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Sex and Crime : Spurensuche an Hollywoods Tatorten

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Villa am North Carolwood Drive. Michael Jackson zahlte monatlich 100.000 Dollar Miete für das Haus, in dem er an einer Überdosis diverser Medikamente sterben sollte. Bild: Picture-Alliance

Die Schwarze Dahlie, Marilyn Monroe, Natalie Wood und Michael Jackson: Hollywood liebt seine Toten. Vor allem wenn sie keines natürlichen Todes gestorben sind.

          8 Min.

          Die höchste Prominenten-Dichte der Stadt? „Nein, nicht im Four Seasons Beverly Hills“, wehrt Brian Donnelly ab. Das Einkaufszentrum The Grove im Fairfax District von Los Angeles? Auch kein Treffer. „Die meisten Celebritys findet man da hinten“, sagt Donnelly und zeigt auf eine betonierte Tiefgarageneinfahrt zwischen zwei Hochhäusern des Wilshire Corridor, der wegen seiner betuchten Bewohner auch Millionaire's Mile genannt wird. Eine unscheinbare Marmorplatte neben der Garageneinfahrt weist den Weg auf den Friedhof Westwood Village Memorial Park.

          Brian Donnelly, der sich als Stadtführer des Unternehmens Dearly Departed („Die lieben Verstorbenen“) auf die dunklen Seiten der Glamour-Metropole Hollywood spezialisiert hat, zählt die Namen einiger Prominenter auf: Burt Lancaster, Farrah Fawcett, John Cassavetes, Billy Wilder, Jackie Collins, Truman Capote, Ray Bradbury, Natalie Wood und Frank Zappa. Auch Sylvester Stallones Sohn Sage, der vor fünf Jahren an einer Herzerkrankung starb, liegt hier. Ebenso das kanadische Playmate Dorothy Stratten, dessen Ermordung im Alter von nur 20 Jahren den Landsmann Bryan Adams zu dem Titel „The Best Was Yet To Come“ inspirierte. Und auch die liebste Verstorbene Hollywoods, Marilyn Monroe, hat im Westwood Village Memorial Park die letzte Ruhe gefunden.

          Schon von Weitem zu sehen: Grabstelle von Marilyn Monroe

          „Wir lieben dich so sehr“

          „Achtet auf die rötliche Verfärbung ihrer Marmorplatte“, gibt Donnelly seinen Gästen mit auf den Weg, als sie den Kleinbus mit den verdunkelten Scheiben verlassen. „In den vergangenen Jahrzehnten haben so viele Fans die Gruft geküsst, dass die Friedhofsverwaltung es aufgegeben hat, den Lippenstift von der Platte zu schrubben.“

          Die Grabstelle der Blondine ist auf dem parkähnlichen Friedhof schon von Weitem zu erkennen. Ein besonders treuer Fan hat neben der Messingplatte mit der schlichten Aufschrift „Marilyn Monroe 1926 – 1962“ einen Blumenstrauß in Signalfarben hinterlassen. „Wir lieben dich so sehr“, steht auf der Karte inmitten der Blüten. So nah wie Hugh Hefner wird der Verehrer dem Filmstar aber nie kommen. Wie Donnelly weiß, hat sich der als Lustgreis verschriene „Playboy“-Gründer schon vor 25 Jahren die Gruft an der Seite der Schauspielerin gesichert, die wider alle Verschwörungstheorien eher banal gestorben ist – an einer Überdosis Medikamente.

          Grabstein von Marilyn Monroes Nachbarin Natalie Wood auf dem Westwood-Village-Friedhof

          Auch über Monroes Nachbarin Natalie Wood kochen immer wieder Gerüchte hoch. Seit die kalifornische Küstenwache die Leiche der Schauspielerin („Fieber im Blut“) vor 35 Jahren aus dem Pazifik zog, wird regelmäßig über einen aus dem Ruder gelaufenen Streit mit ihrem Ehemann, dem Schauspieler Robert Wagner („Hart aber herzlich“), an Bord ihrer Yacht Splendour spekuliert. An Woods Grabstein unter einem Pfefferbaum des Westwood Village Memorial Park versammeln sich fast täglich Fans, die um ihr Idol trauern, während sie dem inzwischen 87 Jahre alten Wagner das Los Angeles Police Department (LAPD) auf den Hals wünschen.

          Mindestens 400.000 Dollar für ein Grab

          Frank Zappa ruht etwa 30 Meter entfernt unter dem Rasen. „Seine Familie war so zerstritten, dass es für einen Grabstein nicht gereicht hat“, sagt Reiseführer Donnelly über die anonyme Ruhestätte des Musikers, irgendwo zwischen Sänger Roy Orbison („Oh, Pretty Woman“) und Schauspieler Lew Ayres. Auch die Urne der im Dezember verstorbenen Zsa Zsa Gabor wartet angeblich weiter auf ein angemessenes Grab. Statt die Diva bei ihrer Schwester („Our Darling“) Eva Gabor und Francesca Hilton, ihrer Tochter aus der zweiten Ehe mit dem Hotel-Gründer Conrad Hilton, in Westwood zu bestatten, soll Gabors neunter Ehemann, der deutschstämmige Adoptiv-Adelige Frédéric Prinz von Anhalt, ihre Asche zu Hause auf dem Kaminsims aufbewahren. Vielleicht möchte der Prinz sparen? „Ein Grab kostet mindestens 400.000 Dollar“, sagt Donnelly. „Das überlegen sich viele zweimal.“

          Barney’s Beanery: Hier aß Janis Joplin zum letzten Mal zu Abend.

          Vom exklusivsten Friedhof in Los Angeles zu einer der besten Adressen sind es nur ein paar Minuten. Vor einem schwarzen Metalltor am North Carolwood Drive, hinter dem Michael Jackson seine letzten Monate verbrachte, liegen auch sieben Jahre nach seinem Tod Blumen und Stofftiere. „Jacko mietete die Villa. Er konnte zwar 100.000 Dollar im Monat zahlen, hatte aber nicht genug Geld für ein eigenes Anwesen. Wir nennen das eine Beverly-Hills-Pleite“, sagt Donnelly trocken. Da der King of Pop ein Anhänger der Numerologie gewesen sei, habe er sich seinen Tod zumindest ausrechnen können: „Die Schmerzmittel haben ihn umgebracht. Es war ein schleichender, spiralförmiger Tod.“

          Gedenken an River Phoenix im „Viper Room“

          River Phoenix wurde dagegen aus dem Leben gerissen. Als das Teenie-Idol am frühen Morgen des 31. Oktober 1993 ein paar Kilometer entfernt in Johnny Depps Club „The Viper Room“ feierte, klagte er plötzlich über Unwohlsein. Vor einem Spirituosengeschäft am Sunset Boulevard in West Hollywood brach der Dreiundzwanzigjährige einige Minuten später unter Krämpfen zusammen. Die Telefonzelle, von der sein Bruder Joaquin Phoenix damals den Notarzt rief, gehört mehr als 20 Jahre nach dem Tod des Schauspielers weiter zu den am häufigsten besuchten Gedenkstätten der Stadt.

          „Wir fanden eine hohe Konzentration von Morphin und Kokain in seinem Blut, dazu noch andere Substanzen in niedrigerer Konzentration“, teilte die Gerichtsmedizin damals mit. Im Gedenken an den Schauspieler („My Private Idaho“) blieb der „Viper Room“ in den kommenden Jahren am 31. Oktober geschlossen, bis Johnny Depp den Club verkaufte.

          Keine Ruhe in Zimmer 105

          Vorbei an „Barney's Beanery“, wo die „Queen of Psychedelic Soul“, Janis Joplin, zum letzten Mal zu Abend aß, lenkt Donnelly den Bus an das Hotel Highland Gardens. Der zweistöckige Betonbau an der Franklin Avenue zählt zu Hollywoods dunkelsten Orten, seit Joplin vor 46 Jahren in Zimmer 105 den letzten Atemzug tat. „Auf dem Weg von ,Barney's Beanery‘ zum Hotel Landmark Motor, wie es damals hieß, kaufte Janis in einem kleinen Park bei einem unbekannten Dealer Heroin“, erzählt Donnelly. „Das Zeug war ungeschnitten und hochkonzentriert. Es kostete sie das Leben.“

          Blick auf das Chateau Marmont Hotel im Westen Hollywoods

          Als die Siebenundzwanzigjährige am Morgen des 4. Oktober 1970 nicht im Studio erschien, wo sie das Album „Pearl“ aufnahm, fuhr ein Bekannter an die Franklin Avenue. Der Leichnam der Sängerin („Mercedes Benz“) lag neben dem Bett, ihr Porsche mit den berühmten psychedelischen Quallen- und Schmetterlingsmalereien stand nur wenige Meter entfernt auf dem Hotelparkplatz. „Wer heute in Zimmer 105 absteigt, findet keine Ruhe. Es stehen immer wieder Fans vor der Tür, die sehen wollen, wo Janis starb“, erinnert sich Donnelly an eine Nacht im Highland Gardens Hotel.

          Die Toten des Chateau Marmont

          Zu den Orten, an denen Hollywoods Tote zelebriert werden, zählt auch das Chateau Marmont. Das Hotel oberhalb des Sunset Boulevard, vor fast 90 Jahren im Stil eines französischen Schlosses gebaut, ist bei Prominenten beliebt, wegen seiner privaten Bungalows und der gut bestückten Bar. Im Frühjahr 1982 zog das Marmont auch den Comedian John Belushi („Blues Brothers“) an. Nach einigen Jahren im Ensemble der New Yorker Comedyserie „Saturday Night Live“ versuchte sich der Dreiunddreißigjährige damals als Schauspieler an der Westküste.

          In diesem Haus soll die „Black Dahlia“ umgebracht worden sein.

          Als Belushi am 5. März 1982 nicht wie verabredet zu einem Workout erschien, machte sich sein Trainer Bill Wallace auf die Suche. In einem Bungalow des Chateau Marmont fand er Belushis Leichnam. Dass der Comedian in Bungalow Nummer 3 und nicht – wie oft behauptet – in Bungalow Nummer 2 starb, glaubt Donnelly zu wissen: „Es muss die Nummer 3 gewesen sein, da Johns Körper durch eine Garage an einer Seitenstraße neben dem Hotel abgeholt wurde. Der Bungalow Nummer 3 ist aber der einzige, der direkt mit einer Garage verbunden ist.“ In einem Interview mit dem Klatschblatt „The National Enquirer“ gab die kanadische Backup-Sängerin und Gelegenheitsdealerin Catherine Smith später zu, Belushi in den Stunden vor seinem Tod elf „Speedballs“, eine Mischung aus Kokain und Heroin, injiziert zu haben.

          Eine kleine Metallplatte an einer Mauer am Sunset Boulevard in Höhe des Hotels erinnert an Helmut Newton, einen weiteren Toten des Chateau Marmont. Der Fotograf, der mit Aktaufnahmen provozierte und mit Modebildern weltbekannt wurde, starb am 23. Januar 2004, als er in seinem Cadillac den Hotelparkplatz verließ. Der Dreiundachtzigjährige verlor die Kontrolle über den Wagen und prallte auf der Südseite des Sunset Boulevard gegen eine Mauer. Freunde spekulierten später über einen Herzinfarkt. Der gebürtige Berliner, der jedes Jahr die Wintermonate in Los Angeles verbrachte, galt bis zu seinem Tod als einer der prominentesten Stammgäste des Hotels.

          Der spektakuläre Fall „Black Dahlia“

          Von West Hollywood geht es in den Stadtteil Los Feliz des benachbarten Los Angeles. An der Franklin Avenue hält Donnelly vor dem palmengesäumten John Sowden House, das von Lloyd Wright entworfen wurde. Der düstere Bau im Chenes-Stil der Maya beschäftigt seit Jahrzehnten die Phantasie der Los Angelenos. Wie auch der Mord an Elizabeth Short, genannt Schwarze Dahlie („Black Dahlia“). Der Leichnam der 22 Jahre alten Kellnerin wurde im Januar 1947 im Viertel Leimert Park gefunden. „Der Torso war in der Mitte durchtrennt, ein fürchterlicher Anblick“, sagt Donnelly. Grobkörnige Schwarzweißbilder, die der Sechzigjährige herumreicht, zeigen ausgeblutete Leichenteile.

          Rebecca Schaeffer und ihr Stalker

          In den Monaten nach dem Fund von Shorts sterblichen Überresten suchten Hunderte Beamte des Los Angeles Police Department nach ihrem Mörder. Zu den Verdächtigen zählten der Nachtklub-Betreiber Mark Hansen, sein Freund, der Arzt Patrick O'Reilly, und der Mediziner George Hill Hodel, der damals im Sowden House wohnte. Als Hodels 14 Jahre alte Tochter Tamar ihren Vater zwei Jahre nach dem Mord beschuldigte, sie wiederholt sexuell missbraucht zu haben, nahm das LAPD abermals Ermittlungen im Fall „Black Dahlia“ gegen ihn auf. Wie Mitschnitte von Telefongesprächen zeigten, tauschte Hodel sich immer wieder mit Freunden über Short aus. Für eine Anklage reichte es damals aber nicht.

          Im Jahr 2003 veröffentlichte Hodels Sohn Steve, ein pensionierter Beamter der Mordkommission, schließlich ein Buch über die „Black Dahlia“. Sein inzwischen verstorbener Vater, schrieb Hodel Jr. nach Recherchen in Polizeiakten und dem Fund verdächtiger Fotos im Nachlass des Arztes, habe Short ermordet. Als möglichen Tatort nannte er den Keller des Sowden House an der Franklin Avenue. „Für viele ist der Fall damit geklärt“, sagt Donnelly. „Offiziell bleibt die Schwarze Dahlie aber eines der spektakulärsten ungeklärten Verbrechen in Los Angeles.“

          Als Chris Brown Rihanna schlug

          Ein paar Busminuten südlich treibt der Morgen des 8. Februar 2009 dem Sechzigjährigen die Zornesröte ins Gesicht. Während eines Streits mit seiner Beifahrerin, der Grammy-Preisträgerin Rihanna, lenkte Chris Brown seinen silberfarbenen Lamborghini damals in die North June Street, eine ruhige Wohnstraße seitlich des Beverly Boulevard. „Er schlug immer wieder mit Fäusten auf sie ein, biss ihr in Arm und Finger und stieß sie dann aus dem Wagen. Sie lief blutend und orientierungslos von Haus zu Haus, bis ein Bewohner die Polizei alarmierte“, fasst Donnelly den spektakulärsten öffentlichen Fall häuslicher Gewalt in Hollywood zusammen. „Ein Fall von ,Tainted Love'.“

          Hier feuerte der Mann drei Schüsse auf Rebecca Schaeffer ab.

          Beamte brachten die Sängerin („Umbrella“) nach der Prügelei in das Cedars-Sinai Medical Center. Ihren Auftritt bei der Grammy-Verleihung einige Stunden später sagte Rihanna ab. Die Fotos ihres blutunterlaufenen Gesichts, die angeblich von zwei Beamtinnen des LAPD an die Klatschpresse weitergereicht wurden, lösten in den Vereinigten Staaten eine Debatte über häusliche Gewalt aus. Obwohl sich die damals Zwanzigjährige weigerte, gegen den Rapper („Grass Ain‘t Greener“) auszusagen, verurteilte ein kalifornisches Gericht ihn einige Monate später zu einer fünfjährigen Bewährungsstrafe. Die Organisation Stoparazzi versuchte, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das ein Zurschaustellen privater Bilder wie von Rihannas geschundenem Gesicht auf Klatschportalen verbietet. Es blieb bei dem Versuch.

          Zwei Jahrzehnte vor der Debatte über „Rihanna‘s Law“ hatte der Tod des Nachwuchsstars Rebecca Schaeffer in Kalifornien die ersten Gesetze gegen Stalking ausgelöst. „Schaeffer wurde damals an ihrer Tür von einem verrückten Fan erschossen“, erzählt Donnelly und zeigt auf ein Haus an der North Sweetzer Avenue. Ihr Mörder Robert John Bardo spürte die 21 Jahre alte Schauspielerin in West Hollywood auf, nachdem Mitarbeiter der Kraftfahrzeugbehörde ihm ihre Adresse gegeben hatten.

          Als die Hauptdarstellerin der Serie „My Sister Sam“ dem Fan am 18. Juli 1989 die Tür öffnete, warf sie ihm vor, er raube ihr Zeit – schon einen Tag zuvor hatte der Neunzehnjährige versucht, Schaeffer bei Dreharbeiten zu besuchen. „Er feuerte drei Schüsse auf Rebecca ab und verschwand“, sagt Donnelly. Bardos Verhaftung einige Stunden später folgte ein Prozess, der Ende 1991 mit lebenslanger Haft endete. Seine Strafe verbüßt Schaeffers Mörder heute im kalifornischen Ironwood State Prison.

          Das sind die beliebtesten Geschichten in Hollywood: der Mord der Brüder Lyle und Erik an ihren Eltern Kitty und Jose Menéndez, der Los Angeles vier Wochen nach Schaeffers Tod erschütterte; die Verbrechen an O. J. Simpsons früherer Ehefrau Nicole Brown; die Ermordung von Sharon Tate; der Tod von Phil Spectors Freundin Lana Clarkson. Aber woher diese Obsession für Tatorte und Leichenfotos? „Hollywood liebt seine Toten“, sagt Donnelly. „Wie ein guter Film haben sie immer eine spannende Geschichte.“

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