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Schütze von Idar-Oberstein : Ein Mord als Exempel

  • -Aktualisiert am

Polizisten am Tag nach der Tat an der Tankstelle in Idar-Oberstein Bild: dpa

Mario N. wollte keine Maske tragen – und erschoss einen Tankstellen-Mitarbeiter, der ihn auf die Pflicht dazu hinwies. Der Mord sei politisch motiviert gewesen, urteilte das Landgericht Bad Kreuznach nun fast ein Jahr nach der Tat.

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          Die Mutter von Alexander W. vergräbt das Gesicht in ihren Händen. Sie weint, ohne einen Ton von sich zu geben. Ein Dutzend Journalisten filmen sie, wie sie dasitzt, die braunen Haare zum Dutt gebunden, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Neben ihr sitzen ihre Anwältin und die Staatsanwältin. Der Saal 7 des Landgerichts in Bad Kreuznach ist wenige Minuten vor dem Verhandlungsbeginn an diesem Dienstag gut gefüllt. Und doch wirkt die Mutter von Alexander W. ganz allein. Fast ein Jahr hat sie auf diesen Tag gewartet. „Es war sehr kräftezehrend“, wird sie den Reportern später sagen, mit gebrochener Stimme, aber klaren Worten. Auf die Frage, ob sie das Urteil für den Mörder ihres Sohnes als gerecht empfinde, sagt sie: „Es bringt ja nie wieder mein Kind zurück. Von daher ist der Ausgang dieses Urteils nicht wirklich wichtig.“

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Der Prozess hat den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit über Monate schmerzhaft deutlich gemacht für die Frau, die vor fast genau einem Jahr ihren 20 Jahre alten Sohn verloren hat. Alexander W. hatte am Abend des 18. September 2021 Dienst in einer Tankstelle im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein. Er wies seinen Kunden Mario N. wiederholt auf die Maskenpflicht hin. Mario N. griff zum Revolver in seinem Hosenbund und erschoss ihn.

          Im Saal sitzen an diesem Morgen mehrere junge Leute, Bekannte und Freunde des Opfers. Manche haben glasige Augen. Sie blicken auf den Boden, niemand sagt etwas. Die Vorsitzende Richterin findet für Tat und Täter deutliche Worte. Sie verurteilt Mario N. zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes. Die Tötung sei politisch motiviert gewesen. Der 50 Jahre alte Mann habe sich über Jahre radikalisiert, einen Hass auf „die Regierung und das System“ entwickelt und den Tankstellenmitarbeiter „symbolisch als Repräsentanten des Systems“ betrachtet. „Der Mensch Alexander W. zählte nicht.“

          Der Angeklagte (r.) spricht am 5. September 2022 mit seinem Verteidiger, bevor die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer hält.
          Der Angeklagte (r.) spricht am 5. September 2022 mit seinem Verteidiger, bevor die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer hält. : Bild: dpa

          In dem seit März laufenden Prozess war es nicht darum gegangen, Mario N. als Täter zu identifizieren. An seiner Schuld hatte es keine Zweifel gegeben. Er hatte sich am Morgen nach der Tat der Polizei gestellt und gestanden, Alexander W. getötet zu haben. Er hatte der Polizei bereitwillig sämtliche Zugänge zu Handys und Laptops gegeben, die Richterin zitiert in ihrem Urteil aus zahlreichen Chat-Nachrichten.

          Auch der Tathergang war recht eindeutig zu rekonstruieren. Videoaufnahmen zeigen, wie Mario N. am Abend des 18. September um 19.45 Uhr die Tankstelle betritt und zwei Sixpacks Bier kaufen will – ohne Maske. Alexander W. steht an der Kasse, weist ihn auf die Maskenpflicht hin, die für Kunden in der Tankstelle gilt. Es kommt zum Streit. N. lässt das Bier wutentbrannt stehen und geht. Bevor er in seinen Wagen einsteigt, ballt er drohend die Hand zur Faust in Richtung Tankstelle. Dann kauft er sich bei einer anderen Tankstelle mehrere Dosen Bier, geht nach Hause und holt eine der beiden Waffen, die er von seinem Vater bekommen hat. Er selbst hat keinen Waffenschein.

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