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Deutsche Sekte in Chile : Arzt der „Colonia Dignidad“ droht Haft

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Hinter diesen Mauern herrschte das Grauen: Die deutsche Sekte „Colonia Dignidad“ in Chile (Archiv-Bild). Bild: dpa

In einer deutschen Siedlung in Chile wurden Menschen über Jahre missbraucht, gefoltert und als Zwangsarbeiter eingesetzt. Die deutsche Justiz tut sich mit der Aufarbeitung seit vielen Jahren schwer. Doch nun scheint in Krefeld Bewegung in die Sache zu kommen.

          Für den ehemaligen Sektenarzt Hartmut Hopp aus der berüchtigten Colonia Dignidad in Chile könnten die Tage in Freiheit gezählt sein. Die chilenische Justiz hatte beantragt, dass Hopp eine fünfjährige Haftstrafe wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch in Deutschland verbüßt.

          Die Krefelder Staatsanwaltschaft will die Prüfung des Antrags im kommenden Monat abschließen. Das kündigte ein Behördensprecher auf Anfrage an. Der umstrittene Mediziner der berüchtigten „Colonia Dignidad“ in Chile lebt seit Jahren unbehelligt in Krefeld. Nach Einschätzung seines Anwalts wird dies auch so bleiben.

          In Chile war Hopp 2011 wegen Beihilfe zu sexuellem Kindesmissbrauch in 16 Fällen verurteilt worden. Er hatte sich aber nach Deutschland abgesetzt, bevor die Strafe zwei Jahre später bestätigt und rechtskräftig wurde.

          Hopp weist alle Vorwürfe zurück

          Weil er als Deutscher nicht an Chile ausgeliefert werden darf, hatte der Oberste Gerichtshof Chiles 2014 beschlossen, die Vollstreckung der Strafe in Deutschland zu beantragen. Hopp hat sämtliche Vorwürfe stets zurückgewiesen. Sie entbehrten jeder Grundlage. Die Krefelder Staatsanwaltschaft prüft, ob das Urteil bestimmten rechtlichen Mindeststandards entspricht.

          Auch heute noch leben Menschen in der „Colonia Dignidad“, wie diese im Januar 2016 aufgenommene Frau. Der Sektengründer und 1961 wegen Kindesmissbrauchs aus Deutschland geflohene Paul Schäfer ist vor Jahren verstorben.

          Hopps Anwalt Helfried Roubicek bestreitet dies vehement und hat eine Vielzahl von Einwänden erhoben. Dem Ausgang der Prüfung sehe er gelassen entgegen: „Mein Mandant ist noch nach der 100 Jahre alten Strafprozessordnung in Chile verurteilt worden.“ Diese sei schon vor vielen Jahren vom damaligen chilenischen Staatspräsidenten Eduardo Frei Ruiz-Tagle als „inquisitorisch, absolutistisch und geheim“ bezeichnet worden.

          „Das Begehren hat nicht die geringsten Aussichten auf Erfolg“, sagt der Rechtsanwalt. Notfalls werde man den Rechtsweg bis zur Verfassungsbeschwerde ausschöpfen.

          Hopp soll rechte Hand des Sektengründers gewesen sein

          Der Sprecher der Krefelder Staatsanwaltschaft, Axel Stahl, sagte, nach Ende der Prüfung werde man dem Krefelder Landgericht empfehlen, die Strafvollstreckung entweder zu übernehmen, oder dies abzulehnen. Eine dritte Möglichkeit gebe es auch noch: Weitere Aufklärung anzuregen.

          Hopp soll die rechte Hand des 2010 gestorbenen Sektenführers Paul Schäfer gewesen sein, der 2006 wegen Kindesmissbrauchs in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war. Die Sekte war Anfang der 1960-er Jahre aus Siegburg bei Bonn ausgewandert.

          In der „Colonia Dignidad“, etwa 350 Kilometer südlich von Chiles Hauptstadt Santiago, wurden während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet politische Häftlinge gefoltert und ermordet.

          Der am Donnerstag angelaufene Kinofilm „Colonia Dignidad“ von Florian Gallenberger hatte das Interesse am Fall Hopp wieder aufleben lassen. Der deutsche Oscarpreisträger hat die Vorgänge in der Colonia Dignidad mit den prominenten Hauptdarstellern Emma Watson und Daniel Brühl verfilmt.

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