https://www.faz.net/-gum-82bvy

Schutz vor Einbrüchen : Gegen die Angst

  • -Aktualisiert am

Vorsorge: Eine gesicherte Wohnungstür und aufmerksame Nachbarn schützen vor Einbrechern. Bild: plainpicture/Jonny Elektra

Weil die Zahl der Wohnungseinbrüche seit Jahren steigt, will die Politik den Einbau von Sicherheitstechnik fördern. Was sind die dreistesten Tricks der Täter? Und wie kann man sich schützen?

          5 Min.

          Warum steigt die Zahl der Wohnungseinbrüche?

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit dieser Woche gibt es einen neuen Rekord: 152.000 Wohnungseinbrüche im Jahr 2014 – einer alle dreieinhalb Minuten. Ein Grund für den Anstieg ist, dass die Täter immer häufiger aus dem Ausland stammen, in kleinen Grüppchen arbeiten und schnell über alle Berge sind. Die Polizei reagiert mit spezialisierten Ermittlergruppen. In Krefeld zum Beispiel befasst sich schon seit längerer Zeit die „EK Dämmerung“ das Winterhalbjahr über ausschließlich mit Wohnungseinbrüchen. Nachdem die Fallzahlen im ersten Quartal 2015 trotzdem hochgeschnellt sind, arbeiten die 13 Experten jetzt erstmals auch im Frühjahr weiter. Am Mittwoch war Großeinsatz mit Fahrzeugkontrollen und zivilen Fuß- und Fahrradstreifen. „Wunder können wir nicht vollbringen“, sagt Frank Hörnlein, Leiter der Ermittlungskommission. Aber: „Je mehr Polizei wir auf die Straße bringen, desto weniger Einbrüche gibt es.“

          Bei mir ist nichts zu holen, verschont mich dann der Einbrecher?

          Wer keine teuren Bilder an der Wand hängen hat und Möbel von Ikea, glaubt schnell, ein Einbruch lohne nicht. Irrtum. Erstens wissen die Täter im Vorfeld nie mit Sicherheit, wie ihre Beute aussehen wird. Zweitens sagt Jochen Weber, Leiter der Ermittlungsgruppe Eigentum bei der Polizeidirektion Mannheim: „Der Normalbürger erkennt seine Schätze nicht.“ Bargeld, Schmuck und hochwertige Elektrokleingeräte wie Digitalkamera oder Smartphone besitzt fast jeder. Hauptsache, es lässt sich unauffällig wegtransportieren und schnell zu Geld machen. Das Gros der Täter sucht ohnehin nichts anderes. Wenn außerdem die angebrochene Flasche Chanel und der Scout-Ranzen fehlen, ist klar, dass die Einbrecher armutsbedingt, manchmal auch zum eigenen Gebrauch, stehlen. Längst sind nicht mehr nur die Villa oder das frei stehende Einfamilienhaus mit Garten in Gefahr. Es trifft auch die Wohnung im dritten Stock.

          Die Täter werden immer brutaler. Stimmt das?

          Nein. „Alle Erfahrungen mit Einbrechern zeigen, die wollen nicht auf die Bewohner treffen“, sagt Georg von Strünck, Leiter der Beratungsstelle Einbruchschutz beim Landeskriminalamt Berlin. Wer also nachts im Wohnzimmer verdächtige Geräusche hört, sollte nicht nur die Polizei anrufen, sondern sich auch bemerkbar machen.

          Was weiß man über die Täter?

          Die Sorge der Polizei gilt vor allem Banden, die mehr oder weniger lose organisiert sind und aus Rumänien, Georgien oder anderen Staaten stammen. Da werden Männer gecastet und zu jemandem nach Deutschland geschickt, der ihnen hilft, im Baumarkt Werkzeug zu besorgen und ein Auto auf einen Scheinhalter anzumelden. Ein Junkie macht das mitunter schon für 50 Euro. Außerdem gibt es scheinbar bettelnde Jugendliche, häufig Sinti und Roma, die tagsüber an Türen klingen, um herauszufinden, ob jemand zu Hause ist. Überall im Land kommt Beschaffungskriminalität durch örtliche Drogenabhängige dazu.

          Mit welchen Tricks arbeiten die Einbrecher?

          Auch simpelste Täter, die einen Stein durch die Terrassentür schmeißen und nicht einmal Handschuhe benutzen, weil sie gerade erst über Frankreich und Holland ins Ruhrgebiet eingereist sind und sich folglich nicht um Fingerabdrücke scheren, haben Erfolg. Die allermeisten gelangen durch Fenster oder Glastüren ins Haus, bei Wohnungen ist die Eingangstür der Angriffspunkt. Zumeist wird gehebelt, der Schließzylinder attackiert oder „geflippert“: Ein Stück Hartplastik (ideal: zerschnittene PET-Flaschen) kann reichen, um den Türschnapper aufspringen zu lassen – sofern nicht abgeschlossen ist. So leicht wird es Einbrechern laut Berliner Polizei in einem von vier Fällen gemacht. Sogenannte „Fensterbohrer“, die durch ein Loch im Rahmen mit Hilfsmitteln von innen den Fenstergriff betätigen, brauchen ein bisschen Übung. Banden gehen arbeitsteilig vor, zum Beispiel so: Einer wartet im Auto, zwei checken, ob jemand zu Hause ist, einer davon steigt ein, einer steht Schmiere.

          Was sind die raffiniertesten Tricks der Einbrecher?

          In München gibt es gelegentlich Fassadenkletterer, die sich auf schlecht gesicherte Balkontüren im ersten Stock spezialisiert haben. In Berlin haben Täter im vergangenen Sommer im Vorfeld Leute beobachtet und Schlüssel geklaut, um einfach in Wohnungen hineinzuspazieren. Besonders dreiste Einbrecher in Baden-Württemberg sind mit dem Porsche der Geschädigten abgehauen – der Schlüssel lag im Flur. Jugendliche Täter kicken vielleicht ihren Fußball in den Vorgarten, um einen Vorwand zu haben, ein Grundstück zu betreten. Geknickte Fahrscheine oder Plastikschnipsel, die in den Türrahmen gesteckt werden, verraten, ob jemand verreist ist: Wenn die Markierung tags darauf nicht am Boden liegt, kann sich der Einbrecher Zeit lassen. In Heidelberg werden neuerdings mit dem gleichen Ziel auch die Blumenkübel am Eingang vor die Haustüre gerückt.

          Weitere Themen

          Singapur – Eine Stadt von Eigentümern

          Hanks Welt : Singapur – Eine Stadt von Eigentümern

          Geht es um Immobilien, jammern die Deutschen lieber, statt zu kaufen. Statt selbst zu kleinen Kapitalisten zu werden, wollen sie Großkapitalisten enteignen. Dabei hat Singapur vorgemacht, wie man das Problem hoher Mieten löst.

          Topmeldungen

          Armin Laschet am Samstag in Warendorf

          Bundestagswahl : Was Laschet falsch macht und was richtig

          Der Kandidat der Union will auf einer Welle des Vertrauens ins Kanzleramt reiten. Das ist ein wenig, als würde die Bahn mit Pünktlichkeit werben. Oder Tinder mit ewiger Treue.
          „Viel Freizeit gibt es nicht“: Cihan Çelik vor dem Klinikum Darmstadt

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Ich bin etwas desillusioniert“

          In seiner Klinik wurden in dieser Woche schon mehr Corona-Patienten betreut, als Richtwerte der Politik vorsehen. Lungenarzt Cihan Çelik über frustriertes Personal, die Nachlässigkeit der Ungeimpften und Patienten, die ausgeflogen werden müssen.
          Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

          Michel Houellebecq : „Ich war süß und hübsch“

          In einer erstmals auf Deutsch veröffentlichten Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 2005 schreibt der französische Schriftsteller über das Verhältnis zu seiner Mutter und darüber, wie es seine Beziehung zu Frauen prägte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.