https://www.faz.net/-gum-tleu

Selbstmord eines Schülers : Tarnname „Amoklauf 6. Dezember“

Hochsicherheitstrakt: Beamte bewachen das Technische Gymnasium Offenburg Bild: AP

„Land warnt vor Amokläufer“ titeln am Nikolausmorgen die Tageszeitungen in Baden-Württemberg. Die Schulen sind von einem im Internet angekündigten Amoklauf bedroht. Nach einem Großeinsatz findet die Polizei die Leiche eines Schülers. Ist er der Gesuchte? Eine Reportage von Rüdiger Soldt.

          4 Min.

          Helena wickelt gerade ein englisches Gedicht und Süßigkeiten zum Päckchen ein - Christmas-Cracker für die Eltern. Helena, Mathieu, Simon und die anderen 20 Schüler der Klasse 6 c haben in der ersten Stunde mit ihrer Lehrerin über alles diskutiert - den an einer Schule Baden-Württembergs angedrohten Amoklauf und über brutale Computerspiele überhaupt. „Meine Mutter hat mir nichts erzählt, ich habe es dann erst in der Schule erfahren, daß da jemand einen Anschlag vorhat. Der hat das bestimmt nur so aus Spaß ins Internet geschrieben“, sagt Helena. „Ich habe es erst im Autoradio gehört, als wir zu Schule fuhren“, sagt der elf Jahre alte Simon. „Baden-Württemberg ist groß, ich habe keine Angst, und diese Spiele machen nur fünf Minuten Spaß.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Schüler des Stuttgarter Wagenburg-Gymnasiums - einer Schule mit deutsch-französischem Zug - scheinen schon am Morgen abgeklärt zu sein. „Unsere Schüler sind trotz der Warnung vor dem Amokschützen alle in den Unterricht gekommen“, sagt Studienassessorin Claudia Schöllkopf. Vor 20 Minuten hat es eine Pausenversammlung gegeben. Die Schulleiterin hat mit den Schülern über die Drohungen des vermeintlichen Amokläufers gesprochen. „Die Schüler sagen: Das kann doch überall passieren, über die aggressiven Computerspiele diskutieren wir schon häufiger.“ Am Gymnasium ist nur eine Schülerin entschuldigt worden, zwei werden am frühen Vormittag von den Eltern abgeholt, acht Eltern erkundigen sich telefonisch nach der Lage.

          „Das Leben ist lebensgefährlich“

          Einige Eltern hätten am Morgen besorgt angerufen, sich dann aber doch entschieden, die Kinder zur Schule zu schicken. Das Kollegium habe in einer Dienstbesprechung über die Lage gesprochen, sagt Claudia Schöllkopf. Und Schulleiterin Petra Wagner ergänzt: „Wir haben in der großen Pause eine Pausenkonferenz gemacht und gesagt: Die Eltern, die Angst haben, können ihre Kinder mitnehmen. Wir sagen den Kindern: Das Leben ist lebensgefährlich, Hysterie bringt nichts.“

          Heimweg unter Polizeischutz: Schüler des Technischen Gymnasiums Offenburg

          Von der angespannten und nervösen Stimmung im Innen- und Kultusministerium ist im Wagenburg-Gymnasium nichts zu spüren, auch die vielen Call-In-Sendungen der privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunksender am Mittwoch morgen haben zumindest an dieser Schule weder Lehrer noch Schüler hysterisch machen können. Man ist besorgt, aber nicht aufgeregt. Ein Polizeiauto ist vor der Schule nicht zu sehen. An anderen Schulen in Baden-Württemberg holen beunruhigte Eltern ihre Kinder zum Teil unter Tränen wieder ab, weil sie erst im Lauf des Vormittags von den Drohungen des Jugendlichen gehört haben. Einige Schulen werden geschlossen, in jedem der vier Regierungspräsidien Baden-Württembergs habe es Schulschließungen im „einstelligen Bereich“ gegeben, heißt es.

          „Er wollte Blut sehen“

          Ganz anders ist die Stimmung im Landtag an diesem Mittwoch morgen. Finanzminister Gerhard Stratthaus hält seine Haushaltsrede. Als er über die Ausgaben für die Polizei spricht, sieht man, wie Ministerpräsident Günther Oettinger, Innenminister Heribert Rech und Kultusminister Helmut Rau (alle CDU) die Lage besprechen. Oettinger steht vor der Regierungsbank und spricht mit den beiden. Seit Dienstag morgen stehen beide Ministerien in ständigem Kontakt: Seit dem 4. Dezember weiß der Innenminister, daß ein Jugendlicher im Internet einen Amoklauf für den Nikolaustag angekündigt hat.

          Mit dem Tarnnamen „Amoklauf 6. Dezember“ hatte der Jugendliche am Internet-Chat des Ego-Shooter-Spiels „Counter Strike“ teilgenommen und mehrfach offenbar aggressiv mit einem Amoklauf gedroht. Der Jugendliche gab seine Identität nicht preis, aber zwei Mitspieler in Rheinland-Pfalz wendeten sich an die Polizei. „Das sind keine Angeber, die Aufmerksamkeit erzeugen wollen“, sagen Ermittler der Polizei. „Die mußte man ernst nehmen.“ Polizeipräsident Hetger sagt über den verdächtigen Jugendlichen: „Er hat gesagt, er wolle Blut sehen, er hat bei dem Killerspiel auf die eigenen Leute geschossen und wild in der Gegend herumgeballert.“

          Weitere Themen

          Wie riecht ein USB-Stick?

          Datenträgerspürhunde : Wie riecht ein USB-Stick?

          Auch als Reaktion auf den Missbrauchsfall in Lügde setzt die Polizei nun Datenträgerspürhunde ein. Im Zeitalter der Digitalisierung wird das Schnüffeln nach Datenträgern bei der Aufklärung von Kriminalfällen immer wichtiger.

          Topmeldungen

          Zögern in Wolfsburg: VW dürfte doch kein neues Werk in der Türkei bauen.

          F.A.Z. exklusiv : Bulgarien lockt VW mit mehr Geld

          Wegen der türkischen Offensive in Syrien legt VW Pläne für ein Werk nahe der Metropole Izmir auf Eis. Nun hofft Sofia, doch noch das Rennen um die begehrte Milliardeninvestition zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.