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Wegen Missbrauchs vor Gericht : Schwimmlehrer filmte seine Taten unter Wasser

Kinder nehmen an einem Schwimmkurs teil. (Archivbild) Bild: dpa

In Baden-Baden hat der Prozess gegen einen Schwimmlehrer begonnen, der 40 Mädchen immer wieder missbraucht haben soll. Sechs davon soll er penetriert haben. Bisher hat der Angeklagte nicht gestanden.

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          Die Mädchen heißen Anna, Rosa, Miriam oder Anna-Maria. Sie waren vier, sechs oder zwölf Jahre alt. Ihre Eltern meldeten sie nichtsahnend bei privaten Schwimmschulen an, brachten sie in zumeist kleine Schwimmhallen in Baden-Baden, Lörrach, Achern, Gernsbach oder Bad Herrenalb. Mal waren es die Therapiebecken einer Rehaklinik, mal waren es Familienschwimmbäder wie das „Cuppamare“ in Kuppenheim.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Mädchen trafen in den Schwimmhallen dann den heute 34 Jahre alten Dimitri T., der sich als Schwimmlehrer vorstellte. Der jungenhaft aussehende Mann fand schnell das Vertrauen der Kinder, seine Stimme ist sanft, sein Auftreten zurückhaltend. Doch der Schwimmlehrer interessierte sich eigentlich nicht dafür, den Kindern Brust- oder Rückenschwimmen beizubringen. In 192 Fällen soll er die 40 Mädchen immer wieder missbraucht haben, bei 37 Mädchen reichten die Beweise der Staatsanwaltschaft für eine Anklage.

          T. handelte laut Staatsanwaltschaft stets nach dem gleichen Muster: Er separierte die Mädchen im Becken von der Schwimmgruppe und gab vor, ihnen eine zusätzliche Hilfestellung zu geben. Dann berührte er sie, in einigen Fällen versuchte er auch, mit seinem Finger oder mit seinem Glied in sie einzudringen. In einigen Fällen filmte er die Geschlechtsteile der Mädchen und seine strafbaren Handlungen mit einer Unterwasserkamera. In 192 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft ihm sexuellen Missbrauch vor, in sechs weiteren Fällen schweren sexuellen Missbrauch, das sind die härteren Fälle, in denen er die Körper penetrierte. Bei Kindern kommt der Straftatbestand der Vergewaltigung nicht zur Anwendung.

          Schwere körperliche und seelische Schäden der Opfer

          Am Mittwoch begann die Hauptverhandlung vor dem Landgericht Baden-Baden. Der Fall ist außergewöhnlich, denn selten können sexuelle Missbrauchsfälle so gut dokumentiert werden wie in diesem Fall, der sich südlich von Baden-Baden zwischen Rheinebene und Schwarzwald abspielte.

          2017 erstatten zwei Elternpaare Anzeige. Die Kriminalpolizei begann zu ermitteln. Die Auswertung von Teilnehmerlisten mehrerer privater Schwimmschulen brachte das Ausmaß des Falls zum Vorschein. „In einem Schwimmbad in Baden-Baden“, sagte die Staatsanwältin bei der Verlesung der Anklageschrift, „fasste er ein Mädchen zehn Mal an die Scheide, er schob im Wasser einfach den Badeanzug beiseite.“ Der Angeklagte habe immer wieder Schmerzen und schwere körperliche sowie seelische Schäden seiner Opfer billigend in Kauf genommen. In fast allen Fällen gelangen ihm die Missbrauchshandlungen während des Unterrichts in den Schwimmhallen, manchmal führte er die Kinder auch auf die Toilette oder in den Umkleideraum. Ein Mädchen forderte er auf, seinen Penis anzufassen. Als das Mädchen sich weigerte, soll er laut Anklage gesagt haben, er werde sie „totmachen“.

          Für die Hauptverhandlung sind neun Verhandlungstage angesetzt. Am ersten Prozesstag machte der Angeklagte nur Angaben zu seinem Lebenslauf. An diesem Donnerstag will sein Anwalt eine Erklärung verlesen, geständig ist der Mann bisher nicht.

          „Er war uns suspekt.“

          Dimitri T. besuchte den Kindergarten und die ersten beiden Grundschulklassen in der Ukraine, dann wanderten seine Eltern nach Deutschland aus. In der Nähe von Rastatt fanden sie ein neues Zuhause. Der Vater arbeitete in der Ukraine in einem Atomkraftwerk, in Deutschland dann als Schlosser. Die Mutter ist Krankenschwester. Im Jahr 2011 heiratete Dimitri T. die Tochter einer engen Freundin seiner Mutter. Die Ehe blieb kinderlos.

          In Deutschland besuchte Dimitri T. eine Grund- und später die Förder- sowie Gewerbeschule. „Ich habe viele Schulen besucht, ich weiß nicht, wie alt ich war“, sagte er vor Gericht. Er begann eine Ausbildung als Mediengestalter, brach sie ab, weil er eine Hand gebrochen hatte. Die Prüfung schaffte er nicht. Ein knappes Jahr machte er eine Ausbildung in Indien zum Webdesigner, doch diese wurde in Deutschland nicht anerkannt.

          Einen Einstieg ins Erwerbsleben fand er schließlich über private Schwimmschulen, die ihn als Honorarkraft beschäftigten. Bis zur Verhaftung im September 2017 war er als Schwimmlehrer und kurz auch als Bademeister tätig. Die Staatsanwaltschaft hat ermittelt, dass er 160 Schwimmkurse anbot. Vorbestraft ist Dimitri T. nicht. Dennoch stellt sich die Frage, ob er möglicherweise schon vor 2017 seine mutmaßlichen pädosexuellen Neigungen ausgelebt hat, denn er war ja von 2011 an als Schwimmlehrer tätig.

          Unklar ist auch, wie penibel private Schwimmschulen, die heute den Unterricht in vielen städtischen und privaten Bädern anbieten, ihr Personal aussuchen. Schwimmlehrer ist kein geschützter Ausbildungsberuf. Bei der Schwimmschule, die Dimitri T. beschäftigte, fiel dessen Neigung nicht auf. Eine private Schwimmschule in Kuppenheim lehnte es ab, ihn zu beauftragen. Begründung: „Er war uns suspekt.“

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