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„Vergewaltiger der Sambre“ : Serienvergewaltiger in Frankreich zu 20 Jahren Haft verurteilt

  • Aktualisiert am

Eine Gerichtsskizze zeigt den Beschuldigten bei der Eröffnung seines Prozesses im Gerichtsgebäude von Douai. Bild: dpa

Jahrzehntelang erschütterte eine Serie von Vergewaltigungen die Einwohner eines Tals in Nordfrankreich. Für 54 Taten wurde der „Vergewaltiger der Sambre“ nun schuldig gesprochen.

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          30 Jahre lang verbreitete eine Serie von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in Nordfrankreich und Belgien Schrecken und stellte Ermittler vor ein Rätsel. Am Freitag verurteilte das Gericht in Douai den Mann zu 20 Jahren Haft, der für einen Großteil der Angriffe verantwortlich sein soll. Insgesamt 54 Mädchen und Frauen hat er nach Ansicht des Gerichts attackiert. In zwei weiteren Fällen, die die Anklage dem Mann vorgeworfen hatte, wurde er aber nicht schuldig gesprochen. Der Mann selbst hatte 40 Übergriffe gestanden.

          Die Taten liefen dabei stets nach dem gleichen Schema ab und ereigneten sich allesamt in einem Radius von nur 30 Kilometern im Tal der Sambre im französisch-belgischen Grenzgebiet. Im Morgengrauen im Herbst oder Winter wurden die Opfer von hinten angegriffen, mit einem Seil oder dem Arm gewürgt, bedroht und vergewaltigt. „Sie haben mich leblos zurückgelassen, halb entkleidet, bei kalten Temperaturen. Ich dachte, ich sterbe“, schleuderte eine Frau, die mit 15 Jahren Opfer wurde, dem nun Verurteilten im Prozess entgegen.

          Gezielt soll der mittlerweile 61-jährige Mann für seine Gräueltaten in die Nähe von Schulen und Krankenhäusern gefahren sein, weil Frauen dort früh zur Arbeit gingen. Auch Frauen, die nach der Abfahrt ihrer Männer zum Dienst alleine zu Hause blieben, suchte er wohl auf.

          Jahrzehnte lang ein scheinbar gewöhnliches Leben

          Obwohl die Ermittler bei der Vergewaltigungsserie zwischen 1988 und 2018 gleiche Spermaspuren fanden, gelang es ihnen lange nicht, den Täter zu identifizieren. Opfer, die ihren Peiniger gesehen hatten, beschrieben ein gewöhnliches Aussehen. In den 1990er Jahren veröffentlichten französische Behörden Fahndungsbilder, doch die Suche nach dem „durchschnittlichen Mann“ blieb erfolglos und der sogenannte Vergewaltiger der Sambre unentdeckt.

          Erst 2018 flog der Täter nach einem sexuellen Angriff auf ein Mädchen in Belgien auf. Videoüberwachung nahe des Tatorts filmte sein Nummernschild und französische Ermittler stellten fest, dass der Nutzer des Wagens den Fahndungsbildern ähnelte. Ein Beamter, der mit dem Fall befasst war, sagte, er habe am Blick des Mannes gesehen, dass sie sich nicht geirrt hätten. Dies sei der durchschnittliche Mann, den sie gesucht hatten. Im Wagen fanden die Ermittler Messer und Seil. Eine DNA-Probe bestätigte, dass es sich um den so lange Gesuchten handelte. Er hatte zuvor über Jahrzehnte ein scheinbar gewöhnliches Leben gelebt – er hatte eine Familie, arbeitete bei einem Maschinenbauer und engagierte sich in einem Fußballverein.

          Im Prozess versuchte das Gericht in Douai über drei Wochen zu ergründen, wie es zu den Taten kam. Der Angeklagte sprach von einem gewissen „Trieb“, deutete an, dass er selbst von seinem Vater missbraucht worden sein könnte, und sagte, dass er schon als Jugendlicher gewusst habe, dass etwas in seinem Verhältnis zu Frauen nicht stimme. Psychologen zufolge ging es dem Mann um Zwang und Gewalt, ein hypersexueller Täter sei er nicht. Er, der sich ausgebeutet gefühlt habe, habe bei seinen Übergriffen ein Gefühl von Allmacht gehabt und sich auch den Behörden, die ihn lange nicht aufspüren konnten, überlegen gefühlt.

          Dass der Serienvergewaltiger so lange unbeschwert mit seinen Taten leben konnte, liegt den Gutachtern zufolge daran, dass er die Wirklichkeit verweigerte und nur ein geringes Schuldgefühl hat. Schon kurz nach seinen Angriffen habe er seine Taten wieder verdrängt. Es könne daher sein, dass der Mann sich an einige Übergriffe wirklich nicht mehr erinnere. Der Beschuldigte gab 40 Taten zu. 16 Angriffe, für die er sich verantworten musste, habe er aber nicht begangen.

          „Egal, was passiert, die maximale Strafe, die ihm droht, ist zu niedrig“, hatte es im Schlussplädoyer der Anklage mit Blick auf die enorm hohe Zahl der schweren Übergriffe geheißen. Für die Opfer dürften der Prozess und das Urteil nach der langen Zeit, in der der Serientäter unauffindbar schien, dennoch eine Erleichterung sein. Eine betroffene Frau zeigte sich zwar überzeugt, dass das Verfahren ihr nicht die Wahrheit bringen würde - aber die Chance, den Angeklagten zu konfrontieren und dann neu anfangen zu können.

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