossenen oder im offenen Vollzug geplant ist und ob der Häftling eine Therapie oder eine Ausbildung macht. „Früher wären Leute wie Rene B. mit ihren Akten gekommen, dann wäre der Vollzugsplan mehr oder weniger nach Gutdünken des zuständigen Vollzugsbeamten gemacht worden“, sagt Psychologe Frank Grotjohann, der auch stellvertretender Leiter der Bützower Anstalt ist.

          Für gewöhnlich wird erst am Ende der Haft ein Prognosegutachten über den Sexualstraftäter erstellt. In Bützow dagegen beginnt die Haft mit einer ausführlichen Begutachtung, die als eine Arbeitshypothese im wissenschaftlichen Sinn dient, also im Verlauf der Zeit falsifiziert oder verifiziert werden muß. Im Fall von Rene B. ist die Prognose negativ.

          Fehlgutachten erregen die Öffentlichkeit

          Zwar gibt es auch in anderen Bundesländern wie etwa Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen Einrichtungen, in denen bestimmte Straftäter vor Antritt ihrer eigentlichen Haft von einem Psychologenteam untersucht werden. Die vier Psychologen im Bützower Diagnostikzentrum begutachten die Gefangenen jedoch abermals, bevor Ausgang, Urlaub oder die Verlegung in den offenen Vollzug gewährt werden. Das ist bisher in Deutschland einmalig.

          „Wir wollen den Schutz möglicher Opfer vor künftigen Straftaten verbessern“, sagt der Justizminister von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering (SPD). Anstaltsleiterin Mauruschat beschreibt den Bützower Ansatz mit einem Bild: In der Anstalt beginne man mit einem roten Diagnosefaden, der sich dann durch alle Phasen der Haft, der Bewährungszeit und der Führungsaufsicht ziehen solle. Eine gründliche Analyse zu Beginn habe Signalwirkung für den Straftäter und verringere auch die Gefahr für einen vom Gericht bestellten Gutachter, sich bei der Frage einer vorzeitigen Entlassung vom Probanden täuschen zu lassen.

          Weitere Themen

          Pandamama in Frankreich bringt Zwillinge zur Welt

          Im Zoo Beauval : Pandamama in Frankreich bringt Zwillinge zur Welt

          In einem Zoo in Zentralfrankreich gibt es gleich doppelt Anlass zur Freude: Panda Huan Huan gebar in den frühen Montagsstunden Zwillinge. Das Weibchen hatte schon vor vier Jahren mit einem ihrer Jungen für großes Aufsehen gesorgt.

          Topmeldungen

          In Partylaune: Deutsche Urlauber feiern am Strand von Arenal.

          Tourismus : Keiner will die Billigurlauber

          Der Partytourist gerät in Misskredit: Viel saufen und wenig zahlen, das wollen viele Staaten nicht mehr. Hinzu kommt der Klimaschutz. Naht das Aus für den billigen Urlaub?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.