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Morde im Taunus : Der Serienmörder als fürsorglicher Familienvater

  • -Aktualisiert am

In der Garage von Manfred S. wurden Leichenteile entdeckt. In Schwalbach am Taunus glaubt trotzdem niemand, dass er ein Mörder war. Bild: dpa

Es bestehe aus kriminalistischer Sicht kein Zweifel daran, dass Manfred S. aus Schwalbach im Taunus eine Prostituierte umgebracht habe, sagt das LKA. Und er soll noch mehr Menschen auf dem Gewissen haben.

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          Zwei Jahre nach dem grausigen Fund von Leichenteilen in einer Garage sind die Menschen im Städtchen Schwalbach am Taunus wieder in heller Aufregung: Dass in ihrer Mitte jahrzehntelang ein Serienmörder gelebt haben soll, wollen sie nicht glauben. Besonders jene, die den im August 2014 gestorbenen 67 Jahre alten Rentner kannten, dem mindestens fünf grausige Morde zur Last gelegt werden, sprechen offen von Vorverurteilung und Justizirrtum.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Manfred S. war nach Schilderungen eines engen Freundes ein „sensibler Mensch mit ausgeprägt künstlerischer Begabung, sehr umgänglich, sehr gesellig“. Der Freund kannte S. 40 Jahre lang, er wohnte in der Nähe der Familie und verreiste auch oft mit ihm. Auf gemeinsamen Flussfahrten durch Frankreich, in fröhlichen Herrenrunden, habe man sich gut kennengelernt, berichtet er.

          In abendlichen Gesprächen bei einem Glas Wein sei das Weltbild von S. deutlich geworden: Er sei demnach nicht etwa ein politischer Scharfmacher gewesen, sondern habe ausgewogene politische Positionen vertreten. Er sei ein belesener Mann mit Herz für die weniger Begünstigen in der Gesellschaft gewesen. „Die verbreitete Hetze gegen Asylbewerber heute würde ihm total gegen den Strich gehen, Manfred wäre der Erste, der heute einen Flüchtling aufnimmt“, sagt der Freund.

          Nachbarn beschreiben ihn als besorgten Familienvater

          Diese Einschätzung teilt Günter Pabst, Vorsitzender des Arbeitskreises Städtepartnerschaft Schwalbach-Olkusz. Er spricht von einer „angesehenen, beliebten Familie“, die sehr hilfsbereit gewesen sei und sofort bereitwillig polnische Austauschgäste aufgenommen habe, als es einmal an Schlafplätzen fehlte.

          Der langjährige Freund, den die Polizei mehrmals verhörte, zeichnet ein Charakterbild des Beschuldigten, das in keiner Weise zu einem brutalen Serienmörder passt. Er schildert Manfred S. als fürsorglichen und besorgten Familienvater, der seine Tochter „heiß und innig liebte“. Auch hilfsbereit sei S. gewesen, gemeinsam mit einem Kompagnon habe er vor der Rente einen kleinen Betrieb für Entrümpelungen und Gartenarbeiten geführt. „Gewalt war ihm völlig fremd“, sagt der Freund.

          All das, was dem gestorbenen Rentner nun zur Last gelegt werde, passe einfach nicht – er habe in den vergangenen zwei Jahren immer wieder nachgedacht, ob es irgendwelche Hinweise im Verhalten seines Freundes auf Gräueltaten gegeben habe, doch dies sei nicht der Fall: „Der Mensch, der hier in den Medien beschrieben wird, war nicht Manfred.“ Er glaube fest an seine Unschuld bis zum Beweis des Gegenteils.

          Manche sprechen von Vorverurteilung

          Diese Einschätzung teilt der Schwalbacher Josef Nickel, ein ortsbekannter Sozialdemokrat, der den Beschuldigten ebenfalls seit 1978 kannte und dessen Leidenschaft für Jazzmusik teilte. Er sei „empört über die Vorverurteilung“, sagt er. Es sei unerhört, dass die Polizei die Ermittlungsgruppe sofort „Alaska“ nannte, wo jeder in Schwalbach wisse, dass dies der Spitzname von Manfred S. gewesen sei, weil er nach einer Alaska-Reise ein Jahr lang jedem so intensiv von Land und Leuten vorgeschwärmt hatte, dass er in Musikerkreisen nur noch „Alaska“ hieß.

          In mehreren Jazzbands habe der Beschuldigte Klarinette gespielt, und er habe es sogar gut vertragen, wenn er wegen schräger Töne veralbert wurde: „Das macht nicht jeder Musiker mit“, sagt Nickel. Der „Alaska“ sei ein durch und durch hilfsbereiter Kerl gewesen, mit Prostituierten habe er schon gar nichts im Sinn gehabt.

          Nickel erinnert sich daran, dass S. auch Entrümpelungen im Frankfurter Rotlichtmilieu übernommen habe. Er gab sie jedoch auf, weil sie nicht lukrativ, aber arbeitsintensiv gewesen seien. Vielleicht habe dem Rentner da jemand die Fässer mit den Leichenteilen untergeschoben, mutmaßt Nickel. Denn Manfred S. sei so hilfsbereit gewesen, dass er sicher auch fremde Fässer bei sich abgestellt habe, wenn ihm dafür ein guter Grund genannt worden wäre. Nickel glaubt fest an einen Irrtum, leider könne sich der Verstorbene nicht mehr wehren oder zur Klärung beitragen.

          Er habe nie abfällig über Frauen gesprochen

          Laut Nickel stand die Garage, in der Verwandte nach dem Tod von S. die Fässer mit den Leichenteilen fanden, häufig offen. S. habe sogar die Schlüssel in seinem VW-Pritschenwagen über Nacht oft steckenlassen. Er warnt deshalb vor Vorverurteilungen und widerspricht den Darstellungen des Beschuldigten in den Medien: „So war ,Alaska‘ nicht.“

          Eine gewisse Unordentlichkeit bescheinigt dem Beschuldigten auch Günter Gernet, der von 1994 bis 1998 mit S. in der Overall Jazz Gang spielte. „Er ließ überall seinen Kram rumliegen und war schlampig“, sagt er. Doch sonst gebe es über den Musikkollegen nichts Auffälliges zu berichten. Auch in den vergangenen Jahren sei der Kontakt nie ganz abgebrochen, er wohne in der Nachbarschaft von S., man habe sich immer freundlich über den Gartenzaun hinweg gegrüßt.

          Dass S. Frauen bestialisch ermordet haben soll, will Gernet nicht glauben. Selbst nach zwei Bierchen nach einem Auftritt habe dieser in keiner Weise je abfällig über Frauen gesprochen. Ihm tue nun besonders die Tochter von Manfred S. leid, die all die schrecklichen Dinge über ihren gestorbenen Vater lesen müsse.

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