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Entführer von Maria H. : Er sprach früh von „verbotenen Sachen“

War lange verschwunden: Maria H. Bild: EPA

Im Fall Maria H. wird der Angeklagte, der das Mädchen entführte und über Jahre sexuell missbrauchte, zu sechs Jahren Haft verurteilt. Kennengelernt hatte er sie im Chatforum eines Online-Spiels – er nannte sich „Karlchen“.

          Maria H. war 13 Jahre alt, als sie der 52 Jahre alte Bernhard H. im Internet kennenlernte. Später missbrauchte er sie sexuell und brachte sie schließlich fünf Jahre, drei Monate und 27 Tage unter seine Kontrolle, um mit ihr durch Ungarn, Polen und Slowenien zu reisen und auf Sizilien ein konspiratives und ärmliches Leben zu führen. Er nannte sich in Internetforen „Karlchen“, sie chattete unter dem Namen „Perlemaria“. Schon 2012 hatten sie sich im Chatforum eines Online-Spiels kennengelernt. Ein Jahr später kam es dann zur Flucht und Entführung aus Freiburg.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der Fall Maria H. beschäftigte deutsche und ausländische Ermittler viele Jahre. Das lag an den öffentlichkeitswirksamen Suchaktionen von Marias Mutter und dem perfekten Versteckspiel des Paars. Das Verschwinden dürfte einer der aufsehenerregendsten Fälle von „Cyber-Grooming“ in Deutschland seit Existenz des Internets sein. Beim „Cyber-Grooming“ dringen Erwachsene oftmals mit sexuellen Absichten per Chat in die Lebenswelt von Kindern ein, damit diese sich schließlich unterordnen.

          Am 31. August 2018 konnte sich Maria H. aus der Gewalt des aus Nordrhein-Westfalen stammenden Elektronikers befreien. Anfang September, eine Woche später, nahm die Polizei den mutmaßlichen Kindesentführer im sizilianischen Licata fest. Seit Mai verhandelte das Freiburger Landgericht über den Fall. Die auf Kindesmissbrauch spezialisierte Staatsanwältin Nikola Novak wirft Bernhard H. sexuellen Missbrauch und Kindesentziehung vor. Novak führte im vergangen Jahr auch das Ermittlungsverfahren gegen den Ring pädokrimineller Männer, die einen sieben Jahre alten Jungen aus Staufen im Breisgau über Jahre vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen hatten. Im Fall Maria H. beantragte die Staatsanwältin für Bernhard H. auch Sicherungsverwahrung. Und sie plädierte für eine Haftstrafe von sieben Jahren und drei Monaten.

          Das Gericht verurteilte den Angeklagten am Dienstag wegen schwerer Entziehung Minderjähriger, wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Verbreitung pornographischer Schriften zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren. Außerdem muss er an die Mutter des Mädchens ein Schadensgeld zahlen. Weil der Angeklagte keinen Hang zur Pädophilie habe, von ihm nach der Haftentlassung keine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgehe, verzichtete das Gericht darauf, die vorsorgliche Unterbringung des Manns in der Sicherungsverwahrung anzuordnen. Das „breite sexuelle Erregungsmuster“ Bernhard Hs. reiche nicht aus, um eine „pädophile Nebenströmung“ zu attestieren.

          „Absolut außergewöhnlicher Fall“

          „Es war ein absolut außergewöhnlicher Fall“, sagte der Richter. Es sei um die strafrechtliche Aufarbeitung einer Beziehung eines 50 Jahre alten Manns mit einem damals zwölf Jahren alten Mädchen gegangen, um das gemeinsame Untertauchen beider und ihr gemeinsames Leben im Ausland. In den Chat-Beiträgen des Angeklagten sei „sehr schnell von Liebe“ die Rede gewesen, aber er habe der Zwölfjährigen auch angeboten, mit ihr „verbotene Sachen“ zu machen. Der Angeklagte habe trotz einer Gefährderansprache und nach dem Scheitern seiner Ehe weiter die Nähe zu Maria H. gesucht. „Mit einer kindlich jugendlichen Sprache und mit devotem Agieren gelang es dem Angeklagten, das Mädchen immer stärker für sich zu gewinnen“, sagte der Richter. Außerdem habe er Chats mit pornographischen Inhalten geschrieben und das „Mutterfeindbild“ des Mädchens verstärkt.

          Schon vor der Flucht am 4. Mai 2013 hatte H. das junge Mädchen in einem Freiburger Hotel sexuell missbraucht. Nach der Flucht nach Italien über Polen, Ungarn und Slowenien nach Sizilien sei es regelmäßig zu sexuellen Begegnungen gekommen, insgesamt könne man 98 Fälle nachweisen. „Zum ersten vaginalen Geschlechtsverkehr kam es in Polen, als das Opfer noch keine 14 Jahre alt war.“ Von 2015 an, als das Paar in einer Ruine in Licata lebte, sei es dann kaum noch zu sexuellen Begegnungen gekommen.

          Nach ihrem 18. Geburtstag habe Maria H. ihre Flucht vorbereitet. Sie verließ die gemeinsame Wohnung, hinterließ einen Abschiedsbrief, fuhr nach Mailand, wo sie ein Bekannter ihres Vaters abholte. In der Nacht vom 30.auf den 31. August sei sie bei ihrer Mutter im Freiburger Stadtteil Weingarten eingetroffen. Am 6. September sei Bernhard H. verhaftet worden. Das Gericht wertete die Aussagen des Opfers als glaubhaft, auch wenn sie zu Beginn der Vernehmungen den Angeklagten in Schutz genommen habe. Das Gericht nehme aber dem Angeklagten nicht ab, „dass es sich um eine geistige Verbindung gehandelt hat, er sprach schon wenige Tage nach dem Kennenlernen von verbotenen Sachen“.

          Kennzeichnend für den Fall sei aber auch, so der Richter, dass sich nach der Beendigung der sexuellen Beziehung im Jahr 2015 über einen Zeitraum von drei Jahren eine „geistige Beziehung“ entwickelt habe, dass Maria H. wahrscheinlich nie mit körperlicher Gewalt zum Sex gezwungen worden sei. Allerdings habe der Angeklagte eine erhebliche seelische Belastung seines Opfers in Kauf genommen und sie zu einer Abhängigen gemacht. Bei der Strafzumessung wertete das Gericht es zugunsten des Angeklagten als entlastend, dass er nicht vorbestraft sei, dass er ein Geständnis abgelegt habe, auch wenn es nicht von Reue geprägt gewesen sein. Als strafverschärfend wertete das Gericht die Tatsache, dass der Angeklagte völlig beiseitegeschoben habe, dass Maria H. während der Flucht ein Kind gewesen sei, dass er eine Schwangerschaft in Kauf genommen und sie sogar Schuldgefühle ihm gegenüber entwickelt habe.

          Maria H. verfolgte die Verlesung des Urteils regungslos und sehr angespannt, Bernhard H. ebenso.

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