https://www.faz.net/-gum-9vrnn

Sechs Tote in Rot am See : Die Bluttat eines Einzelgängers

  • -Aktualisiert am

Polizisten am Tatort in Rot am See Bild: EPA

Im Nordosten Baden-Württembergs hat ein Sportschütze sechs Menschen erschossen – offenbar ausschließlich Verwandte. Die Polizei rief der mutmaßliche Täter anschließend selbst.

          2 Min.

          In einem sanierten Sandsteinklinker-Haus in Rot am See, einer kleinen Gemeinde mit knapp 5000 Einwohnern im Nordosten Baden-Württembergs, hat sich am Freitagmittag ein Familiendrama ereignet. Um 12.48 Uhr informierte ein 26 Jahre Deutscher die Polizei darüber, dass er mehrere Familienmitglieder getötet habe. Schon um 12.58 Uhr nahmen örtliche Polizeikräfte aus Crailsheim den mutmaßlichen Täter fest. An diesem Samstag soll er dem Haftrichter vorgeführt werden.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Bei dem Mann handelt sich um einen Sportschützen, der sich bei der Planung seiner Tat offenbar an Amoktaten orientierte und in Besitz eines gültigen Waffenscheins war. Offenbar war er auch Mitglied des Schützenvereins. Sicher ist, dass der Täter mit allen Opfern verwandt ist. Laut Ermittlungen tötete er drei Frauen im Alter von 36, 56 und 62 Jahren sowie drei Männer im Alter von 36, 65 und 69 Jahren. Darunter waren vermutlich auch seine Eltern. Ein weiteres Familienmitglied ist noch in Lebensgefahr.

          Ein Zwölfjähriger und ein Vierzehnjähriger mussten die Tat mit ansehen und wurden ebenfalls bedroht. Ein Kriseninterventionsteam betreut laut Polizei die beiden Jugendlichen und weitere Augenzeugen. Der mutmaßliche Täter habe selbst in dem Haus gelebt, in dem er die Tat verübt habe. Auch einige der Opfer hätten in dem Gebäude gelebt.

          Opfer waren Familienmitglieder

          In Rot am See, im fränkischen Teil Baden-Württembergs an der Grenze zu Bayern gelegen, galt der mutmaßliche Täter als Einzelgänger. Er soll sich intensiv mit Computerspielen beschäftigt haben. Bislang sei der junge Mann nicht strafrechtlich aufgefallen.

          Die Kriminalpolizei wird die Ermittlungen übernehmen und versuchen, die Hintergründe der Tat aufzuklären.

          Vier Leichen fand die Polizei außerhalb der Gaststätte „Deutscher Kaiser“ in der Bahnhofstraße, zwei innerhalb des Hauses. „Wir wissen, dass der Täter nicht wahllos auf unbekannte Personen geschossen hat, sondern dass es Personen aus seinem Familienkreis gewesen sein müssen“, sagte ein Polizeisprecher. Auch das Sondereinsatzkommando (SEK) war angefordert worden. Bevor diese Einheit aber am Tatort ankam, konnte der Täter schon festgenommen werden.

          Bei der Tatwaffe soll es sich um eine 9-Millimeter-Pistole gehandelt haben. Als der Mann nach seiner Tat bei der Polizei anrief, gelang es offenbar, ihn am Telefon zu halten. Der Präsident des Polizeipräsidiums Aalen sagte am Freitagabend auf einer Pressekonferenz: „Er konnte am Ort gehalten werden, wir konnten mit ihm ein geordnetes Gespräch führen. Zum Motiv können wir noch nichts sagen. Wir nehmen an, dass es ein Familiendrama war.“

          Nach Informationen der „Südwest-Presse“ sollen die Eltern des mutmaßlichen Täters getrennt gelebt haben; die Mutter war offenbar zur Beerdigung ihrer eigenen Mutter aus Freiburg angereist. Die Beerdigung sollte an diesem Samstag stattfinden, deshalb hatten sich wohl mehrere Familienangehörige in Rot am See getroffen. Das Wirtshaus der Familie soll nur sporadisch geöffnet gewesen sein und als Sportkneipe vor allem von Fußballfreunden besucht worden sein.

          Am Nachmittag brachte die Polizei den mutmaßlichen Täter ins Polizeipräsidium Aalen zum Verhör. Weil der Rechtsanwalt am Nachmittag noch nicht anwesend war, konnte der Verdächtige noch nicht verhört werden. Die Polizei hofft, dass sie durch das Verhör mehr Klarheit über den genauen Tatablauf und die Motive des Schützen erfährt.

          Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) sprach den Angehörigen der sechs Todesopfer sein Mitgefühl aus. „Wir haben keinerlei Informationen, dass es sich um eine Amok- oder Terrortat oder ähnliches handelt“, sagte Strobl. Die Initiative „Sportmordwaffen“ machte die deutsche Waffengesetzgebung für die Tat verantwortlich: „In Deutschland sind seit dem Amoklauf in Winnenden vor zehn Jahren mehr als 80 Menschen mit Schusswaffen von Sportschützen erschossen worden. Das sind mehr als sieben Mal so viel wie in der Winnender Schule“, sagte ein Sprecher der Initiative mit Blick auf den Amoklauf in Winnenden. Es müsse zukünftig unterbunden werden, dass psychisch Kranke, Extremisten und Alkoholiker sich Sportwaffen beschaffen könnten. Am 11. März 2009 hatte der Amokschütze Tim K. in Winnenden 15 Menschen getötet.

          Weitere Themen

          „Wir sind Deutschland, wir gehören zusammen“

          Trauerzug in Hanau : „Wir sind Deutschland, wir gehören zusammen“

          Nach knapp 6000 Menschen am Samstag sind am Sonntag abermals so viele Männer, Frauen und Kinder in Hanau auf die Straße gegangen. Sie demonstrierten nach dem Massenmord gegen Rassismus, Terror und Hetze. Der Rathauschef sprach eine Bitte aus.

          Topmeldungen

          Wer hätte es ihnen zugetraut? Peter Tschentscher lässt sich von SPD-Landeschefin Melanie Leonhard (links) und seiner Frau beklatschen.

          Hamburg hat gewählt : Tschentschers Plan ist aufgegangen

          Hamburg beschert der SPD fast vergessene Glücksgefühle. Der Erste Bürgermeister bleibt im Amt. Er könnte sich sogar den Partner aussuchen. Würde er lieber mit dem Verlierer CDU regieren als mit kraftstrotzenden Grünen?

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland zu regieren. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.