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Serie von Banküberfällen : Wenn früh am Morgen der Geldautomat explodiert

  • -Aktualisiert am

Spuren der Verwüstung: Bei der Sprengung eines Geldautomaten in Mönchengladbach entstand hoher Sachschaden. Bild: dpa

In Nordrhein-Westfalen jagen Bankräuber reihenweise Geldautomaten in die Luft. Ermittler versuchen, den brutalen Sprengkommandos auf die Spur zu kommen.

          In der Gartenstadt, einem grünen Vorort von Krefeld, lässt es sich gut leben. Bestens angebunden ist die Gartenstadt zudem: Bis zur nächsten Autobahnauffahrt sind es nur wenige Minuten. Diesen Vorteil wussten diese Woche auch brutale Bankräuber zu schätzen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Gegen 3.50 Uhr sprengten sie in der Sparkassen-Filiale an der Traarer Straße einen Geldautomaten und stahlen die Geldkassette. Blitzschnell ging der offensichtlich minutiös vorbereitete Überfall über die Bühne. Schon wenige Augenblicke nach der Explosion brausten die Täter in einem gut motorisierten Fahrzeug Richtung Autobahn auf und davon.

          Täter gehen immer nach derselben Methode vor

          Es war der mittlerweile 35. Geldautomat, den bisher unbekannte Banden in diesem Jahr allein in Nordrhein-Westfalen gesprengt haben. Die Serie begann am 14. März an einem Automaten der Sparkasse Selfkant, neun Tage später folgte eine Sprengung in Kranenburg. Die maskierten Täter gehen immer nach derselben Methode vor: Tief in der Nacht dringen sie in die SB-Räume mit den Geldautomaten ein. Sie kleben die Automaten luftdicht ab und leiten Gas hinein, das sie dann mit einer Zündschnur zur Explosion bringen.

          Sparkassen, Postbank-Filialen, Filialen von Volksbanken oder der Deutschen Bank haben die Spreng-Räuber in Nordrhein-Westfalen schon heimgesucht. In Bottrop, Hilden, Oelde und Wermelskirchen brachten Täter auch Geldautomaten in Pavillons auf den Parkplätzen von Baumärkten oder Möbelhäusern zur Explosion. Auf eines legen die Täter beim Auskundschaften stets besonders Wert: auf einen guten Fluchtweg.

          In der vergangenen Woche hat Uwe Jacob, der Direktor des Landeskriminalamts (LKA) Nordrhein-Westfalen, eine spezielle Ermittlergruppe eingerichtet, um die spektakulären Spreng-Überfälle zentral und umfassend auszuwerten und den Tätern endlich auf die Spur zu kommen. Geführt wird die Gruppe von Dietmar Kneib, dem Dezernatsleiter Organisierte Kriminalität im LKA. Kneib sagt, es seien mehrere Banden am Werk. Einige von ihnen agierten allem Anschein nach von Holland aus. Denn die Attacken häufen sich gerade in ländlichen Gemeinden im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Nur 20 Minuten vor dem Sprengkommando in Krefeld wollte eine andere Bande in Goch Beute machen. Doch in diesem Fall hielt der Automat auf dem Gelände eines Baumarkts dem Sprengversuch stand.

          Zahl der Attacken steigt trotz Präventionsbemühungen

          Bei ihren Explosions-Attacken gehen die Räuber ohne Skrupel vor. Oft entsteht hoher Sachschaden. In Krefeld-Gartenstadt wurde am Dienstag die Decke der Filiale schwer beschädigt. „Zum Glück wurden bisher noch keine Hausbewohner oder zufällig vorbeikommende Passanten verletzt“, sagt Ermittler Kneib. Zudem flüchten die Täter stets ohne jede Rücksicht mit schnellen Autos, die sie für ihre Überfälle gestohlen haben. „Fluchtfahrten mit drastisch überhöhten Geschwindigkeiten sind keine Seltenheit.“ Anfang September versuchte die Polizei, einen dunklen Audi in Düsseldorf zu stoppen. Zahlreiche Streifenwagen und ein Polizeihubschrauber waren im Einsatz. Doch der schwere Wagen raste ungehindert durchs westliche Ruhrgebiet, um dann in den Niederlanden zu verschwinden.

          Die neue LKA-Ermittlungsgruppe arbeitet eng mit den Kollegen von der Polizei in den Niederlanden zusammen. Man mache auch von allen bewährten Instrumenten zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität Gebrauch, sagt Kneib. So werden Spuren, die an den Tatorten gesichert werden, nun zentral im kriminaltechnischen Institut des LKA untersucht. „Parallel dazu ist die technische Prävention ein ganz wichtiger Baustein unserer Arbeit.“ Intensiv ist die Polizei derzeit mit den Banken in den besonders betroffenen Regionen darüber im Gespräch, wie sie ihre Automaten beispielsweise mit Farbpatronen sichern können, die das Geld bei einer Explosion unbrauchbar machen. „Es geht auch darum, die Tatgelegenheiten durch Schließzeiten deutlich zu reduzieren“, sagt Kneib. Tatsächlich verriegeln manche Banken mittlerweile ihre SB-Räume für einige Stunden in der Nacht.

          Trotz aller Präventionsbemühungen hat die Zahl der Spreng-Attacken auf Geldautomaten auch in Nordrhein-Westfalen zuletzt noch einmal zugenommen. Allein im Oktober schlugen die kriminellen Sprengkommandos schon elf Mal zu – unter anderen in Mönchengladbach, Herzogenrath, Würselen, Kleve, Titz und am Dienstag dann eben in Goch und Krefeld. Für die erfahrenen Ermittler wie Kneib ist das keine Überraschung. Ob Wohnungseinbruchsbanden oder Geldautomatenbanden, die dunklen Monate im Herbst und Winter sind für alle organisierten Kriminellen mit kalkuliertem Fluchtverhalten „gute“ Monate.

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